Exakt | 10.08.2016 Ausländerfeindlichkeit in der DDR: Der Tod von zwei kubanischen Vertragsarbeitern

Am 12. August vor 37 Jahren kamen in Merseburg nach einer Massenschlägerei zwei kubanische Vertragsarbeiter ums Leben. Die genauen Umstände ihres Todes wurden nie aufgeklärt, denn eins durfte es in der DDR schlichtweg nicht geben: Ausländerfeindlichkeit. Die Ermittlungen wurden eingestellt, um die sozialistische Völkerfreundschaft mit Kuba nicht zu gefährden; die Angehörigen der Opfer wurden in dem Glauben gelassen, ihre Söhne seien bei einem Unfall gestorben.

Bilder eine jungen Cubaners
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Am 12. August 1979, kam es vor der Merseburger Diskothek Strandkorb zu einem Gewaltexzess. Es beginnt mit einer Kneipenschlägerei zwischen Merseburgern und kubanischen Vertragsarbeitern. Die Kubaner werden von einem Mob in die Saale getrieben. Zwei von ihnen werden von Flaschen und Steinen tödlich getroffen: Delfin Guerra, 18 und Raúl Garcia Paret, 21 Jahre alt.

Ein Friedhof in Santa Clara, Kuba, im April dieses Jahres. Die Mutter und die Schwestern von Raúl Garcia Paret auf einem schweren Gang. Wieder einmal besuchen sie  das Grab ihres Sohnes und Bruders Raúl Garcia Paret. Er wurde vor 37 Jahren in der DDR getötet. Sie haben Raul Garcia Paret so in Erinnerung. Als lebensfrohen jungen Mann, der in der DDR zum Industriemechaniker ausgebildet werden sollte. Die Familie präsentiert uns die einzigen Fotos, die ihnen als Erinnerung geblieben sind. Bilder, die er kurz vor seinem Tod aus Merseburg geschickt hat.

Jetzt zeigen wir ihnen erstmals, was in den Stasiakten über den Tod von Raul Garcia festgehalten ist. Sie sind schockiert. 37 Jahre lag hat man sie über die Todesursache im Unklaren gelassen. Ihnen wurde nur mitgeteilt, dass es ein Unfall gewesen sei.

Sie sendeten uns damals ein Telegramm, dass wir zum Richter nach Havanna kommen sollen. Ich wollte natürlich fahren, weil ich wissen wollte was passiert ist und ob er schuldig war an einer Prügelei. Ich wusste, dass er nicht schuldig war und dass ich zu Unrecht das Leben meines Sohnes verloren habe, eines guten anständigen Jungen. Das war alles. Mehr nicht.

Rosa Paret

Was genau damals passierte, hat der Historiker Harry Waibel in den Akten der Staatssicherheit gefunden. Darin stehen die Details der Todes-Nacht vom 12. August 1979. In Merseburg wurde nicht weiterermittelt, um die Beziehungen zum sozialistischen Bruderstaat Kuba nicht zu gefährden.

Das ging soweit, dass die beiden Tötungen, Morde, so nenne ich es, eben von der obersten Staats- und Parteiführung vertuscht werden mussten. Genau in diesem Zusammenhang, dass sie sich nicht eingestehen konnten, dass in ihrem Land so etwas passiert. Das ist für sie unverständlich.

Harry Waibel, Historiker

Julio Garcia Oliveras war 1979 kubanischer Botschafter in der DDR. Er wurde über die Todesursache im Unklaren gelassen. Bis heute bewegen ihn die Ereignisse von Merseburg. Erstmals erzählt er uns wie er verlangte, die Schuldigen zur Verantwortung zu ziehen. Oliveras protestierte damals sogar im Außenministerium der DDR gegen die ausbleibenden Ermittlungen. Ohne Erfolg. Die verordnete Völkerfreundschaft durfte nicht beschädigt werden - so auch die kubanische Linie.

Die Mission, die mir Fidel und Raul Castro gaben: Das Wichtigste ist die wirtschaftliche Zusammenarbeit. Und gleich danach gab mir Fidel sogar schriftlich: Verhindere jede Diskussion zwischen der  Partei der DDR und der Partei in Kuba.

Garcia Oliveras, ehem. kubanischer Botschafter

In Kuba wird bis heute um die Opfer getrauert. Und in Merseburg? Ehemalige Besucher der Jugendtanzgaststätte Strandkorb, veranstalten regelmäßig eine Revivalparty. Die Stimmung ist prächtig, alte Freunde tauschen Anekdoten aus. Doch über eins wird nicht gesprochen: Die Nacht vom 12. August 1979. Bei unseren Anfragen heißt es immer wieder, niemand könne sich daran erinnern. Deshalb drehen wir die Interviews mit versteckter Kamera. Als wir konkret fragen, finden wir sogar einen Beteiligten.

Das war eine ganz normale Sache. Genauso, wie man sich unter Deutschen aus Missverständnissen einfach geprügelt hat. Weil Alkohol im Spiel ist, weil Mädchen im Spiel sind, weil Eifersucht im Spiel ist. Es war Chaos. Wir haben uns geprügelt, es sind welche ins Wasser gefallen, in die Saale. Es wurden Leute verletzt, schwer, an dem Abend. (Zwischenbemerkung: Es sind ja zwei gestorben …) Das weiß ich jetzt gar nicht mehr, obwohl ich dabei war.

Beteiligter

Dutzende haben an diesem Abend mitgeprügelt. Er nicht… Lothar Menzel war 1979 20 Jahre alt. Er war Artist in einer Akrobatengruppe. Ein sensibler junger Mann, der damals als einziger versuchte, ein Leben zu retten.

Da waren ungefähr 150 Leute. Die waren alle aufgebracht gewesen. Die haben geschrien und waren den Kubanern hinterher gewesen. Da habe ich gesehen, dass eine Weinflasche geflogen kam und einen genau vor den Kopf getroffen hat. Der ist unter gegangen. Ich habe versucht, den zu suchen und zu finden. Ich habe gedacht, dass ich den erwische.

Lothar Menzel, Augenzeuge

Merseburg war keine Ausnahme. Mit dem Einsatz der Vertragsarbeiter in der DDR gab es auch regelmäßig Übergriffe auf Ausländer. Neuste Recherchen belegen hunderte Übergriffe mit etlichen Toten und tausenden Verletzten. Eine strafrechtliche Aufarbeitung und eine öffentliche Berichterstattung fanden oft nicht statt. Denn die staatlich verordnete Völkerfreundschaft durfte keinesfalls beschädigt werden.

Es war erst einmal eine Abwehr da in den ganz normalen Lebensbereichen. Da könnten die uns ja was wegnehmen und wenn es die Mädels auf dem Tanzsaal waren. Es war eine Abwehr gegenüber dem Fremden da. Und dann natürlich die Abwehr, weil es staatlich verordnet war. Weil hier Arbeitskräfte gekommen sind, die hier, von der Partei gerufen, die Lücken in der Industrie schließen sollten. Und in dem Sinne war es etwas, was man als Politik des Staates abgelehnt hat.

Roland Jahn, Stasi-Unterlagenbehörde

Delfin Guerra und Raul Garcia Paret haben die rassistische Gewalt 1979 mit ihrem Leben bezahlt. Auch 37 Jahre später hofft die Familie von Raul Garcia Paret auf Gerechtigkeit. Familie Paret hat jetzt einen deutschen Anwalt bevollmächtigt, den Fall vor dem europäischen Gerichtshof wieder aufzurollen.

Zuletzt aktualisiert: 26. Oktober 2016, 20:03 Uhr