exakt | 01.03.2017 Kein Platz der Völkerfreundschaft

Auf dem Platz der Völkerfreundschaft im Erfurter Stadtteil Rieth kommt es immer wieder zu Angriffen auf Ausländer. Auch exakt-Reporter wurden vor einem Monat bedroht, als sie über die Zunahme von Übergriffen auf minderjährige Flüchtlinge berichten wollten. Das Kamerateam wurde damals von den offensichtlich rechten Tätern angegriffen, unser syrischer Kollege durch die Straßen gejagt. Nun haben sich unsere Reporter erneut vor Ort umgesehen. Warum ist der Platz der Völkerfreundschaft keiner mehr? Gleich zu Drehbeginn treffen wir zufällig Suleman Malik, den Sprecher der Ahmadiyya-Gemeinde, die in Erfurt einen Moscheebau plant. Seine Erfahrungen hier:

Nachts ist es besonders schlimm. Ab um neun kann man Kinder oder Frauen nicht allein auf die Straße schicken. Wenn Sie zum Beispiel einkaufen gehen wollen, das trauen Sie sich einfach nicht, weil in letzter Zeit solche Übergriffe doch stattgefunden haben.

Suleman Malik

Im Erfurter Rieth wohnen rund 6.000 Menschen. Die Arbeitslosenquote liegt bei 14 Prozent, in ganz Erfurt sind es durchschnittlich sieben Prozent. Der Stadtteil ist ein sozialer Brennpunkt. Schon vormittags treffen sich auf dem Platz der Völkerfreundschaft kleinere Gruppen zum Trinken. Ein Herr teilt uns und unserem syrischen Kollegen seine Gesinnung nur zu gerne mit.

Dass, was hier losging unter Merkel, unter ihrer Ausländerpolitik, alle reinholen, das hat sogar Afrika verstanden. Und da haben sie noch nackig auf den Bäumen gehangen. Aber Internet macht alles möglich. Es kann nicht die ganze Welt kommen. Das ist Fakt. Und das sage ich dir jetzt auch. Da wirst du einer der Guten sein. Aber hierher kommen solche mysteriösen Typen.

Passant

Wie es aussieht, wenn Ablehnung in Hass umschlägt, haben wir Mitte Januar zu spüren bekommen. Bei Dreharbeiten mit minderjährigen Flüchtlingen wird unser Kamerateam von mehreren Männern attackiert. Gerade noch rechtzeitig kann sich der syrische Journalist Tarek Khello in einen nahegelegenen Einkaufsmarkt retten. Die Aufnahmen der Überwachungskamera zeigen, wie knapp er seinen Angreifern entkommen ist.

Der Supermarkt ist die zentrale Anlaufstelle am Platz der Völkerfreundschaft. Vandalismus, Ladendiebstähle, bedrohte Kunden, die Mitarbeiter sind hier einiges gewöhnt. Inhaberin Josephine Weigl ruft regelmäßig die Polizei und klingt resigniert.

Es sind alkoholisierte Jugendliche und auch Personen mit neonazistischem Hintergrund. Die verheimlichen das auch nicht, sondern sprechen das auch aus.

Josephine Weigl

Beliebter Treffpunkt für die Krawallmacher ist der Brunnen. Heute nur noch eine graue Betonplatte, damals bei der Einweihung ein echter Hingucker. Bunte Figuren als Sinnbild für ein friedliches Zusammenleben: Der Brunnen der Völkerfreundschaft. Das Erfurter Rieth war ein DDR-Vorzeigeprojekt. Die Plattenbausiedlung wurde in den 1970er Jahren fertiggestellt. Der Plan: Bezahlbarer Wohnraum für jedermann. Ellen Sandrich wohnt seit 40 Jahren hier. Das Viertel sei nicht mehr das, was es einmal war. Wegziehen möchte sie trotzdem nicht, auch wenn alles den Bach runter gehe.

Früher, da war man ja froh, wenn man irgendwie eine Wohnung bekommen hat. Da war es überhaupt kein sozialer Brennpunkt. Früher waren mal Ärzte, Doktoren, also sagen wir mal studierte Leute hier drin. - Und jetzt ist es gemischt.

Ellen Sandrich

Gemischt heißt, Flüchtlinge und ihre Familien sind eingezogen. Das Viertel hat einen Ausländeranteil von rund 16 Prozent. Konflikte mit der einheimischen Bevölkerung sind an der Tagesordnung. Eine Frau aus Syrien berichtet von einem Angriff auf ihren Mann.

Sie sind mit einem Schlagstock in seine Richtung gelaufen und haben ihn beschimpft. Dann ist er vor ihnen zu Rewe geflohen. Und er hat dort gewartet, bis sie gegangen sind.

Syrerin

Das Erschreckende: Jeder Ausländer, den wir ansprechen, hat ähnliches erlebt. Viele verlassen nach 17 Uhr nicht mehr ihre Wohnung. Auch Kinder werden zur Zielscheibe. - Warum ist die Polizei hier nicht präsenter? Nach unseren Recherchen ist die Gegend ein Kriminalitätsschwerpunkt. Bei der zuständigen Dienststelle bekommen wir eine erstaunliche Auskunft.

Wir haben am Platz der Völkerfreundschaft keinen Kriminalitätsschwerpunkt. Natürlich gibt es, wie in der gesamten Gesellschaft, einzelne Individuen oder Kleingruppen, die gerade auch im letzten Jahr vielleicht etwas mehr geschürten Emotionen gegenüber ausländischen Mitbürgern aufbringen, aber ein Schwerpunkt auch hier in dieser Rechtskriminalität können wir derzeit nicht erkennen.

Kay Knobloch, Polizei Erfurt

Die Täter, die unser Kamerateam angegriffen haben, wohnen fast alle in einer Obdachlosenunterkunft im Viertel. Gegen zwei von ihnen ermittelt nun das Landeskriminalamt. Wir treffen die beiden polizeibekannten Männer vor dem Supermarkt. Der Versuch einer Kontaktaufnahme: Der 41-Jährige will sich vor unserer Kamera nicht äußern. Und auch der zweite Hauptverdächtige, ein 35-Jähriger, lehnt es ab. In einem Vier-Augen-Gespräch begründet einer von ihnen den Angriff auf unseren syrischen Kollegen so:

Ich trage meine kurzen Haare nicht für umsonst. Ich habe eine gesunde deutsche Einstellung, was Ausländer angeht. Die sollen zurück in ihre Heimat.

Gedächtnisprotokoll

Mittlerweile ist es 19 Uhr. Heute ist es relativ ruhig hier. Doch klar ist: Das hier ist schon lange kein Platz der Völkerfreundschaft mehr.

Zuletzt aktualisiert: 08. März 2017, 17:32 Uhr

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4 Kommentare

01.03.2017 21:43 Lisa 4

Verblieben sind leer stehende Geschäfte und sozialer Abstieg, staatlich verordnet von der Stadt unter SPD-Herrschaft. Darüber sollten Sie mal berichten, wie die Plattenbaugebiete Erfurts systematisch zu sozialen Brennpunkten zurück entwickelt wurden und jetzt mit Flüchtlingen überschwemmt werden. In den reichen südlichen Stadtteilen um Steiger, Landtag und ega werden Sie keine Flüchtlinge finden, dafür aber die Verantwortlichen der Stadt mit ihren Villen... Das und Ihr TV-Beitrag schaden der Stadt Erfurt mehr als es eine Gruppe Obdachloser je könnte, denn Sie pauschalisieren, recherchieren oberflächlich und völlig am Thema vorbei. Solche TV-Beiträge schaffen erst eine Stimmung, aus der Gewalt hervor geht, wenn ein ganzes Stadtviertel diffamiert und verunglimpft wird. Die eigentlich Verantwortlichen für die Misere dort sitzen in den Regierungen, in der Stadtverwaltung und im Stadtrat. Sie könnten mal aktuelle (!) Zahlen zu den einzelnen Stadtvierteln und ihrem Migrantenanteil zitieren.

01.03.2017 21:41 Lisa 3

Es ist für Ihren Reporter einfach, ein paar wichtigtuerische Gestalten wie den glatzköpfigen biertrinkenden Obdachlosen oder den Jugendlichen in der grauen Jacke vor die Kamera zu bekommen, die vermutlich stolz darauf sind, für 2 Minuten im TV zu erscheinen... aber fundierte Aussagen erhalten Sie von denen nicht. Und so wird mit etwas Verdrehung und reißerischer Aufmachung daraus ein TV-Beitrag, der mehr schadet, als er nützt, stempelt er doch die Bewohner des Rieths pauschal als Nazis ab. Was soll so eine tendenziöse Berichterstattung? Hat sich der Redakteur tiefgründig mit der Materie beschäftigt, Verantwortliche der Stadt gehört, "normale" Bewohner befragt oder genauer recherchiert? Dieser TV-Beitrag ist oberflächlich und am Thema vorbei, nämlich am abgehängten sozialen Status vieler Riethbewohner, dem Abbau aller kulturellen Einrichtungen in diesem Stadtteil (Bibliothek, Schwimmhalle, Wohngebietszentrum, ja selbst die Brunnen wurden teilweise abgebaut bzw. mit Erde zugeschüttet).

01.03.2017 21:40 Lisa 2

Dass es unter solchen Bedingungen zu Reibereien kommen kann, ist vorprogrammiert, wenn verantwortliche Stellen so handeln. Das Problem ist von Stadtverwaltung und Jobcenter/ARGE verursacht, die eigentlichen Bewohner sind ebenso sozial benachteiligte Mitmenschen, die um das Wenige kämpfen, was ihnen geblieben ist. Gehen Sie mal im Sommer durch das Rieth, Sie werden auf Wiesen und vor den Häusern Massen von Ausländern finden, die dort grillen, Shisha rauchen, laut palavern und die angestammten Bewohner in ihrer Feierabendruhe bis tief in die Nacht stören. Die Grünflächen sehen dann auch dementsprechend aus... Es ist einfach, aus einem einmaligen Übergriff betrunkener Obdachloser ein Bild zu konstruieren, das so nicht existiert. Ich selber bin oft im Rieth und wie der Polizeisprecher im Interview sagt, das Rieth ist kein Kriminalitätsschwerpunkt, da gibt es andere Viertel in Erfurt... und selbst da wohnen zu hohem Anteil Migranten!

01.03.2017 21:38 Lisa 1

Der Beitrag über das Rieth in Erfurt war tendenziös und reißerisch, der Inhalt aber am Thema vorbei. Richtig ist, das Rieth ist ein Viertel, in dem viele sozial benachteiligte Menschen leben und in dem sich auch das Obdachlosenheim der Stadt Erfurt befindet. Jahrelang wurde durch die Vermietungspolitik von Stadt (ARGE mit dem Jobcenter) und KOWO die Belegung des Rieths mit Armen und Arbeitslosen forciert. Jetzt werden zwischen diese Menschen Flüchtlinge einquartiert (in den Wohnungen, die von der KOWO zuerst mit Flüchtlingen belegt werden MÜSSEN, so ein Stadtratsbeschluss) und in einem Containerdorf gleich neben dem Kindergarten des Stadtviertels. Die Obdachlosen dagegen müssen ihre Unterkunft laut Hausordnung 8 Uhr morgens verlassen haben. Dass es unter solchen Bedingungen zu Reibereien kommen kann, ist vorprogrammiert, wenn verantwortliche Stellen so handeln.