1864 Gründung des ersten Schrebervereins Moritz Schreber - Vom Kinderschreck zum Gartenpaten

Film

An der Kleingartenidylle, die seinen Namen trägt, hat er kaum einen Anteil: Der Ehrgeiz des Leipziger Arztes Daniel Gottlob Moritz Schreber galt weniger wohlgeformten Radieschen als vielmehr getrimmten Körpern nach der Devise: Grader Rücken - grader Geist. Seine Söhne wollte er als erste zu "Idealmenschen" umbauen. Was trieb diesen Mann?

Bis heute ist der Name Schreber ein Synonym für den Kleingarten am Rande der Stadt. Seit über einem Jahrhundert gehört der "Schrebergarten" ebenso zum Alltagsvokabular wie der Diesel- oder der Ottomotor. Doch während Rudolf Diesel und August Otto tatsächlich jene Maschinen erfanden, besitzt der Leipziger Arzt Daniel Gottlob Schreber an der Kleingartenidylle, die seinen Namen trägt, kaum einen Anteil.

Der Projekt "Idealmensch": Grader Rücken - grader Geist

Er erntete postum den Ruhm für eine Massenbewegung, die er bestenfalls inspirierte. Sein eigentliches Streben galt nicht wohlgeformten Radieschen und leuchtenden Kletterrosen. Was er wollte, war weit mehr als das unkrautfreie Gemüsebeet oder der auf Linie getrimmten Rasen: Schreber wollte den "neuen Menschen", an Körper und Geist gesund, tugendhaft, sauber und strebsam. Der Aufklärung verpflichtet und vom Fortschrittsglauben beseelt, war Schreber überzeugt von der absoluten Formbarkeit des Menschen durch Erziehung. Doch der selbsternannte Volksaufklärer scheiterte mit seinem Projekt "Idealmensch" bereits in der eigenen Familie.

Ringe nach voller Herrschaft über dich selbst, über deine geistigen und leiblichen Schwächen und Mängel. Beginne mutig diesen Kampf und bleibe unermüdlich in dem Streben nach dieser wahren Freiheit, nach Selbstveredlung. So wirst du innerhalb der Grenzen, die von höherer Hand dem irdischen Leben gegeben sind, von Sieg zu Sieg bis an das letzte Lebensziel mit dem beseligenden Bewusstsein gelangen, die Aufgabe deines Lebens würdig gelöst zu haben.

Moritz Schreber

Zumindest nahm das Leben seiner beiden Söhne ein tragisches Ende. Der Älteste - Gustav - schoss sich eine Kugel in den Kopf, der Jüngere - Paul - fiel dem Wahnsinn anheim.

Die Söhne als Opfer?

Stellt sich die Frage: War das tragische Ende der Schreber-Söhne tatsächlich das Resultat der rigiden väterlichen Erziehung? Trieben die orthopädischen Apparate, die Schreber entwickelte und an den eigenen Kindern ausprobierte, Gustav und Paul in den Wahn? Oder steht Daniel Gottlob Moritz Schreber zu unrecht als unbarmherziger Kinderschreck am Pranger, gilt er manchem Experten doch auch als Begründer der systematischen Heilgymnastik in Deutschland.

Der Film geht diesen Fragen nach, beleuchtet Leben und Streben des Arztes und Privatmannes Schreber, folgt seinen Spuren an authentische Orte und Lebensstationen und verbindet diese mit historischen Dokumenten, Spielszenen und Originaltönen von Pädagogen, Medizinern und Psychologen zum anschaulichen Lebensbericht über den umstrittenen Leipziger.

Buch und Regie: André Meier
Länge: 45 min.
Sendetermin: 04.11.2007 | 20:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 05. November 2007, 17:23 Uhr