Angelica Domröse: Die "Kultpaula" der DEFA

Angelica Domröse wird 1941 im Kriegsberlin geboren. Sie leidet unter den Repressalien ihres Stiefvaters.

Junge Frau mit hochgestecktem, dunklem Haar
Angelica Domröse Bildrechte: dpa

Daher will das junge Mädchen möglichst schnell von zu Hause weg und lässt sich zur Stenotypistin ausbilden. Bei einem Casting für den Film "Die Verwirrungen der Liebe" wird sie 1958 vom Regisseur Slatan Dudow entdeckt und unter 1.500 Bewerberinnen ausgewählt. So steht sie schon als 17-Jährige vor der Kamera und erlernt danach an der Filmhochschule Babelsberg und unter Helene Weigel am Berliner Ensemble das Schauspiel-Handwerk von der Pieke auf.

50 prägende Filmrollen - überstrahlt von "Paula"

Angelica Domröse ist die Effi Briest im gleichnamigen Spielfilm (1971), die Gräfin Palvner in der Fernsehserie "Wege übers Land" (1968), die Fleur Lafontaine im gleichnamigen Film: Doch trotz mehr als 50 prägender Filmrollen und deutlich mehr Theaterauftritten ist und bleibt sie für die meisten vor allem einfach die Paula aus Heiner Carows Kultfilm von 1973.

Angelica Domröse und einige ihrer Rollen

Angelica Domröse als Fleur Lafontaine
Angelica Domröse 1978 im DEFA-Film "Fleur Lafontaine". Der Film erzählt in Rückblenden die Lebensgeschichte einer Frau in der Zeit von 1918 bis 1948. Was den Film kennzeichnet: Zum einen das Spiel der Domröse, die fabelhaft die Entwicklung der mädchenhaft-flatternden, liebesbedürftigen Fleur Lafontaine zur Frau mit eigenem Standpunkt im Leben. Zum anderen der klassische Stoff des sozialistischen Films - die Geschichte vom nach dem Zweiten Weltkrieg neugeformten, neugeborenen Menschen im Sozialistschen Arbeiter- und Bauernstaat. Bildrechte: MDR/Degeto
Angelica Domröse als Fleur Lafontaine
Angelica Domröse 1978 im DEFA-Film "Fleur Lafontaine". Der Film erzählt in Rückblenden die Lebensgeschichte einer Frau in der Zeit von 1918 bis 1948. Was den Film kennzeichnet: Zum einen das Spiel der Domröse, die fabelhaft die Entwicklung der mädchenhaft-flatternden, liebesbedürftigen Fleur Lafontaine zur Frau mit eigenem Standpunkt im Leben. Zum anderen der klassische Stoff des sozialistischen Films - die Geschichte vom nach dem Zweiten Weltkrieg neugeformten, neugeborenen Menschen im Sozialistschen Arbeiter- und Bauernstaat. Bildrechte: MDR/Degeto
Angelika Domröse und Manfred Krug
Angelica Domröse mit Manfred Krug in "Wege übers Land", gedreht Ende der 60-er Jahre. Der Fünfteiler erzählt die Geschichte einer Frau, deren Mann gegen ihren Willen in den Krieg zieht. Als er zurückkehrt, hat sie ihn für tot erklären lassen, um erneut heiraten zu können. Bemerkenswert: Der Film thematisiert Flucht und Vertreibung nach dem Zweiten Weltkrieg, sonst eher Tabuthemen in der DDR. Bildrechte: MDR/RBB/DRA/Bildschirmrepro
Eine Frau vor einer bunt bemalten und beklebten Wand
Angelica Domröse DDR-Fernsehfilm "Gute Nacht,-Küsschen" Juli 1974 Bildrechte: MDR/ Klaus Winkler
Ein Paar, beide mit Hut.
Angelica Domröse und Horst Schulze in "Abschied vom Frieden". Ein Film gedreht nach dem autobiografisch getönten gleichnamigen Roman von F. C. Weiskopf. Erzählt wird die Geschichte einer Verlegerfamilie in der K.-u.-K.-Monarchie, die 1914 die politischen Umbrüche erlebt, die wenig später in den Ersten Weltkrieg führen. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Eine Frau steigt über einen Mann, der vor ihrer Wohnungstür liegt.
"Die Legende von Paul und Paula" (1973) - Paula (Angelica Domröse) und Paul (Winfried Glatzeder). Bildrechte: dpa
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"Die Legende von Paul und Paula“ macht sie selbst nicht nur in der DDR zur Legende. Schlagfertig, klug, selbstbewusst und eigenständig - aber auch romantisch, unvernünftig und verträumt - eine junge Frau, die als alleinerziehende Mutter im Realsozialismus trotzdem voller Lebenshunger und Lust auf die Liebe ist. Im Film entscheidet sich Paula nicht für die Sicherheit einer gut versorgten Existenz sondern für die unsichere Liebe zu einem 'noch' verheirateten Mann. Ihr kurzes Leben außerhalb jeder sozialistischen Norm ist denn auch zum Bersten voll mit Emotionen, Leben und Liebe. Sie selbst sagt über ihre Kultrolle:

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Angelica Domröse als Paula
Das ist Paula. Sie ist Mutter von zwei Kindern und ebenso selbstbewusst wie idealistisch. Da sie ihren Freund beim Fremdgehen ertappt, trennt sie sich von ihm und träumt seither von der großen Liebe. Bildrechte: dpa
Angelica Domröse als Paula
Das ist Paula. Sie ist Mutter von zwei Kindern und ebenso selbstbewusst wie idealistisch. Da sie ihren Freund beim Fremdgehen ertappt, trennt sie sich von ihm und träumt seither von der großen Liebe. Bildrechte: dpa
Paul (Winfried Glatzeder) liegt schlafend vor Paulas (Angelica Domröse) Wohnung.
Und das ist Paul. Paul wohnt in einer Neubauwohnung, hat einen Job beim Staat, eine Frau und ein Kind. Auch er wird von seiner Frau betrogen. Als sich Paul und Paula in einer Diskothek zufällig kennenlernen, verlieben sie sich. Doch erst nach schweren Schicksalsschlägen finden beide endgültig zueinander. Bildrechte: MDR/DREFA
Während einer Liebesnacht gehen Paula (Angelica Domröse) und Paul (Winfried Glatzeder) auf eine imaginäre Reise
Was auf den ersten Blick nach einer Liebesschmonzette aussah, war in Wirklichkeit viel mehr. Bildrechte: rbb/PROGRESS Film-Verleih/Norbert Kuhröber
Paul (Winfried Glatzeder) und Paula (Angelica Domröse) in Paulas geschmücktem Bett
Die Filmästhetik des Regisseurs Heiner Carow war außergewöhnlich. Die Kulisse war bunt und phantasievoll. Bei seiner Bildsprache ließ sich Carow von der Hippiekultur inspirieren. Bildrechte: rbb/PROGRESS Film-Verleih/Norbert Kuhröber
Die Puhdys, 1981 im DDR-Fernsehen
Besonders frisch wirkte der Film außerdem durch seinen Soundtrack. Komponist Peter Gotthard konnte die Puhdys dafür gewinnen. Bildrechte: MDR/Klaus Winkler
Frauen mit Kinderwagen stehen in einer Schlange vor einem Eisladen.
Vor allem aber sparte der Film nicht an Gesellschaftskritik. Ganz offen thematisierte er Missstände, die überall in der DDR sichtbar waren: marode Altbauten, Schlangen vor Geschäften oder alltägliche Versorgungsprobleme. Bildrechte: MDR/Mahmoud Dabdoub
Paula (Angelica Domröse) und Paul (Winfried Glatzeder)
Und für einen sozialistischen Film besonders beachtlich war, dass sich Paula aus Liebe am Ende des Films gegen die Konvention, gegen die Gemeinschaft und sogar gegen die Arbeit entscheidet. Konnte so etwa ein vorbildlicher Sozialist sein? Bildrechte: rbb/PROGRESS Film-Verleih/Herbert Kroiss
An der Fassade des Zentralkomitees der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands in Berlin-Mitte ist das Partei-Emblem mit dem Händedruck vor der roten Fahne zu sehen
Es verwundert daher nicht, dass schon vor Ende der Dreharbeiten über ein mögliches Verbot des Films diskutiert wurde. Spätestens bei der ersten internen Vorführung im Politbüro wurde den Funktionären klar, wie viel Sprengkraft in der vermeintlich harmlosen Liebesgeschichte steckte. Bildrechte: dpa
Erich Honecker auf dem FDJ-Festival im Jahr 1989.
Erich Honecker persönlich ließ sich den Film zu einer zweiten, internen Begutachtung kommen und entschied: "Der läuft". Allerdings mit einer Auflage: Die Szene, in der Paul die Mütze der Kampfgruppen vom Kopf geschlagen wird, musste gestrichen werden. Dennoch haftet an dem Film bis heute der Hauch des Fast-Verbotenen, eines Werks, in dem endlich auch mal die Probleme im Land angesprochen werden konnten. Bildrechte: dpa
Paula (Angelica Domröse, Mitte) umrahmt von Frauen ihrer Familie
Vermutlich war auch das ein Grund für die lang anhaltende Popularität der "Legende von Paul und Paula". In den Wochen nach der Premiere strömten jedenfalls Zehntausende in die Kinos, um den Film zu sehen. Bis zum Ende der DDR waren es mehr als zwei Millionen. Heute steht fest: "Die Legende von Paul und Paula" ist einer der größten Erfolge in der Geschichte der DEFA.

(Über dieses Thema berichtete der MDR auch im TV: Sachsenspiegel | 17.05.2016 | 19:00 Uhr.)
Bildrechte: rbb/PROGRESS Film-Verleih/Herbert Kroiss
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Paula (Angelica Domröse) und Paul (Winfried Glatzeder)
Bildrechte: rbb/PROGRESS Film-Verleih/Herbert Kroiss

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Jetzt gehört's ja eigentlich zu einem wie die Geburt. (…) oder die vielen Misserfolge, die ich auch hatte …

Angelica Domröse Deutschlandradio Kultur

Auch im wirklichen Leben geht sie durch viele berufliche, gesundheitliche und private Höhen und Tiefen. Als die Weigel sie 1966 aus dem Berliner Ensemble wirft, bricht für Domröse eine Welt zusammen. Doch sie rappelt sich wieder auf und macht an der Volksbühne unter Benno Besson und seiner damals ganz neuen Art der Regieführung weiter. Nach der Trennung von ihrem alkoholkranken Mann Jiří Vrštála heiratet sie 1976 den Schauspieler Hilmar Thate, der ihr in den 1980er- und 1990er-Jahren durch und aus ihrer eigenen Alkoholsucht hilft.

Biermann-Ausbürgerung und eigene Ausreise

Gemeinsam unterzeichnen Angelica Domröse und Hilmar Thate 1976 die Resolution gegen die Biermann-Ausbürgerung. Und nachdem die Angebote und Engagements dauerhaft immer karger werden, wählen beide gemeinsam schweren Herzens die Übersiedlung in die Bundesrepublik. Zur gemeinsamen Ausreise nach Westberlin im Jahr 1980 sagt sie:

Und damals hat man dringesteckt und hat gezittert und hat geweint und hat Freunde verloren - und war ein bisschen krank auch.

Angelica Domröse Deutschlandradio Kultur

Der Neustart bringt beruflich erst einmal keine überzeugenden Angebote mit sich. Doch ihr Engagement am Schillertheater bildet eine gute Basis für die Domröse im Westen. Sie steht zusätzlich auch in Stuttgart, Hamburg, Bochum und Wien auf der Bühne. Bald taucht sie auch wieder in Filmen so zum Beispiel in Helmut Dietls "Kir Royal" (1986), in der Serie "Der Alte" (1988/1990) oder als Kommissarin Vera Bilewski im "Polizeiruf 110" des SDR (1994-1998) auf. Sie arbeitet als Dozentin an der Filmhochschule "Ernst Busch" und als Regisseurin an verschiedenen Theatern.

Im Jahr 2003 erscheint ihre Autobiographie "Ich fang mich selber ein", in der sie spannend, mutig und ehrlich von ihrem Leben als Schauspielerin zwischen Kunst und Politik erzählt. Ihre eigene Persönlichkeit ist dabei ebenso wie die meisten ihrer Filmrollen von einer Mischung aus überschwänglicher Lebensfreude und zarter Zerbrechlichkeit geprägt. Gerade das macht es so spannend ihr immer wieder zuzuschauen:

Ich bin ja oft an der Kippe der Melancholie und der fast krankhaften Zerreißproben. Für die Kamera ist das natürlich ein Fressen, weil die Kamera alles sieht. Alles. Für das Leben ist das natürlich nicht immer leicht.

"Frankfurter Rundschau"

Wie die meisten der von ihr verkörperten Filmfiguren möchte Angelica Domröse noch immer hinter die Fassaden schauen und trotz ihrer inzwischen 76 Jahre in dieser Welt noch voller Kraft und Courage zu den Träumen ihres Lebens stehen.

Zuletzt aktualisiert: 05. April 2017, 10:12 Uhr

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Bildrechte: MDR/Stephan Flad

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