Ab 1922 Braunkohleabbau in der Lausitz Abgebaggerte Dörfer – Die Folgen der Braunkohleförderung in der DDR

Bearbeitet von Anna Kittlinger

In der Lausitz müssen seit fast 100 Jahren immer wieder ganze Dörfer dem Tagebau weichen. In der DDR wurde dem "schwarzen Gold" für die Energiegewinnung eine immense Bedeutung beigemessen. Proteste gegen die Maßnahmen gab es nur selten, da die Existenz vieler Lausitzer an die Arbeit in den Braunkohletagebauen gebunden ist. Im sächsischen Dorf Klitten formierte sich dennoch in der Wendezeit Widerstand gegen die beschlossene Abbaggerung.

Wuchtige Abrisskolonnen stören die Ruhe der friedlichen Dörfer, Bagger fressen sich mit ihren Schaufeln durch Hauswände, Gebäude werden abgerissen, auch vor Kirchenwird nicht immer haltgemacht. Einzig staubige Schuttberge bleiben vom einst intakten Dorfkern zurück. Solche Bilder bestimmen seit Jahrzehnten das Leben in der Lausitz: Der Grund dafür sind die gewaltigen Kohlevorkommen der Region.

Bildergalerie Die Sorben und die Braunkohle

Braunkohletagebau in Grötsch 1985
Über 100 Dörfer wurden bis heute für die Ausbeutung der Lausitzer Kohlevorkommen zerstört. Im Bild der Braunkohletagebau bei Grötsch (Groźišćo) 1985. Bildrechte: Jürgen Matschie
Eine Familie sitzt auf einer Wiese, im Hintergrund ein Braunkohlebagger
Leben am Abgrund 1987: Nur wenige hundert Meter trennen die Ortschaft Mühlrose (Miłoraz) vom Abraumgebiet der Braunkohlebagger. In der Zeit zwischen 1966 bis 1973 wurden 216 Mühlroser Bürger wegen des Bergbaus umgesiedelt. Bildrechte: Jürgen Matschie
Demonstration gegen die Abbaggerung von Klitten, 1990
Im Herbst 1989 schöpfen die Einwohner von Klitten (Klětno) Hoffnung, dass ihr Dorf nicht der Braunkohle weichen muss. Offen protestieren sie gegen die Abbaggerung. Am 2. Februar kommt dann die frohe Botschaft: Klitten bleibt. Bildrechte: Thomas Kläber
Tagebau Nochten, 2010
Mit dem Verschwinden der sorbischen Dörfer stehen auch die Sprache und Kultur der Sorben und damit die Identität der Lausitz auf der Kippe. Blick auf den Tagebau Nochten in der nördlichen Oberlausitz. Bildrechte: Jürgen Matschie
Braunkohletagebau in Grötsch 1985
Über 100 Dörfer wurden bis heute für die Ausbeutung der Lausitzer Kohlevorkommen zerstört. Im Bild der Braunkohletagebau bei Grötsch (Groźišćo) 1985. Bildrechte: Jürgen Matschie
Abschied vom Haus vor der Abbaggerung in Weißagk/Wusoka 1985
Abschied vom Zuhause: Das Dorf Weißagk (Wusoka) in der brandenburgischen Niederlausitz wurde 1985/86 abgebaggert. 321 Einwohner verloren durch den Tagebau Jänschwalde ihr Zuhause. Bildrechte: Jürgen Matschie
Friedhof in Mühlrose/Lausitz, im Hintergund die Braunkohlebagger
Hinter dem Friedhof des Dörfchens Mühlrose stirbt die Landschaft unter den Schaufeln der Abraumbagger. Bildrechte: Jürgen Matschie
Mühlrose 1989
Auch 1989 ist Mühlrose noch vom Tagebau umzingelt. Angesichts der Belastungen durch den Braunkohleabbau verlassen bis 1990 noch einmal rund 100 Einwohner ihr Heimatdorf. Anfang 2013 fällt die Entscheidung, ob Mühlrose doch noch ganz von der Landkarte verschwindet. Denn der Energiekonzern Vattenfall will nordwestlich der Stadt Weißwasser 310 Millionen Tonnen Braunkohle für die Versorgung des Kraftwerks Boxberg fördern. Bildrechte: Jürgen Matschie
Horno vor der Abbaggerung, um 1991
Das Dorf Horno lag im Gebiet des Braunkohletagebaus Jänschwalde. Schon seit 1977 stand fest, dass das Dorf der Kohle weichen muss. Seitdem protestierten die Bewohner Hornos gegen die Umsiedlung und Zerstörung ihres Dorfes. Bildrechte: Thomas Kläber
Sorben feiern in Grötsch/Groźišćo 1987
Erinnerung an sorbisches Leben in Grötsch (Groźišćo) 1987. Sechs Jahre später mussten 19 Familien dem Tagebau Jänschwalde weichen. Bildrechte: Jürgen Matschie
Blick auf den Braunkohletagebau Welzow-Süd in der südlichen Niederlausitz
Was die Bagger hinterlassen, ist Abraum, ausgekohlte, nutzlose Erde - Mondlandschaft in der Lausitz. Bildrechte: Thomas Kläber
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"Gott schuf die Lausitz, der Teufel die Kohle darunter"

Brikettfabrik Werminghoff um 1930
Brikettfabriken, wie diese in Werminghoff, waren Jahrzehnte lang ein wichtiger Wirtschaftsfaktor der Lausitz. Bildrechte: Sächsisches Industriemuseum/Energiefabrik Knappenrode

Dem Ausbau der Braunkohletagebauten mussten im vergangenen Jahrhundert viele Dörfer weichen – seit 1922 etwa 90. Tausende Menschen mussten ihre Häuser verlassen und in andere Orte umsiedeln. Das Dilemma: Bereits seit dem Ende des 19. Jahrhunderts wurden erste Dörfer in der Oberlausitz mit Energie durch den Braunkohleabbau versorgt. Die damaligen Bewohner ahnten nicht, was daas nur rund 50 Jahre später für die ganze Region bedeuten würde.

Man muss sich das wirklich vorstellen, das da eine sehr einfache Landbevölkerung, die fast noch spätfeudal lebte, plötzlich auf eine Industriegesellschaft stieß. Da sind zwei komplett fremde Welten aufeinandergeprallt.

Robert Lorenz, Ethnologe und Lausitzforscher

Braunkohle: Treibstoff der DDR-Industrie

Besonders in der DDR galt das Motto "Braunkohle um jeden Preis". Die Braunkohle war der Treibstoff für ganze Industriezweige. Vor allem das südöstliche Brandenburg und das nordöstliche Sachsen, aber auch der Süden von Leipzig boten wertvolle Kohlegrundlagen für die Energiegewinnung. Wegen der Ölkrise stand das Öl als wichtiger Rohstoff aus der Sowjetunion für die Energiegewinnung nicht mehr zur Verfügung. So lautete der Auftrag des Politbüros weitere Tagebaue zu erschließen und die Kohlegruben gänzlich auszuschöpfen. Die dadurch bedingte Umsiedlung großer Teile der Bevölkerung wurde in Kauf genommen. Gerade ältere Dorfbewohner haderten mit den Folgen ihres erzwungenen Umzugs. So war es keine Seltenheit, dass Rentner ihre alten Bauernhäuser gegen Zimmer in Altenheimen oder Plattenbauwohnungen in Großstädten tauschen mussten.

Widerstand gegen die beschlossenen Umsiedlungen regte sich nur selten. Viele der Dorfbewohner befanden sich in dem Dilemma, dass ihre Arbeitsplätze auch an dem Braunkohleabbau hingen. In fast jeder Familie gab es zumindest einen, der sein Geld in der Kohle oder in den Kraftwerken verdiente. Die meisten nahmen so die Übersiedlung in eine andere Gegend für den Erhalt der Arbeitsstelle ohne Protest in Kauf.

Proteststimmen werden laut

Mitte der 80er-Jahre verhandelte man bereits über die Zukunft eines Drittels des gesamten Bezirks Cottbus. In vielen Orten standen der Einzug der Bagger und der Abriss sämtlicher alter Dorfstrukturen schon kurz bevor. Auch Klitten, das sich in unmittelbarer Nähe zu dem Kohlekraftwerk Boxberg befindet, sollte der Energiegewinnung weichen. Der Abbruch der 1500. Seelengemeinde war bereits beschlossen. Doch innerhalb des Dorfes formierte sich Widerstand.

Die Klittener trugen Unterschriftenlisten zusammen und veranstalteten kleine aber wirkungsvolle Protestaktionen. Die Funktionäre aber ließen zunächst nicht von ihrem Vorhaben ab. Bisher war es noch keinem Dorf gelungen die Umsiedlungspläne zu stoppen. Im Zuge der friedlichen Revolution vom Herbst 89 konnten die Dorfbewohner an ihrem Widerstand festhalten.

Es ist doch so, wenn wir hier in Klitten demonstrieren und drüber nachdenken, wie unser Ort erhalten werden kann, so gehen wir nicht davon aus, dass wie bisher Kohle zuallererst und um jeden Preis immer den Vorrang hat. Sondern wir denken, dass muss in einem guten Verhältnis stehen. Es geht auch ohne die Kohle unter Klitten!

Werner Hippe, Sprecher des Neuen Forums Klitten im DDR-Fernsehen (1990)

Im Februar 1990 fiel dann der Entschluss: Die Gemeinde wird nicht weggebaggert. Zwei Jahre später wird die Kohleförderung bei Klitten ganz eingestellt. Neben Sallgast in Südbrandenburg sicherten sich die Klittener mit als einzige das Bestehen ihres Dorfes. Dieser Umstand war auch dem Wandel der politischen Vorzeichen zu verdanken. Umweltthemen standen mehr denn je im Vordergrund, was den Druck auf die Regierung erhöhte. Auch heutzutage bangen noch viele Menschen im Zuge der Tagebauerweiterungen in der Lausitz um ihren Wohnsitz. Aktuell finden Verhandlungen über den Ausbau des Tagebaus Nochten statt, der eine Umsiedlung vieler Oberlausitzer bedeuten würde. Im Gegensatz zu früher übernehmen die Energieunternehmen heute jegliche Entschädigungskosten, ob das auch die Heimat ersetzen kann, steht auf einem anderen Blatt.

Kirchentag in Görlitz vom 03.-05.06.1988 unter dem Motto Umkehr hilft Leben . Eine junge Gemeinde verteilte am 05.06. auf dem Kirchentagsmarkt Briketts mit der Aufschrift Betet für Klitten. Dieser Ort sollte in den nächsten Jahren dem Tagebau weichen. Das Problem des Braunkohleabbaus auf dem Gebiet der Görlitzer Landeskirche spielte in unterschiedlichen Veranstaltungen und an Informationsständen eine große Rolle.
Kirchentag in Görlitz 1988 unter dem Motto "Umkehr hilft Leben". Die junge Gemeinde verteilte am 05.06. auf dem Kirchentagsmarkt Briketts mit der Aufschrift "Betet für Klitten". Bildrechte: IMAGO

Buchtipp Robert Lorenz: Wir bleiben in Klitten: Zur Gegenwart in einem ostdeutschen Dorf (Europäische Ethnologie, Band 8). 104 Seiten,Lit Verlag,
ISBN: 978-3-8258-1644-5

Zahlen und Fakten 136 Lausitzer Orte mussten seit 1924 der Braunkohle weichen.

Zuletzt aktualisiert: 10. April 2017, 10:42 Uhr