Exakt | 15.06.2016 Erdgasförderung in der DDR: Vergiftete Kumpel

Wienhold Weber arbeitete zu DDR-Zeiten Jahre lang im Erdgasförderfeld in der Altmark bei Salzwedel. Er war Arsen, Blei und Quecksilber ausgesetzt - den giftigsten Stoffen für den Menschen überhaupt. Nun leidet er an einer Schwermetallvergiftung und ist berufsunfähig. Doch bis heute kämpfen er und andere Kumpel um Entschädigung.

Schon Spazierengehen strengt Wienhold Weber an. Er hat Quecksilber in seinen Nieren, den Knochen und im Gehirn. 16 Jahre lang arbeitete er im Erdgasförderfeld in der Altmark bei Salzwedel, wo er die Mess- und Regeltechnik instand hielt und säuberte.

Arbeiter an Erdgasföderanlage
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Weber und seine Kollegen förderten Milliarden Kubikmeter Erdgas zum Heizen und für die DDR-Chemie. Doch mit dem Erdgas kamen Abfallschlämme und Laugen nach oben, die giftigste Schwermetalle enthielten. Kaum geschützt waren die Kumpel ihnen ausgesetzt: Blei und Quecksilber, Cadmium, Arsen und krebserregendem Benzol.

Da war ich mit meinem Arbeitskollegen, hab ein Druckgefäß gewartet, die Geber ausgebaut. Und beim Rausziehen des Gebers sind ungefähr zwei bis drei Kilo Quecksilber in die Wanne reingelaufen. Natürlich tropfte das  in die Wanne rein. Und ich stand da wie ein Fotoblitz, weil das ja in Millionen feine Perlen zerstäubt ist durch das Runterfallen.

Wienhold Weber, ehem. Erdgasarbeiter
Klaus Stajenski an Erdgasleitung, daneben Lada Niva
Klaus Stajenski Bildrechte: MDR/Klaus Stajenski

Schon mit 41 Jahren wurde Wienhold Weber arbeitsunfähig. Sein Kollege Klaus Stajenski erlitt ein ähnliches Schicksal. Der 70-jährige hatte vier Schlaganfälle, leidet an Hautkrebs und Lähmungserscheinungen in den Beinen. Über 20 Jahre kam er täglich mit Quecksilber in Kontakt. Ein ärztlicher Gutachter bescheinigte ihm eine Berufskrankheit.

Mit insgesamt dreißig ehemaligen Kollegen kämpften die beiden Jahre lang um eine Entschädigung. Doch ihre Berufsgenossenschaften und die Richter lehnten sämtliche Anträge auf Anerkennung einer Berufskrankheit ab. Angeblich seien die  Erkrankungen der Kumpel nicht auf die Einwirkung von Quecksilber zurückzuführen. Schriftlich teilte uns die Berufsgenossenschaft Rohstoffe/Chemische Industrie mit:

Bislang ist uns keine wissenschaftliche Studie bekannt, die eine erhöhte Gefährdung durch Quecksilber in der Erdgasindustrie belegt.

Berufsgenossenschaft Rohstoffe/Chemische Industrie

Doch das ist falsch. In einer wissenschaftlichen Studie von 2010 wertete der Historiker Hermann Bubke alte Stasi-Akten zur Kontamination der DDR-Kumpel mit Quecksilber aus. Er kommt zu dem Schluss:

Im Bereich Salzwedel/Peckensen sind ca. 150 bis 200 Arbeiter stark exponiert für Quecksilbervergiftungen, da sie ständig direkt oder indirekt mit dem Schadstoff in Berührung kommen.

Hermann Bubke, Historiker

Klaus Stajenski badet seit Jahren die Folgen aus. Heute werden wieder seine gelähmten Beine massiert. De facto verlangt die Berufsgenossenschaft von dem Schwerkranken den Nachweis, dass allein das Schwermetall die Ursache seiner Erkrankung ist. Das können weder er noch sein Ex-Kollege Wienhold Weber leisten.

In Düsseldorf treffen wir in ihrer Kanzlei die Fach-Anwältin Miriam Battenstein. Sie kennt viele solcher tragischen Fälle. Gemeinsam mit ihrem Vater klagt sie seit 21 Jahren Entschädigungen für Arbeitnehmer bei den Berufsgenossenschaften ein.

Es muss nicht mit letzter Sicherheit erwiesen sein, dass Quecksilberbelastung die Erkrankung ausgelöst hat. Vollbeweislich bewiesen sein muss eine Belastung gegenüber Quecksilber und die Erkrankung, die dazu passt. Und ob die Krankheit durch Quecksilber kommt, muss nur hinreichend wahrscheinlich sein. Das ist eine Beweiserleichterung, die das Gesetz zugunsten der Betroffenen vorsieht.

Miriam Battenstein, Kanzlei Battenstein & Battenstein Düsseldorf

Für die Salzwedeler Erdgaskumpel sieht die Rechtsanwältin immer noch gute Chancen.

Wienhold Weber hat noch nicht aufgegeben. Er geht zu einem besonderen Arzttermin bei Peter Jennrich, Spezialist für Schwermetallvergiftungen. Weber leidet an Kräfteschwund, Panikattacken, nervösen Störungen, Lähmungserscheinungen und erhöhtem Blutdruck. Der Bluthochdruck und auch andere Symptome können die Folge einer Quecksilbervergiftung sein.

Das ist ein Video, das uns von der Universität Kentucky zur Verfügung gestellt worden ist. Hier sieht man ein Mikropartikel von Quecksilber, also eine völlig ungiftige und harmlose Menge, die würde unter jeden Grenzwert fallen, wie sie auf eine Nervenzelle wirkt und die komplett zerstört. Das heißt, es kann durch die chronische Aufnahme von geringen Quecksilbermengen zu neurologischen Krankheiten führen, Merkfähigkeitsstörungen, Konzentrationsstörungen, Zittern oder Tremor zum Beispiel.

Peter Jennrich, Facharzt Klinische Metalltoxikologie

Der Arzt hat selbst eine brandaktuelle Studie zur Wirkung von Quecksilber veröffentlicht und dafür die weltweit neuesten Forschungen ausgewertet.

Nach Ansicht der amerikanischen Umweltbehörde ist Quecksilber die drittschädlichste Substanz weltweit. Vor Quecksilber kommen Blei und Arsen. Das heißt, die Kumpel haben mit den schädlichsten Substanzen weltweit gearbeitet, und das über Monate, Jahre und Jahrzehnte.

Peter Jennrich, Facharzt Klinische Metalltoxikologie

Wienhold Weber und seine Kollegen waren genau diesen drei Stoffen ausgesetzt: Arsen, Blei und Quecksilber. Wirken die nun gleichzeitig auf den Körper ein, dann erhöht das ihre Giftigkeit noch zusätzlich. Diesen neu erforschten Effekt ließ die Berufsgenossenschaft komplett außer Acht.

Wienhold Weber denkt jetzt darüber nach, noch einmal vor Gericht zu ziehen. Fest steht, die Zeit wird knapp.

Ich hab 134 Kollegen, die vorzeitig verstorben sind, und viele von meinen Kollegen, die noch da sind, sag ich mal, die sind alle schwerkrank.

Wienhold Weber, ehem. Erdgasarbeiter

Zuletzt aktualisiert: 29. Juni 2016, 21:39 Uhr

Die Kommentierungsdauer ist abgelaufen. Der Beitrag kann deshalb nicht mehr kommentiert werden.