DDR Fahne wird eingerollt September 1990
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Bis zum letzten Zapfenstreich Was wurde aus der NVA?

DDR Fahne wird eingerollt September 1990
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Am 2. Oktober 1990 endet mit einem einfachen Fahnenappell die Geschichte der NVA. Am 3. Oktober übernimmt die Bundeswehr die NVA.

Jörg Schönbohm
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Neuer Chef der Ostarmee wird Bundeswehrgeneral Jörg Schönbohm. Seine Aufgabe: Er muss Waffen abrüsten und Berufssoldaten entlassen. Eine Mammutaufgabe, die nirgendwo anders so schon einmal zu lösen war. Schönböhm über die ehemaligen NVA-Soldaten in der für sie neuen Armee:

Ich erwarte von den ehemaligen Angehörigen der NVA, die mit mir als Soldaten der Bundeswehr der gleichen Aufgabe dienen, und daher die gleiche Uniform tragen, dass sie die ihnen übertragenen Pflichten gewissenhaft erfüllen.

Ehemalige Soldaten der Nationalen Volksarmee der DDR, die mit der deutsch-deutschen Vereinigung zur Bundeswehr gehören, beim ersten Appell des Bundeswehrkommandos Ost am 04.10.1990 in Straußberg.
1. Appell ehemaliger NVA-Soldaten in Bundeswehr-Uniform am 04.10.1990 in Strausberg Bildrechte: dpa

Für die frischgebackenen Bundeswehrsoldaten bedeutete das konkret, die Uniform der alten Gegner zu tragen. So schlüpften 24.000 Berufsoffiziere in Bundeswehr-Uniformen. Nicht alle blieben. Ein Jahr später waren noch 7.000 Offiziere der NVA in der Bundeswehr.

Die NVA und ihre Bestände

Bis zu ihrem Ende am 3. Oktober 1990 war die NVA eine der am besten ausgerüsteten Armeen des Warschauer Paktes. Etwa dreitausend Kampfpanzer, fast achttausend gepanzerte Fahrzeuge, mehr als einhunderttausend Radfahrzeuge, sowie Flugzeuge, Hubschrauber, Haubitzen, Raketen und fast 300.000 Tonnen Munition besitzt die Volksarmee 1990. Die Bestände lagerten in Kasernen an mehr als 500 Standorten in der DDR.

An sowjetischen Flugzeugen und Kampfpanzern hat die Bundeswehr wenig Interesse. Viele der Waffen verlassen in den Jahren nach 1989 das Land. So verteilt sich das Erbe der NVA fast über den gesamten Globus. Jörg Schönbohm:

Wir hatten große Angst, dass Waffen verschwinden, und daher war unsere größte Sorge, dass die Waffen erst einmal eingesammelt werden.

Der DDR-Minister für Abrüstung und Verteidigung, Rainer Eppelmann (r), und der Bundesverteidigungsminister Gerhard Stoltenberg bei ihrem Treffen am 28. Mai 1990 in Straußberg in der DDR.
DDR-Minister für Abrüstung und Verteidigung, Rainer Eppelmann (r) mit Bundesverteidigungsminister Gerhard Stoltenberg. 28. Mai 1990 in Straußberg. Bildrechte: dpa

Schließlich hatte nicht nur die Volksarmee der DDR Waffen. Es gab unzählige bewaffnete Organisationen wie die Kampfgruppen oder die Truppen der Staatssicherheit, deren Waffen nun alle dem NVA-Bestand zugeschlagen wurde - ohne dass sie vorher jemals im zentralen NVA-Waffenregister registriert gewesen waren. Daher hatte DDR-Verteidigungsminister Rainer Eppelmann auch keinen detaillierten Überblick über die komplette Ausrüstung der DDR-Armee. Er war auf die Informationen der ehemaligen NVA-Offiziere und -Generäle angewiesen. Rainer Eppelmann:

Ich hab nicht in jede Kaserne, nicht in jedes Lager reinschauen können, völlig unmöglich. Musste mich also ein Stück darauf verlassen, dass die Informationen, um die ich bat, die zu mir gekommen sind, die mir gemacht worden sind, dass die der Realität entsprechen.

Verkauft, verschrottet, verschenkt

In nur fünf Jahren rüstete das wiedervereinte Deutschland fast die komplette NVA ab. Die Bundesrepublik wurde so zum zweitgrößten Waffenlieferanten der Welt. Neben Indonesien erhielten Lettland, Estland, Polen, Spanien, Uruguay und einige weitere Länder Teile der Flotte. Auch die USA waren an den einzelnen Stücke der DDR-Waffenkammern interessiert - sie erhofften sich Einblicke in die Waffensysteme der Sowjetunion.

Vom Marineschiff zum Unterwasser-Touristenmagnet

25 Jahre nach dem Ende der Nationalen Volksarmee finden sich nur noch wenige Spuren ihrer einstigen Größe. So liegen vor der Küste Maltas die Wracks zweier Schiffe der NVA-Marine. Die Minensucher "Pasewalk" und "Boltenhagen" sind jedoch keine Opfer einer Seeschlacht. Sie wurden in den 90er-Jahren an Malta verkauft und nach mehr als zehn Jahren im Dienst versenkt - als Touristenattraktion für Taucher.

Panzer, Bunker, Minen, Uniformen - was nach 1990 damit geschah.

DDR Fahne wird eingerollt September 1990
Appell in einer Kaserne im Norden Leipzigs im September 1990. Am Schluss wird die DDR-Fahne eingerollt. Wie geht es weiter mit der NVA Armee, ihren Liegenschaften, ihren Soldaten, ihren Waffen? Bildrechte: dpa
DDR Fahne wird eingerollt September 1990
Appell in einer Kaserne im Norden Leipzigs im September 1990. Am Schluss wird die DDR-Fahne eingerollt. Wie geht es weiter mit der NVA Armee, ihren Liegenschaften, ihren Soldaten, ihren Waffen? Bildrechte: dpa
Die ersten drei umgerüsteten Schützenpanzer vom Typ BMP 1 sind am 15.05.1991 in Neubrandenburg an die Bundeswehr übergeben worden
Hier werden drei umgerüstete Schützenpanzer vom Typ BMP 1 in Neubrandenburg an die Bundeswehr übergeben. Aufnahme: 15.05.1991 Bildrechte: dpa
Ein US-Soldat am Checkpoint Charlie in der Friedrichstrasse (Bezirke Mitte / Kreuzberg).
Beliebte Souvenirs der frühen 90er-Jahre: Orden und Uniformstücke aus sowjetischen bzw. NVA-Beständen. Aufnahme: Juni 1990 Berlin-Friedrichstraße Bildrechte: dpa
Drei Männer schauen durch Fernrohre.
Januar 1994: Im einst größte Fahrzeugmateriallager der Nationalen Volksarmee in Hangelsberg bei Fürstenwalde. Nachtsichtgeräte für 150 DM gehören zu den "Rennern" einer Verkaufsaktion. Bohrmaschinen bis Lastkraftwagen werden verkauft. Der Erlös fließt in die Entsorgung der NVA-Liegenschaften und in die Verschrottung von Kriegsgeräten. Bildrechte: dpa
Besucher in NVA-Uniform nehmen am 19.07.2014 im Bunkermuseum Frauenwald (Thüringen) an einer Armeeübung teil.
Umstrittene "Umnutzung" in Frauenwald in Thüringen: Im ehemaligen Bunker, Tarnname "Trachtenfest", können Besucher übernachten. Im Kriegsfall hätte die Suhler Stasi-Bezirksverwaltung hier unterschlüpfen sollen. Heute können Gäste in grüngraue NVA-Uniformen schlüpfen und sind einem "Genossen Major" "unterstellt". Bildrechte: dpa
Schützenpanzer für Touristen - Im Gewerbegebiet von Grimmen steht Harald Brehmer am Freitag (12.11.2010) vor einem Schützenpanzer (BMP-1) sowjetischer Bauart. Im Technikpark MV können Besucher künftig mit ausrangierten Militärfahrzeugen wie Schützenpanzer oder Kettenfahrzeug über ein drei Hektar großes Gelände fahren.
Im Gewerbegebiet von Grimmen steht Harald Brehmer im November 2010 vor einem Schützenpanzer sowjetischer Bauart. Im "Technikpark MV" können Besucher mit ausrangierten Militärfahrzeugen wie Schützenpanzern oder Kettenfahrzeugen über ein drei Hektar großes Gelände fahren. Bildrechte: dpa
Ein Mann in Militäruniform zeigt zwei runde Plastikobjekte.
Eigentlich hätten die Minen schon Mitte der 80er-Jahre vollständig von der NVA geräumt werden müssen. Doch beim Grenzabbau wurden immer wieder Minen gefunden - an der gesamten ehemaligen innerdeutschen Grenze bi 1995 rund 1.000 intakte Sprengkörper. Oberstleutnant Peter Augustin, der für die Bundeswehr den Grenzabbau von der Ostseeküste bis zur thüringischen Landesgrenze beaufsichtigt, zeigt zwei Plastik-Minen des einstigen innerdeutschen Todesstreifens.

(Über dieses Thema berichtete der MDR auch im TV: MDR Zeitreise Spezial: Die NVA - Dienen für das Volk? | 28.02.2016 | 23:15 Uhr)
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Über dieses Thema berichtete der MDR auch im TV: MDR Zeitreise Spezial: Die NVA - Dienen dür das Volk? | 28.02.2016 | 23:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 18. Juli 2017, 09:25 Uhr