Historische Geste Der Kniefall von Warschau

Eine Geste war es, nicht mehr. Aber mit großer Wirkung. Aus dem Moment heraus, ungeplant. Eine halbe Minute, die weltweit beachtet wurde. Und in der Bundesrepublik zu heftigen Reaktionen führte.

Warschau, 7. Dezember 1970. Bundeskanzler Willy Brandt legt einen Kranz am Mahnmal für den Aufstand im Warschauer Ghetto nieder. Er zupft die schwarz-rot-goldene Schleife zurecht, tritt vier Schritte zurück auf dem nassen Granit. Er verharrt in der protokollarischen Pose des Kranz niederlegenden Staatsmanns. Plötzlich fällt er auf die Knie, ungestützt, die Hände übereinander, den Kopf nach unten geneigt. Eine halbe Minute bleibt er in dieser Haltung, die an einen Büßer erinnert. Der Ruck, mit dem Willy Brandt wieder aufsteht, wirft ihn fast um. Auch jetzt nimmt er die Hände nicht zu Hilfe, kommt nicht langsam in Etappen auf die Füße, ein Bein nach dem anderen, sondern mit einem mächtigen Ruck, der so heftig ist, als wären da Fesseln zu zerreißen.

Peter Brandt
Peter Brandt Bildrechte: Broadview TV

Die Symbolik des Kniefalls, dass Brandt stellvertretend für sein Volk die Verantwortung übernahm, beeindruckte auch seinen Sohn Peter. Aus: Der Kniefall des Kanzler, 2010.

MDR FERNSEHEN Mi 08.12.2010 23:30Uhr 02:00 min

https://www.mdr.de/damals/archiv/videowand/avobjekt670.html

Rechte: Broadview TV

Video

Niemand ist darauf gefasst, niemand hat vorher davon gewusst. Selbst Brandts engste Vertraute trifft der Anblick wie ein Schock. Egon Bahr, Freund und Staatssekretär des Kanzlers, der in unmittelbarer Nähe zum Geschehen steht, murmelt: "Mein Gott, was dieser Mann alles tun muss." Es ist ein Bild, das um die Welt geht. Es ist ein Bild, das Geschichte schreibt. Brandt kniet nicht um seinetwillen. Er hatte seit der Machtergreifung 1933 die Nationalsozialisten bekämpft und war sogar ins Exil gegangen. Er bekennt sich zu einer Schuld, an der er selber nicht zu tragen hat, und bittet um eine Vergebung, nicht für sich, sondern für Deutschland.

Unter der Last der jüngsten Geschichte tat ich, was Menschen tun, wenn die Worte versagen. So gedachte ich Millionen Ermordeter.

Willy Brandt über den Kniefall

Reaktionen: Beschimpfung als "Vaterlandsverräter" und Friedensnobelpreis

Frau Aase Lionaes überreicht Willy Brandt Urkunde und Medaille des Friedens-Nobelpreises 1971
Willy Brandt bekommt 1971 den Friedens-Nobelpreises. Bildrechte: dpa

Das Ausland ist überrascht. Brandt steht für ein Deutschland, das man so bisher nicht kannte. International wird der Kniefall als die Geste zur Versöhnungsbereitschaft gewertet und trägt zum Ansehen des Kanzlers Brandt und dem der Bundesrepublik bei. Das Time-Magazin erklärt Willy Brandt zum "Mann des Jahres" 1970, ein Jahr später erhält der westdeutsche Kanzler den Friedensnobelpreis. Umso erstaunlicher erscheint es heute, dass die westdeutsche Gesellschaft damals wegen des Kniefalls gespalten war. Das Institut für Demoskopie in Allensbach ermittelt im Dezember 1970 in einer Blitzumfrage, dass 41 Prozent der befragten Deutschen das Verhalten Brandts am Ghetto-Mahnmal für angemessen halten, 48 Prozent dagegen bezeichnen es als übertrieben. Der Riss geht im wahrsten Sinne mitten durch die Gesellschaft. Den Konservativen in Westdeutschland ist die Politik Brandts ein Dorn im Auge, der Kanzler gilt manchen gar als "Vaterlandsverräter". Die Gespräche mit dem ideologischen Feind und der Verlust der Gebiete östlich der Oder-Neiße-Grenze fachen die Emotionen an, gegen Willy Brandt werden Morddrohungen ausgesprochen. Demonstranten fordern auf ihren Transparenten: "Hängt die Verräter." Die CDU/CSU-Opposition mobilisiert ihre Anhängerschaft gegen Brandt und will ihn stürzen.

Und wie reagierte die DDR?

Auch die SED-Führung sieht den Kniefall negativ. Er wird daher in den offiziellen DDR-Medien totgeschwiegen. Die Zeitung "Neues Deutschland", das Parteiorgan der SED, erwähnt am 8. Dezember 1970 den Kniefall mit keiner Silbe. Die karge Überschrift lautet: "Vertrag VR Polen-BRD unterzeichnet". Kein Kniefall-Foto weit und breit. Stattdessen findet sich auf der Seite die dürftige Beschreibung: "In den frühen Vormittagsstunden hatte Willy Brandt, begleitet von Walter Scheel und anderen Mitgliedern der Delegation der BRD, Warschau besichtigt und am "Grabmal des unbekannten Soldaten" sowie am Denkmal der Ghettohelden Kränze niedergelegt."

Das Ignorieren des Kniefalls hatte kühle Methode: verschweigen, weil unbequem, ja gefährlich. Brandts Kniefall war eigentlich ein Triumph, für ihn, für Deutschland, den Westen. In der DDR-Führung hatte man das schnell erkannt. Aufmerksame westliche Beobachter hätten das Schweigen als Furcht der kommunistischen Machthaber vor Brandts außergewöhnlicher Wirkung wahrnehmen können.

(zuerst veröffentlicht am 07.12.2010)

Über dieses Thema berichtete der MDR auch im TV: MDR Aktuell | 18.12.2013 | 19:30 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 06. Oktober 2017, 15:05 Uhr