exakt | 26.04.2017 Keine Kredite für Leiharbeiter

Eingangsbereich einer Volksbank
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Erfurt. Schichtende für Janin Finn. Die 34-Jährige ist Elektro-Installateurin. Seit zehn Jahren arbeitet sie als Leiharbeiterin bei verschiedenen Zeitarbeitsfirmen. Als Leiharbeiterin muss sie flexibel sein, wird immer wieder an anderen Orten eingesetzt.  Daher ist Janin Finn auf ihr Auto angewiesen. Dann die Katastrophe. Motorschaden. Die Reparatur übersteigt ihr Budget. 

Ich hatte das Problem, dass ich von jetzt auf gleich eine Reparatur von 3.000 Euro hatte und da hab ich mir dann halt gedacht: Fragst halt mal bei den Banken an, wie es denn ausschaut, mit einem kleinen Kredit für die Reparatur.

Janin Finn

Damals verdient Janin Finn etwa 1.400 Euro netto pro Monat. Ihr Vertrag bei der Zeitarbeitsfirma ist unbefristet. Sie probiert es bei vier verschiedenen Banken. Immer ohne Erfolg.  Immer, so erzählt sie, sei die Begründung ähnlich gewesen: zu geringes Gehalt, Leiharbeit - kein Kredit. Wir fragen bei allen vier Banken nach. Werden Leiharbeiter von Krediten grundsätzlich ausgeschlossen? Das weisen alle vier zurück. Die schriftlichen Antworten ähneln sich. So schreibt die Deutsche Bank: "Die Vergabe eines Konsumentenkredites wird im Einzelfall geprüft, wobei unterschiedlichste Kriterien als Basis für die Entscheidungsfindung herangezogen werden." Sozialwissenschaftler Prof. Stefan Sell weiß: Leiharbeiter gelten bei den Banken als Risiko.

Das Schlimme ist, dass viele Leiharbeiter sich schon selbst als Arbeitnehmer zweiter Klasse fühlen und jetzt bekommen sie bei der Frage "Krieg ich einen Kredit?" auch noch zurückgespielt "Du bist Kunde zweiter Klasse oder ein Nichtkunde, den wir gar nicht haben wollen". Und das verstärkt  die erniedrigende Erfahrung, dass man außerhalb derjenigen steht, die normale Arbeitnehmer sind, normale Kunden sind.

Prof. Stefan Sell, Sozialwissenschaftler, Hochschule Koblenz 

Am Ende springt bei Janin Finn die Leiharbeitsfirma ein und gibt ihr ein Darlehen. Wir finden noch mehr Betroffene. In Halberstadt lebt Rembert Pilkenrodt, Elektromonteur. Nach einer Scheidung braucht er kurzfristig Geld. Mit einem Kredit über 30.000 Euro will er seine Ex-Frau abfinden, er will das bisher gemeinsame Haus alleine halten.

Ich wollte das Haus behalten, weil ich fast alles alleine gemacht habe. Und wenn die Enkel hier sind, ist das schön anzusehen, dass die Enkel sich hier wohlfühlen im Haus, oben die Zimmer, schlafen, hier draußen im Wintergarten spielen oder im Garten spielen, wenn schönes Wetter ist. Ist für mich eigentlich das Schönste.  

Rembert Pilkenrodt, Leiharbeiter 

Er verdient damals 1.200 Euro netto im Monat, hat einen befristeten Vertrag bei einer Leiharbeitsfirma. Dennoch hofft er auf den Kredit. Immerhin hat er sein Haus als Sicherheit. Doch das reicht offenbar nicht. Auch bei ihm heißt es in einem kurzen Gespräch bei der Bank: Kein Kredit aufgrund von Leiharbeit. Doch auch seine Bank antwortet uns, dass Leiharbeiter grundsätzlich die Chance auf einen Kredit haben. Jedoch haben unsere Leiharbeiter andere Erfahrungen gemacht. Sozialwissenschaftler Sell kennt die Hintergründe.

Die Einstufung des Risikos ist fast durchgängig automatisiert. Und das ist ein besonderer Nachteil für Leiharbeiter, weil die werden in den allermeisten Risikoprüfprogrammen der Banken als sehr großes Ausfallrisiko gewertet, auch wenn das in dem ein oder anderen individuellen Fall vielleicht gar nicht so sein muss.

Prof. Stefan Sell, Sozialwissenschaftler, Hochschule Koblenz

Wir fragen beim Bundesverband der Deutschen Volksbanken und Raiffeisenbanken nach. Die lapidare Antwort: "Alle potenziellen Darlehensnehmer werden unterschiedslos geprüft, ein pauschaler Ausschluss findet nicht statt." - Und was sagt die Politik? Andreas Steppuhn ist Mitglied im Ausschuss für Arbeit und Soziales in Sachsen–Anhalt. Die SPD hat Leiharbeit massiv gefördert - konfrontiert mit den konkreten Auswirkungen, rudert man jetzt zurück. 

Ich würde eher da ansetzten, dass wir Leiharbeit, zurückschrauben. Wer als Leiharbeiter beschäftigt ist, befristet, oder wer auch ein befristetes Arbeitsverhältnis insgesamt hat, der tut sich dann ziemlich schwer eine Familienplanung zu machen, der tut sich schwer auch in seinem eigenen Bereich zu investieren. Von daher ist das auch schon ein sehr unsicherer Bereich, wo gearbeitet wird und da ist man klar im Nachteil zu demjenigen, der einen Arbeitsplatz mit einem festen Arbeitsvertrag hat.

Andreas Steppuhn, Stellv. Fraktionsvorsitzender der SPD, Sachsen-Anhalt

Rembert Pilkenrodt hat sein Haus inzwischen verkauft und zieht jetzt in eine Mietwohnung. Leiharbeiterin Janin Finn ist letztes Jahr mit ihrem vierjährigen Sohn Justin umgezogen. Weil sie für die neue Wohnung noch Möbel brauchte, hat sie es noch einmal mit einem Kredit probiert. Sie hoffte auf 2.500 Euro. Doch erneut bekam sie eine Absage. Diesmal half ihre Mutter: Als Rentnerin war die von ihrer Bank als kreditwürdig befunden worden.

Zuletzt aktualisiert: 03. Mai 2017, 18:47 Uhr

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