Der Theaterherzog Georg II., Herzog von Sachsen-Meiningen

(1826 - 1914)

Als am späten Nachmittag des 28. Juni 1914 in der thüringischen Residenzstadt Meiningen die Kunde von der Ermordung des österreichischen Thronfolgers Franz Ferdinand eintraf und die Zündschnur für den Ersten Weltkrieg Feuer gefangen hatte, war man sich in der Stadt bereits bewusst, dass eine Epoche zu Ende ging. Soeben war der greise Georg II. von Sachsen-Meiningen, den alle Welt als den "Theaterherzog" kannte, zu Grabe getragen worden.

Georg, dem am 2. April 1826 geborenen Thronfolger dieses kleinen ernestinischen Herzogtums, waren Begeisterung wie Talent für die schönen Künste in gleicher Weise in die Wiege gelegt. Die Studienjahre in Bonn 1844-46 hatten ihn, im Gegensatz zu manch anderem Prinzen, als wissbegierigen Schüler gezeigt. Durch den Historismus erfuhr er hier seine entscheidende Prägung. Doch noch musste er sich gedulden, seine Kenntnisse als regierender Herrscher auch in der Praxis anzuwenden. Sein Vater, Bernhard II., stand gerade im besten Mannesalter; der Regierungsantritt war nicht absehbar.

Aus Liebe und aus Gründen der politischen Vernunft hatte Georg 1850 die witzig-kluge, kunstsinnige preußische Prinzessin Charlotte geheiratet. Die Zeit des Wartens vertrieben sich die jungen Eheleute mit ausgedehnten Reisen in die europäischen Metropolen. Auf diesen Reisen vervollkommnete sich Georgs Kunstauffassung. In Italien wurde das Ideal der Renaissance in Malerei und Architektur für ihn maßstabgebend. Die Villa Carlotta am Comer See wurde für das Paar zum bevorzugten Refugium. Doch der plötzliche Tod Charlottes stürzte Georg 1855 in eine tiefe Krise. Die drei Jahre später geschlossene Ehe mit der schönen, aber zeitlebens ein verwöhntes Kind gebliebenen Feodora von Hohenlohe brachte zwei Söhne.

Die Wende kam mit dem preußisch-österreichischen Bruderkrieg von 1866. Bernhard II., der aus seiner Abneigung gegen die Hohenzollern nie einen Hehl gemacht hatte, musste auf Druck Bismarcks zugunsten seines Sohnes auf den Thron verzichten. Georg II. war nunmehr regierender Herzog von Sachsen-Meiningen. Mit großem Fleiß und Pflichtbewusstsein widmete er sich den Regierungsgeschäften. Die Souveränitätsrechte, die ihm nach der Reichseinigung von 1871 noch verblieben waren, erfüllte er mit Leben.

Die dritte Ehe mit der Schauspielerin Ellen Franz gab ihm 1873 eine wirkliche Partnerin an die Seite. Sie konnte ihm bei der Umsetzung seiner künstlerischen Vorstellungen hilfreich sein. Das 1831 gegründete Meininger Hoftheater wurde von nun an zum Experimentierfeld für die geplante Theaterreform. Als Dritten im Bunde gewann man Ludwig Chronegk, der sich als glänzendes organisatorisches Talent erweisen sollte. Georg selbst hatte die gesamtdramaturgische Arbeit in der Hand, war persönlich für Szenen, Bühnenbild- und Kostümentwürfe verantwortlich. Bereits als Erbprinz hatte er damit begonnen, historische Rüstungen, Waffen und Kostüme zu erwerben. Sein am Historismus geschultes Kunstverständnis kam nun zum Tragen, besonders die sehr sorgfältige Beachtung der Ausstattung, vor allem was ihre historische Detailtreue betraf.

Kernpunkt von Georgs Reform war es, dem dichterischen Werk auf der Bühne wieder den gebührenden Platz zu verschaffen. Nicht die Einzelleistung des nach Erfolg strebenden Schauspielers stand wie bisher üblich im Mittelpunkt, sondern das Anliegen des Dichters, dem sich alles unterzuordnen hatte. Georg legte aus diesem Grund größten Wert auf die Regie, gerade auch der Massenszenen. Er kann deshalb als einer der Begründer des modernen Regietheaters angesehen werden. Seine Frau, die er unter dem Namen Helene zur Freifrau von Heldburg erhoben hatte, erarbeitete mit den Darstellern nicht nur die Rollen, ihr gelang es auch, den künstlerischen Freiheitswillen der Schauspieler den Ideen ihres Mannes unterzuordnen. Wäre sie nicht als hervorragende Lehrerin respektiert worden, die Schauspieler hätten sich kaum von ihr disziplinieren lassen.

Die Bemühungen des Meininger Herzogs zielten freilich über das Theater hinaus. Mit den ihm eigenen Mitteln suchte Georg an der geistigen Ausgestaltung des zweiten deutschen Kaiserreiches mitzuwirken und dem wilhelminischen Deutschland ein geistiges Profil zu verleihen, das sich nicht allein auf Soldatentum und Weltmachtstreben gründete. Wollte man dieses Ziel erreichen, musste man Meiningen verlassen und auf Gastspielreisen gehen. Als Berlin erobert war, führte Georg seine Künstlertruppe nach Wien, von dort durch ganz Mittel- und Osteuropa. 81 Tourneen führten sie von 1874 bis 1890 in 37 Länder und gaben der Theaterwelt Europas viele neue Impulse. Hier bewährte sich Ludwig Chronegk, zum Intendanten aufgestiegen, als vorzüglicher Organisator. Außerhalb Meiningens lag die Verantwortung in seinen Händen, weil es dem Herzog aus Standesgründen verwehrt war, das Ensemble ständig zu begleiten.

Das letzte Gastspiel gab man am 1. Juli 1890 in Odessa, dann wurden die Reisen aus verschiedenen Gründen eingestellt. Georg war nun davon überzeugt, seine Mission erfüllt zu haben. Der Höhepunkt war überschritten. Mit Chronegks Tod war der Dreibund gesprengt, ein gleichwertiger Nachfolger war nicht in Sicht. Doch auch nach der Reisezeit wurde in Meiningen auf gutem Niveau gespielt, seit 1909 im glanzvollen Rahmen des Theaterneubaus.

Der zweite Erfolg Georgs bestand darin, seine Hofkapelle durch großzügige Förderung und Verpflichtung erstrangiger Künstler und Leiter zu Weltruhm geführt zu haben. Der Aufstieg zu dieser Höhe wurde mit der Berufung Hans von Bülows eingeleitet, der ab 1880 fünf Jahre hier wirkte und seine "Meininger Prinzipien" der Orchesterarbeit verfasste. Bülow hatte sich zunächst den Sinfonien Beethovens verschrieben, später kam Brahms dazu. Dieser war selbst häufig Gast in Meiningen. Der letzte Glanzpunkt der Meininger Hofkapelle ist mit der Berufung Max Regers im Jahre 1911 verbunden. Regers Meininger Zeit kann als eine der fruchtbarsten seines kurzen Lebens angesehen werden. Neben der Leitung des Orchesters, dem er wie seine Vorgänger auf Konzertreisen zu triumphalen Erfolgen verhalf, waren 20 bedeutende Kompositionen das Ergebnis seiner hier geleisteten Arbeit.

Hof hielt Georg dort, wo er gerade war - und dies ist oft nicht Meiningen gewesen. In den Räumen der Villa Carlotta am Comer See, auf Schloss Altenstein zu Füßen des Thüringer Waldes, gelegentlich auch auf der Veste Heldburg versammelten sich die erlesenen Geister mit Georg und Helene zu ihren intellektuellen Circles. Darunter waren unter anderem Johannes Brahms, Franz Liszt, Richard Wagner und seine Frau Cosima, aber auch der Dichter Paul Heyse, der Maler Franz von Lenbach und Adolf von Hildebrand als Bildhauer.

Der Glanz der Künste strahlte jedoch nicht ungetrübt auf das Privatleben des herzoglichen Paares. Georg musste sich gegenüber seinen Kindern, seinen Eltern, den deutschen Fürsten und dem Kaiser immer wieder rechtfertigen, Ellen Franz gegen den Willen aller geheiratet zu haben. Bei Staatsakten, bei hohen Besuchen musste die ehemalige Schauspielerin am Ende des Zuges schreiten, auch wenn sie den Titel einer Freifrau von Heldburg trug. Bei der Tafel saß sie ganz unten - sofern überhaupt zugelassen. Die Ablehnung ihrer Verbindung durch die fürstlichen Standesgenossen schwebte stets über dem Paar. Die Entfremdung vom Kaiser, dessen Militarismus und Machtgehabe den Herzog stets abgestoßen hatten, blieb bis zu seinem Tod erhalten. Die Teilnahme der kaiserlichen Familie an seinem Begräbnis hatte sich Georg schon vorher ausdrücklich verbeten. Mit seinem Tod am Vorabend des Ersten Weltkriegs starb nicht nur der letzte thüringische Musenhof, sondern auch der Vertreter eines dem Zeitgeist völlig entgegengesetzten Lebensgefühls, dem es zunehmend schwerer gefallen war, sich in einer lärmenden Zeit Gehör zu verschaffen.

Literaturtipps: Detlef Ignasiak (Hrsg.), Herrscher und Mäzene. Thüringer Fürsten von Hermenefred bis Georg II., Rudolstadt/Jena 1994

Alfred Erck und Hannelore Schneider, Georg II. von Sachsen-Meiningen. Ein Leben zwischen ererbter Macht und künstlerischer Freiheit, Zella-Mehlis 1997

Zuletzt aktualisiert: 22. August 2007, 09:59 Uhr