4. Juli 1987 750. Stadtjubiläum Mega-Doppelparty - 750-Jahr-Feier in Ost- und West-Berlin

Es gehört zu den ungeschriebenen Gesetzen einer Party, dass sich die Festgesellschaft gerne aufteilt: in Tänzer und Steher, in Vegetarier und Fleischesser oder Raucher und Nichtraucher. Was aber vor genau 25 Jahren in der damals geteilten Metropole Berlin geschah, definiert den Begriff von der "Anti-Party" vollkommen neu: Denn auch beim Feiern in Ost und West ging es um den Wettbewerb der Systeme.

Blickt man auf die über 775jährige Geschichte Berlins, erscheinen einem die 28 Jahre der Teilung fast schon als eine Randnotiz in der Stadtchronik. Selbstverständlich ist die Teilung Berlins, ihre Vorgeschichte, das damit verbundende Leid und die persönlichen Schicksale, weit mehr als das. Sie haben sich in das Gedächtnis der Stadt und ihrer Bürger eingebrannt. Der Umgang der Berliner, ihrer Politiker und natürlich auch ihrer Freunde und Besatzer, mit der Teilung, hat viele Stilblüten deutsch-deutschen Miteinanders hervorgebracht. Auf dem schmalen Grat zwischen offizieller politischer Linie und der Realität vor der eigenen Haustür, musste jeder wandeln können, der in West- oder Ost-Berlin etwas werden wollte.

Dreh- und Angelpunkt deutscher Geschichte

Als Regierungssitz beherbergte Berlin schon seit dem Mittelalter viele deutsche und europäische Herrscher. Von den Kurfürsten des märkischen Brandenburg bis hin zu den preußischen Königen und Kaisern, prägten die Hohenzollern die Stadt. Aber auch alten Feinden, wie Napoleon, wurde sie, wenn auch nur für ein paar Jahre, ein Domizil. Berlin, das war ein Ort der Erneuerung in Wissenschaft und Kunst, der Revolution und Restauration, aber auch eines neuzeitlichen Multikulturalismus. Berlin war und ist Dreh- und Angelpunkt deutscher und europäischer Geschichte, auch wenn Städte wie Frankfurt, Weimar, Kiel oder München nicht weniger an Bedeutung erlangten.

Frontstadt im Kalten Krieg

Es verwundert also nicht, dass mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs ein Sonderstatus von Alliierten verhängt worden war, der nicht nur mit der Stellung als einstige Reichshauptstadt zu tun hatte. Berlin, das waren vier Zonen und ihre Besatzer, Viermächtestatus und Grenzen. Beide neugegründeten deutschen Staaten beanspruchten Berlin selbstverständlich für sich. Für die einen war sie Hauptstadt der DDR, die den Westteil der Stadt lediglich als "unter alliierter Verwaltung stehend" sah und sich später zu dem Status der "Selbstständigen politischen Einheit Westberlins" durchrang. Die anderen wiederum sahen sich mitunter als die "Frontstadt im Kalten Krieg" und als Teil Bundesrepublik, deren Abgeordnete im Bundestag jedoch kein Stimmrecht hatten und deren Sonderstatus bspw. zu einer Insel für junge Männer wurde, die weder Wehr- noch Zivildienst leisten wollten.

Jahrelange Vorbereitungen auf das große Jubiläum

Berlin Alexanderplatz mit Weltzeituhr
Blick auf den Berlin Alexanderplatz mit Weltzeituhr Bildrechte: Das Ende des Politbüro vom 18.10.2009/MDR

Der unmittelbare Blick in das Schaufenster des jeweils anderen führte zu großen Subventionen auf beiden Seiten. Großveranstaltungen und eine gute Versorgungslage gehörten zum Alltag der Berliner. Als man sich Anfang der 1980er-Jahre in beiden Teilen der Stadt darauf besann, dass das große Stadtjubiläum immer näher rückte, entbrannte auch hier ein Wettbewerb. Straßenzüge, Plätze und ganze Stadtviertel wurden saniert. Die jahrelangen Vorbereitungen mündeten in den Sommer des Jubiläumsjahres 1987. Doch auch wenn man auf beiden Seiten viel Erfahrung mit Großveranstaltungen hatte, geriet der ein oder andere Programmpunkt zu einer Karikatur der tatsächlichen Verhältnisse Ende der 1980er-Jahre.

Die ganze Republik mobilisiert zum "Siegeszug des Sozialismus" in Ost-Berlin

Bei der Dauer des Spektakels punktete die DDR: Die ganze Republik wurde mobilisiert, um ein Jahr lang Berlin zu feiern und es lag auf der Hand, dass es nicht nur um das Stadtjubiläum, sondern vielmehr um die Überlegenheit des Sozialismus gehen sollte. Mit 300 aufwendigen Szenenbildern und 1.000 Programmpunkten, die von 40.000 Akteuren gestaltet wurden, wartete Ost-Berlin auf. 700.000 Zuschauer waren vor Ort und das DDR-Fernsehen übertrug die Feierlichkeiten am 4. Juli 1987 fünf Stunden live. Dass die Feierlichkeiten fünf Millionen DDR-Mark verschlangen und rund zwei Drittel des gesamten Corsos den "Siegeszug des Sozialismus" anstatt einer Stadtgeschichte zeigten, stieß vor allem denjenigen auf, die aus den mittlerweile maroden Städten der Republik wie Halle oder Leipzig angereist waren.

In West-Berlin fordert Reagan: "Mr. Gorbatschow, open this gate."

US-Präsident Ronald Reagan während seiner Rede vor der Berliner Mauer am Brandenburger Tor am 12.06.1987.
US-Präsident Ronald Reagan während seiner Rede vor der Berliner Mauer am Brandenburger Tor am 12.06.1987. Bildrechte: dpa

Westberlin hingegen gab sich kosmopolitisch. Man feierte zwar nur ein halbes Jahr, dafür hatte man die Welt zu Gast: beim japanischen Feuerwerk vor 800.000 Menschen bis zu den "Concerts for Berlin" oder dem Besuch des US-Präsidenten Ronald Reagan. Auch hier lief es nicht so, wie es sich die Veranstalter vorgestellt hatten: Besonders der Auftritt des US-Präsidenten führte bei den West-Berlinern zu Unmut.

Angefangen bei der Abriegelung der gesamten Stadt bis hin zum Auftritt selbst. Reagan wollte die große Show vor dem Brandenburger Tor. Die Berliner Senatsverwaltung, die Aufruhr bei der eigenen Bevölkerung und eine Provokation des Ostens vermeiden wollte, hatte dabei allerdings kein Wort mitzureden. Die Entscheidung lag bei den westlichen Besatzungsmächten. 50.000 West-Berliner sollen am Vorabend des 12. Juni 1987 aus Protest auf die Straße gegangen sein. Als dann mit Ronald Reagan ausgerechnet ein Verfechter der Aufrüstungspolitik dem Abrüster Michael Gorbatschow zurief: "Mr. Gorbatschow, open this gate. Mr. Gorbatschow, tear down this wall", wurden auch die West-Berliner Feierlichkeiten endgültig zum Politikum.

"Concerts vor Berlin"

Den traurigen Höhepunkt beider Feierlichkeiten lösten allerdings die "Concerts for Berlin" aus, die vom 6. bis 9. Juli bewusst in der Nähe der Mauer stattfanden. Drei Tage lang spielten Weltstars wie David Bowie, Phil Collins oder die Eurythmics vor den West-Berliner Fans. Was der Wind davon über die Mauer trug, versuchten die Ost-Berliner Jugendlichen aufzuschnappen. Am 8. Juli schritt dann die Staatsmacht mit aller Härte ein: 3.000 Jugendlichen standen ebenso viele Volkspolizisten gegenüber. Gummiknüppel kamen zu Einsatz und 200 Menschen wurden festgenommen. Was man in der DDR totschwieg, zeigte dafür die Tagesschau einen Abend später im Fernsehen.

Von diesem Tag an gerechnet sollte es nur noch 29 Monate und ein Weltereignis dauern, bis die Berliner zusammen feiern konnten.

Zuletzt aktualisiert: 15. September 2015, 11:46 Uhr