Geschichte einer Droge Pervitin - die Alltagsdroge an vielen Fronten

Ein Rauschmittel, das dem körpereigenen Adrenalin ähnelt: Man ist nicht müde, sondern munter, statt hungrig fühlt man sich satt, statt gestresst – euphorisch und selbstsicher. Das klingt ein bisschen nach Chrystal Meth, der chemischen Droge von heute.

Medikamentendöschen Pervitin
Tablettenröhrchen für Pervitin Bildrechte: MDR/Thomm TV

Aber als Pervitin wurde eine solche Substanz schon Mitte der 1930er-Jahre von einer Berliner Firma in Pillenform entwickelt - und rasch an verschiedensten "Fronten" eingesetzt. Es war der Chemiker Fritz Hauschild, der Ende der 1930er-Jahre das Verfahren zur Herstellung des "Wundermittels" erfand. Patentiert wurde die Herstellung von Metamphetamin im Oktober 1937. Ein Jahr später brachte die Firma Temmler das Mittel dann unter dem Namen "Pervitin" auf den Markt, das sich schnell als Kassenschlager entpuppte - und zwar in verschiedensten Lebensbereichen. Historiker Gorch Pieken erklärt die Wirkung:

Der wissenschaftliche Direktor und wissenschaftliche Leiter des Militärhistorischen Museums der Bundeswehr in Dresden, Dr. Gorch Pieken.
Gorch Pieken ist wissenschaftlicher Direktor und Leiter des Militärhistorischen Museums der Bundeswehr in Dresden Bildrechte: dpa

Die Wirkung dieses Amphetamins war, dass das Müdigkeitsgefühl unterdrückt war, das Hungergefühl unterdrückt war, dass man euphorisiert, optimistisch war – ein Präparat für die gestressten Manager der damaligen Zeit. Es gab Pralinen, die mit Pervitin versetzt worden sind für die gestressten Hausfrauen, die damit ihren Alltag ein wenig aufhellen konnten. Das war ein Präparat, das für den zivilen Markt entwickelt worden ist.

Vom Mittel gegen Alltagstress zur Pille an der Front

Nach erfolgreichen Testversuchen an Studenten im Prüfungsstress interessierte sich prompt das Militär für den chemischen Stoff. Das "Wachhaltemittel, um die Schlaflosigkeit zu erhalten", wie es auf der Packung hieß, war eine ideale Kriegsdroge. Als die Wehrmacht Mitte 1940 in nur wenigen Wochen Frankreich eroberte, fand sich Pervitin in jedem Tornister – die scheinbar nimmermüden Soldaten konnten durch die Droge Tag und Nacht marschieren, ohne dass sie ihren Optimismus verloren oder Hunger verspürten. Auch im Luftkrieg der Deutschen gegen England wurde die "Wunderpille" eingesetzt. Bomberpilot Horst Freiherr von Luttitz erinnert sich:

Es war sehr oft spät – 10 Uhr, 11 Uhr. Dann war man etwa 1 Uhr, 2 Uhr morgens war man über London oder über irgendeiner anderen englischen Stadt und da ist man natürlich müde. Und dann, wenn man das merkte – das durfte ja keinesfalls der Fall sein – hat man 1, 2 Tabletten Pervitin geschluckt und dann ging’s wieder.

Die Nebenwirkungen … an der Front ignoriert

Die Aufputschpille, auch "Panzerschokolade" genannt, barg natürlich Risiken. Der chemische "Muntermacher" machte abhängig und die Nebenwirkungen waren verheerend: Schwindelanfälle, Schweißausbrüche, Wahnvorstellungen und Depressionen. Manche Soldaten erschossen sich in ihren Wahnvorstellungen selbst, andere starben an Herzversagen.

An der Heimatfront wurde das hohe Suchtpotential von Pervitin zwar bald deutlich und Reichsgesundheitsminister Leonardo Conti stellte es unter Rezeptzwang - an der Front jedoch nicht. Zu wichtig war die Wunderpille als "Muntermacher" für die Soldaten. Historiker Gorch Pieken:

Es gab Soldaten, die auch heute noch als Veteranen davon erzählen, dass die Erfahrung mit Pervitin eine positive Erfahrung war. Es gab aber auch Soldaten, die die Kehrseite dieses Präparates mit voller Wucht erlebten, die Halluzinationen hatten, Angstzustände, Depressionen – die in diesen Wahnvorstellungen auch auf Kameraden geschossen haben und für die dieses Präparat schädlich war.

Im Kampf um den Endsieg wird auf diese Nebenwirkungen bis zuletzt keine Rücksicht genommen. Stattdessen werden die Einsätze im Pervitinrausch immer extremer - die Droge unterdrückt schließlich auch das Schmerzempfinden. Die Marine schickte sogar Matrosen in Ein-Mann-Torpedos ins Gefecht - munter gehalten von Pervitin.

Und nach 1945?

Auch nach dem Ende des Dritten Reichs findet sich Pervitin noch jahrzehntelang in den Armeebeständen - in Ost wie West. Die Temmler-Werke belieferten die Bundeswehr bis in die 70er-Jahre und die NVA sogar bis 1988 mit den "Muntermach-Pillen". Leisungssportler verwendeten es als Dopingmittel. Als rezeptpflichtiges Medikament verschwindet Pervitin erst Ende der 80er-Jahre vom deutschen Markt.

Symbolbild: Crystal Meth
Crystal Meth ist das moderne Pervitin Bildrechte: IMAGO

Doch damit endet die Geschichte des Rauschmittels keineswegs, denn die Droge besteht aus legal erhältlichen Zutaten. Einziger Unterschied: Das Methamphetamin wird heute in Kristallform hergestellt und dann geschnupft, geraucht, gespritzt oder gegessen. Weil größere Dosen konsumiert werden, sind die Nebenwirkungen auch stärker und auch sichtbarer als bei den Soldaten im Krieg: Crystal-Meth-Konsumenten magern extrem ab, bekommen Zahnausfall und zerstörte Schleimhäute, wuchernde Ekzeme auf der Haut und Organe wie Nieren oder Herzversagen.

Konsumenten vorher -nachher

Mit diesen Bildern warnt eine US-Behörde vor der Droge Crystal Meth.

Faces of Meth
Bildrechte: Multnomah County Sheriff's Office, Multnomah County, Oregon
Faces of Meth
Bildrechte: Multnomah County Sheriff's Office, Multnomah County, Oregon
Faces of Meth
Bildrechte: Multnomah County Sheriff's Office, Multnomah County, Oregon
Faces of Meth
Bildrechte: Multnomah County Sheriff's Office, Multnomah County, Oregon
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Bildrechte: Multnomah County Sheriff's Office, Multnomah County, Oregon
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(zuerst veröffentlicht am 04.04.2016)

Über dieses Thema berichtete der MDR auch im TV: MDR Zeitreise | 05.04.2016 | 21:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 29. September 2017, 14:44 Uhr

Die Nachfolgedroge Crystal Meth

Symbolbild: Crystal Meth
Bildrechte: IMAGO