Aufstieg zur Eiger-Nordwand. 21. Juli 1967. Fritz Eske, Günter-Kalkbrenner und Kurt Richter.
Das letzte Bild: Am 21. Juli 1967 besteigen Fritz Eske und Günter Kalkbrenner sowie Kurt Richter und Günter Warmuth (beide nicht im Bild) die Eiger-Nordwand. Bildrechte: Archiv Sächsischer Bergsteigerbund Dresden

Rückblick: Alpines Klettern in der DDR Tragödie an der Eiger-Nordwand

Vor 50 Jahren starben vier Sachsen der DDR-Nationalmannschaft Alpinistik in den Alpen. Ein Steinschlag riss sie am 21. Juli 1967 an der Eiger-Nordwand in den Tod - eine Tragödie für die Angehörigen und den DDR-Klettersport. Ein Gespräch mit Dr. Ulrich Voigt, der mit den Verunglückten befreundet war und selbst an der ersten Alpenfahrt einer DDR-Auswahl teilgenommen hat.

Aufstieg zur Eiger-Nordwand. 21. Juli 1967. Fritz Eske, Günter-Kalkbrenner und Kurt Richter.
Das letzte Bild: Am 21. Juli 1967 besteigen Fritz Eske und Günter Kalkbrenner sowie Kurt Richter und Günter Warmuth (beide nicht im Bild) die Eiger-Nordwand. Bildrechte: Archiv Sächsischer Bergsteigerbund Dresden

Wie gut waren die DDR-Alpinisten damals vorbereitet?

Die verunglückten Bergsteiger Fritz Eske, Günter Kalkbrenner, Kurt Richter und Günter Warmuth gehörten damals zu den Besten. Sie waren gut vorbereitet und hatten vorher auch die Nordwand am Matterhorn schnell und sicher bestiegen. International waren das erfahrene Alpinisten. Die haben vorher zum Beispiel in den Julischen Alpen und anderen Hochgebirgen bedeutende Besteigungen gemacht. Diese sogenannte Kernmannschaft war schon ein sehr exklusiver Kreis, in dem nach Leistung ausgewählt wurde. Natürlich wurde das DDR-Team auch politisch instrumentalisiert. Da sollte es beim Klettern ums Ideologische gehen. Aber bei den vier Verunglückten hatte man da nicht viel Erfolg, denen ging‘s allein ums Bergsteigen.

Warum haben die vier Sachsen die Eiger-Nordwand bestiegen?

Porträts von Kurt Richter, Günter Warmuth, Günter Kalkbrenner und Fritz Eske
Porträts der vier Verunglückten aus dem Buch "Vom Teufelsturm". Bildrechte: Sächsischer Bergsteigerbund

Die Eiger-Nordwand zählte zu den bedeutendsten Zielen in den Alpen – so ist das auch heute noch. Und als Spitzenteam wollte man da natürlich mitreden. Die Gelegenheit, nach dem Bau der Mauer aus der DDR dahin zu kommen, gab es nur für wenige Auserwählte - und das sicher auch nur ein Mal.  

Also waren die Alpen Neuland für die DDR-Auswahl…

Natürlich hatten die DDR-Bergsteiger nicht solche Alpen-Erfahrungen, wie die Leute aus Österreich, der Schweiz, Slowenien, Frankreich oder Italien. Wir konnten da ja privat nur verbotenerweise hinkommen. Im Gegensatz zu den nicht eingesperrten Länder. Die hatten ja die Alpen vor der Tür.

Wie kam es zum Absturz?

Das weiß keiner so genau. Man kann nur mutmaßen. Aber anhand der Dinge, die man geborgen hat, nimmt man an, dass es ein Steinschlag gewesen war. Die gefährliche Nordwand ist ja auch dafür bekannt.

Schild Achtung Steinschlag vor Eiger-Nordwand
Eiger-Nordwand: Achtung Steinschlag Bildrechte: IMAGO

Das Unglück Im Sommer 1967 machte sich ein sechsköpfiges Team des Leistungszentrums für Bergsteigen und Alpinistik auf den Weg in die Westalpen – darunter Fritz Eske, Günter Warmuth, Günter Kalkbrenner, Kurt Richter sowie Ersatzmann Helfried Hering und Trainer Karl Däweritz. Hering und Däweritz blieben im Lager unterhalb der Wand zurück, während das Kernteam die Matterhorn-Nordwand bestieg. Trotz schlechter Verhältnisse glückte der Aufstieg über die Schmid-Route. Am 21. Juli stiegen die vier dann über die Eiger-Nordwand ein. In den späten Nachmittagsstunden wurden sie das letzte Mal gesichtet. Kurz danach stürzten sie ab. Die Ursachen und der Hergang des Unglücks sind bis heute ungeklärt. Die Leichen von drei Bergfreunden wurden am nächsten Tag unterhalb des Zerschrundenen Pfeilers gefunden. Zehn Tage später bargen zwei tschechische Kletterer an einer anderen Stelle auch die Leiche von Günter Kalkbrenner.

Wie haben Sie das aufgenommen?

Eiger-Nordwand
Imposant und gefährlich: die Eiger-Nordwand im Sommer. Bildrechte: IMAGO

Das war natürlich schlimm. Die Verunglückten waren ja aus meiner Generation. Wir hatten damals einen ziemlich engen Zusammenhalt. Unabhängig von Kader-Strukturen sind wir immer mal gemeinsam im Elbsandstein-Gebirge geklettert. Gefeiert haben wir dann natürlich auch. Und viel gesungen. Auch die Frauen der Verunglückten gehörten zur sächsischen Kletterer-Gemeinschaft. Deshalb gedenken wir noch immer in Trauer an die Leistungen der vier und an das tragische Ereignis. [Anm. der Red.: Am 21.07.2017 gibt es eine Gedenkveranstaltung am Bergsteiger-Gedenkmal auf der Hohen Liebe in den Schrammsteinen.] Wir waren ja damals wie eine Familie. In meiner Jacke werde ich ein sehr schönes Foto von dem jungen Fritz Eske aus den 50er Jahren haben, das ich seiner Frau geben möchte.

Galt man damals als Paradiesvogel, wenn es ums alpine Klettern ging?

Der Klettersport war ja hauptsächlich auf die Sächsische Schweiz beschränkt. Alle haben wir uns immer gewünscht, in die Alpen zu kommen. In den 50er-Jahren sind aber viele meiner Kletterfreunde - etwa 80 Prozent - in den Westen ausgewandert, weil sie in die Alpen wollten. Das Ergebnis war eine ganze Reihe hervorragender Bergerfolge. Viele Sachsen haben damals in den Alpen mit ihren hervorragenden Kletterfähigkeiten Geschichte geschrieben.


Zum Interviewpartner Dr. Ulrich Voigt war Mitglied der ersten Fahrt einer sechsköpfigen "DDR-Nationalmannschaft" zum Mont Blanc nach Frankreich 1957. Er ist Ehrenvorsitzender des Sächsischen Bergsteigerbunds (SBB). Bis 1968 arbeitete der Physiker als einziger bezahlter Glaziologe [Anm. ugs. Gletscherforscher] der DDR und konnte dadurch sogar auf Spitzbergen bergsteigen. 2002 erhielt der heute 83-Jährige für seine Verdienste um den Interessenausgleich im Nationalpark Sächsische Schweiz die Verdienstmedaille der Bundesrepublik Deutschland.

Über dieses Thema berichtete der MDR im TV: MDR ZEITREISE - Geschichtsmagazin: "Pik Leipzig - Träume vom Dach der Welt" | 26.07.2016 | 21:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 21. Juli 2017, 15:27 Uhr