exakt | 29.03.2017 Schwierige Beweisführung - Keine Konsequenzen für Tierquäler?

Pferde, Hunde, Geflügel - hunderte Tiere mussten auf einem Grundstück in Thüringen unter miserablen Bedingungen leben. Anwohner und Tierschützer schlugen Alarm, schließlich wurden die Tiere vom Amt beschlagnahmt. Warum es trotzdem so schwer ist, den Besitzer wegen nicht artgerechter Haltung zu verurteilen?

Pferde
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Gut 200 Gänse, Enten, Hühner lebten am Ende auf dem Grundstück von Jürgen S. in Günstedt bei Sömmerda. Seit rund zehn Jahren hielt er auch Pferde, Hunde und Katzen. Immer wieder gab es Probleme mit dem Tierschutz, Anwohner beschwerten sich.

Im November 2015 erfolgte dann die Beschlagnahmung aller Tiere. Eine groß angelegte Aktion von Veterinäramt und Polizei. Von drei Grundstücken werden Dutzende Pferde, viele Hunde und Geflügel herausgeholt - wegen nicht artgerechter Haltung. Augenzeugen berichten von Pferden, die unterernährt waren, kranke Hufe hatten, unter Atemnot litten und von Enten mit verklebten Federn. Auch in seinem Privathaus hielt der arbeitslose Tierhalter Hunde, mit denen er auch gezüchtet haben soll. Einige der Tiere zeigen deutliche Verhaltensstörungen.

Die rund 30 Pferde waren im ehemaligen Schweinestall der Agrargenossenschaft untergebracht. In den letzten Jahren sollen die Tiere nur noch drinnen gehalten worden sein. Dort lag der Mist nach Aussagen von Anwohnern am Ende meterhoch. Uns wird ein Video vom Stall zugespielt. Darin kann man immer noch dunkle Ränder an den Wänden erkennen, bis in diese Höhe soll der Pferdemist gelegen haben. Und in diesen Nebenräumen waren wohl auch mehrere Hunde eingesperrt. Was sagt Tierhalter Jürgen S. selbst zu den Vorwürfen und der Beschlagnahmung seiner Tiere?

An seiner Adresse können wir ihn nicht erreichen, ob der Mann hier überhaupt noch wohnt, ist ohnehin fraglich. Am Ende treffen wir ihn in einem Gewerbegebiet: Jürgen S. erklärt uns, er fühle sich als Opfer einer Verleumdungskampagne von Leuten aus dem Ort. Die Staatsanwaltschaft in Erfurt hat nun eineinhalb Jahre nach Beschlagnahmung der Tiere Anklage erhoben.

Dem Angeklagten wird vorgeworfen in vier Fällen einerseits ca. 200 Geflügeltiere, dann 29 Pferde und einmal drei und einmal sechs Hunde länger andauernd körperlich misshandelt zu haben, ihnen also länger andauernde Schmerzen und Leiden zugefügt zu haben.

Hannes Grünseisen, Staatsanwaltschaft Erfurt

Bereits dreimal stand Jürgen S. wegen nicht artgerechter Haltung von Nutztieren vor Gericht. Es ging damals um Pferde, Hunde und Katzen. Zweimal wurde er aus Mangel an Beweisen freigesprochen. Sehr zur Enttäuschung der Amtsveterinäre aus Sömmerda, die glaubten, die Verfahren gut vorbereitet zu haben. Wir treffen Ulrike Dittmann, Pressesprecherin des Landratsamtes, reden mit ihr über die speziellen Probleme bei Tierschutzfällen vor Gericht.

Das Veterinäramt kann bei Vorort- Kontrollen, Fotos machen, Protokolle aufnehmen, aber konkret das Leiden, die Schmerzen der Tiere nachzuweisen ist natürlich sehr schwer, sie können die Tiere nicht fragen, sie können ihnen nicht antworten. Die gerichtsfeste Dokumentation hat sich als nicht so leicht erwiesen.

Ulrike Dittmann, Landratsamt Sömmerda

Am Ende konnte diese Dokumentation das Gericht nicht überzeugen. Das ist kein Einzelfall, immer wieder scheitern Verfahren vor Gericht, in denen es um schweres Tierleid geht. Äußerlich ist das oft sichtbar, aber eben schwer zu beweisen. Das bestätigt auch eine Analyse des Thünen-Institutes. Die Forschungsstelle für ländliche Räume hat festgestellt, Zitat: "...dass sich Verfahren lange hinziehen, viele Verfahren eingestellt werden und ...häufig ein geringes Strafmaß verhängt wird."

Wir fahren nach Wiesbaden, zur Tierschutzbeauftragten des Landes Hessen. Madeleine Martin versucht seit vielen Jahren, in Schulungen Tierärzte, Staatsanwälte und Richter für das Problem zu sensibilisieren.

Sicherlich ist es auch deshalb schwierig, weil Tierschutzrecht in der juristischen Ausbildung  überhaupt nicht vorkommt und natürlich ein kleiner Rechtsbereich ist. Dazu kommt eine hohe Belastung der Veterinärbehörden als auch der Richter und Staatsanwälte. Und es kommt dazu, dass Juristen und Staatsanwälte zwei verschiedene Sprachen sprechen, so dass es an dem Tierarzt liegt, in der Dokumentation so deutlich zu sein, dass der Jurist versteht, was der Tierarzt will.

Madeleine Martin, Tierschutzbeauftragte Hessen

Um juristische Feinheiten ging es auch in den Prozessen gegen Jürgen S.. Er war beschuldigt worden, Hunde ausgesetzt zu haben, um sie einer Kontrolle zu entziehen. Hans-Jürgen Stengler von der Tierrettung Sömmerda war Zeuge in der Verhandlung. Er wurde im Sommer 2012 zu den ausgesetzten Hunden auf eine Wiese unweit von Günstedt gerufen. Vor Ort bot sich ihm ein erschreckendes Bild.

Man muss sich das so vorstellen, die Hunde lagen in den Kisten, die konnten nicht stehen, so eine Hühnerkiste ist so hoch und im stehenden Zustand ist ein Foxterrier so groß, also die waren da eingepfercht wie die Rollmöpse und auf Grund der Wärme und ihren Ausscheidungen haben sie dann auch in ihrer eigenen Soße gelegen, also es war kein schöner Anblick.

Hans-Jörg Stengler, Tierrettung Sömmerda

Aber um den schlimmen Zustand der Hunde ging es am Ende gar nicht. Der angeklagte Tierhalter hatte vor Gericht bestritten, dass die eingesperrten Terrier ihm gehörten. Er gab an, sie vorher verkauft zu haben. Im Veterinäramt musste man damals enttäuscht hinnehmen, dass der Richter ihren Argumenten nicht folgte, erklärt Ulrike Dittmann vom Landratsamt Sömmerda.

Obwohl die Tiere nach Einschätzung des Veterinäramtes dem Tierhalter zugeordnet werden konnten, lies sich nach Ansicht des Gerichtes, die Tat selbst nicht dem Tierhalter zuordnen.

Ulrike Dittmann, Landratsamt Sömmerda

Im aktuellen Verfahren gegen Jürgen S. soll die Verhandlung im Juni beginnen. Das Veterinäramt hat aus den vorangegangenen Prozessen gelernt. Dieses Mal hat man jedes einzelne der insgesamt 242 Tiere mehrfach begutachten lassen.

Zuletzt aktualisiert: 05. April 2017, 20:02 Uhr

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1 Kommentar

29.03.2017 22:10 Rita Klar-Dorer 1

Das ist UNFASSBAR!!!
Ich bin erschüttert u. hoffe sehr, daß dieser-"Mensch" kann man schon fast nicht mehr sagen!- nicht wieder nur eine Geldstrafe bekommt wie leider so oft bei Tierquälerei;-(
Dieser Prozess im Juni wird hoffentlich anders ausgehen-Tiere haben keine Stimme, deshalb brauchen sie uns♥
Es müssen harte Strafen für solche Verbrechen-denn das sind sie!- her!
Es interessiert mich sehr, wie dieser Prozess ausgeht u. welche Strafe verhängt wird-ich hoffe, man hört o. liest etwas darüber.