Adipositas-Therapie Ärzte setzen nur selten auf Operationen

Bei der Behandlung von krankhafter Fettleibigkeit wird nach Einschätzung von Experten zu wenig operiert. Empfehlungen von ärztlichen Fachgesellschaften zur operativen Magenverkleinerung bei Adipositas-Patienten werden nach Recherchen des ARD-Magazins FAKT in den einzelnen Bundesländern sehr unterschiedlich gehandhabt. Insbesondere in Bayern kommt dieser Therapieansatz nur vergleichsweise selten zum Einsatz. Nach Angaben des Adipositas-Zentrums in München-Bogenhausen werden pro 100.000 Einwohner nur sieben solcher Operationen vorgenommen - deutlich weniger als in anderen Ländern.

Nachuntersuchung an einem Adipositas-Patienten
Untersuchung an einem Adipositas-Patienten nach einer OP. Bildrechte: dpa

Prof. Thomas Hüttl von der Chirurgischen Klinik in München-Bogenhausen sagte FAKT, es gebe beim Einsatz dieser Therapie "eine extreme und inakzeptable soziale Ungerechtigkeit" - und ein starkes Nord-Süd-Gefälle. Bayern gehöre zu den am schlechtesten therapierten Ländern in diesem Bereich.

Ein Problem sei auch, dass in einigen Ländern "Dogmatiker die Macht bekommen haben", sagte Hüttl weiter. Diese setzen sich über Richtlinien der ärztlichen Fachgesellschaften hinweg. Zudem gebe es außer der Sozialgerichtsbarkeit praktisch keine Kontrollinstanz dafür.

Die fachärztlichen Leitlinien schlagen bei einem Bodymaßindex von 50 und mehr eine operative Magenverkleinerung oder -umgehung vor. Grundlage dieser Empfehlung sind Erkenntnisse, dass konservative Therapieprogramme wie Sport, Ernährungsberatung und Psychotherapie keine ausreichende Gewichtsabnahme bei schwerst adipösen Patienten bringen können. Prof. Hans Hauner vom Institut für Ernährungsmedizin der TU München sagte FAKT, bei vielen Betroffenen gebe es starke genetische Einflüsse auf das Körpergewicht. Diese Menschen hätten in der Regel schon "alles versucht um abzunehmen, aber ohne Erfolg“. Da sei eine Operation die einzig wirklich wirksame und sichere Therapie, um langfristig abzunehmen und den Betroffenen überhaupt eine Chance zu geben, das reduzierte Gewicht auf Dauer einigermaßen zu halten.

Adipositas ist eine über das Normalmaß hinausgehende Vermehrung des Körperfetts. Berechnungsgrundlage hierfür ist der Body-Mass-Index (BMI). Ein BMI von 30 kg/m2 und mehr ist ein Hinweis auf Adipositas. Als normalgewichtig gelten Menschen mit einem BMI von 18,5 bis 24,9. Quelle: Deutsche Adipositas-Gesellschaft

Zuletzt aktualisiert: 21. März 2016, 15:35 Uhr

Die Kommentierungsdauer ist abgelaufen. Der Beitrag kann deshalb nicht mehr kommentiert werden.

46 Kommentare

23.03.2016 10:17 Bärbel 46

Als ich mich 2006 begann mit Adipositas-Chirurgie auseinander zusetzen war mir nicht klar, welche Ausmasse es annehmen wird. Heute stellen schon Menschen mit einem BMI von 30 einen Antrag auf eine OP (das bedeutet 165cm und 83kg) dafür habe ich tatsächlich kein Verständnis. Aber selbst da kann es eventuell Gründe geben warum es nötig wäre zu operieren. Warum können die Krankenkassen ihre Sichtweise nicht ändern und bei eindeutigen Indikationen direkt entscheiden. Dazu gehört für mich vor allem ein Facharzt der es empfiehlt, ein BMI über 40 usw. Strittige Fälle könnten ja weiterhin vom MDK entschieden werden. Damit wäre schon viel gewonnen.

22.03.2016 23:00 H.M. 45

Wer noch nie in unseren Schuhen gelaufen ist und sich noch nie mit Adipositas befasst hat, sollte sich nicht anmaßen, über uns zu urteilen. Die OP hat mir mein Leben zurückgegeben, davor war es einfach ein schmerzvolles Dasein in Erwartung der Folgekrankheiten, von der Isolation (und seelischem Schmerz) gar nicht zu sprechen ... trotzdem sollte die OP wirklich nur als letzte Möglichkeit ausgeschöpft werden, die Gesundheit und Beweglichkeit wiederherzustellen. Für mich war es die letzte Chance, für die ich mehr als dankbar bin. Die Blutzuckerwete sind nun ohne Medikamente im Normalbereich, der Blutdruck auch. Die Bewegung macht nun wieder Spaß und lindert die Rückenschmerzen. Mit 35 Jahren war ich gebrechlich wie eine über 80-Jährige, nun mit bald 50 fühle ich mich wie eine 40-Jährige und kann viel mehr leisten als noch vor 10-15 Jahren.

22.03.2016 18:40 Johann Fries 44

Wenn man andern Menschen leid zufügt wird man in der zur Verantwortung gezogen. Aber die verantwortlichen beim MDK, die sogar den Hippokratischen Eid abgelegt haben, interessiert das nich! Ich habe einen BMI von über 50! Was zur Folge hat, das ich ständig Rückenschmerzen habe, und jetzt auch noch Diabetes und noch weitere körperliche Einschränkungen . Jeder Arzt beim dem ich war, Ried mir abzunehmen. Dann bin ich zum Herrn Professor Hesse (Klinikum Nürnberg Nord) gegangen. Der mir auch dringend zu einer OP geraden hat. Leider haben ich die Rechnung ohne MDK gemacht, ein Antrag wurde zweimal abgelehnt. Mit solche Standard Texte, wie ich würde mich nicht Bemühen, und weiteren Textmüll. Ich hoffe nur das man die Methoden des MDK MAL gründlich überprüft!!!

22.03.2016 17:51 Norbert Gerbing 43

Ich kenne aufgrund unseres Forums und der vielen Selbsthilfegruppen viele Patienten, die seit Jahren kämpfen und immer wieder Absagen bekommen. Die Gründe hierfür sind oftmals an den Haaren herbeigezogen. Manchmal fragt man sich, ob die Entscheidungsträger das ganze Prozedere so lange hinausziehen, damit sich der Fall evtl. von alleine löst. Tote Patienten kosten kein Geld mehr. Ich kann mich noch gut an den Fall erinnern, wo ein Patient in BAYERN wirklich sehr krank war und kurz davor stand, dass er dialysepflichtig wird, wenn er die Operation nicht bekommt. Zuckerwerte jenseits von gut und böse usw. Ihm wurde bestätigt, dass er keine zwei Stufen ohne anzuhalten laufen kann. Sein täglicher Begleiter war ein Rollator. Trotzdem bestand man von die 6 Monate Bewegungstherapie. Beispiele gibt es viele und immer wieder sieht man, dass hier willkürlich Absagen erteilt werden. Mein Frau jedenfalls profitiert schon seit über 15 Jahren von der Operation. Danke an die Schwenninger BKK.

22.03.2016 17:16 Dieter Joszek 42

Einem Alkoholiker wird nicht gesagt: Reiß Dich zusammen. Ist ja schließlich eine anerkannte Krankheit. Einem Drogenabhängigen wird nicht gesagt: Reiß Dich zusammen. Ist ja schließlich eine anerkannte Krankheit. Einem an Magersucht erkrankten wird nicht gesagt: Reiß dich zusammen. Ist ja schließlich eine anerkannte Krankheit. Und bei uns Adipösen ?? Adipositas ist auch eine anerkannte Krankheit, trotzdem wird einem immer wieder vor den Latz geknallt... Reiß Dich zusammen !! Auch mir persönlich hat die OP ein neues, gesundes Leben ermöglicht. Ohne OP hätte ich das nicht geschafft! Die Krankenkassen müssen sich unbedingt mehr mit der Krankheit Adipositas beschäftigen !! Die Adipositaszentren leisten eine sehr gute und wertvolle Arbeit im Kampf gegen Adipositas und oft auch gegen den Starrsinn der Krankenkassen... Vielen Dank hierfür

22.03.2016 15:27 Ekka P 41

Ich kann einigen Schreiberlingen und sonstigen Sprücheklopfern nur empfehlen, sich mal über die Ursachen von Adipositas zu informieren. Es gibt weitaus mehr organische Gründe, als man bisher angenommen hat. Es ist eben nicht alles willentlich beeinflussbar. Und letztlich werden den Kassen nach der Magen-OP viele tausend Euro pro Jahr erspart. Ich brauche kein Insulin mehr, keine Diabetes-Tabletten, nur noch einen Bruchteil der Blutdruckmedikamente und ich habe wohl noch viele aktive Jahre vor mir. Ohne die OP wäre ich mit hoher Wahrscheinlichkeit inzwischen ein Pflegefall. Das wäre wohl um einige Euros teurer als was die OP gekostet hat. Die OP dient zur Wiederherstellung der Gesundheit und ist kein Mittel um mal eben auf die Schnelle schlank zu werden. Es ist keine Schönheits-OP sondern medizinisch indiziert. Das ist weltweit anerkannt und mit dieser Willkür bei den Kostenübernahmen muss endlich Schluss sein.

22.03.2016 15:17 Ramona Gerbing 40

Ich jedenfalls bin dankbar, dass es diese Operationen gibt und spreche hier sicherlich im Namen von allen Betroffenen und unserer kompletten Plattform www.adipositas24.de (größtes deutschsprachiges Forum über Adipositas und Adipositaschirurgie), dass wir alle froh sind, dass es Dr. Hüttl und natürlich auch seine Kollegen in Bayern und auf der ganzen Welt gibt, die uns nicht im Stich lassen und sich für uns und unsere Gesundheit einschätzen. Vielen Dank an alle operierenden Chirurgen und den Ärzten, die sich für uns einsetzen. Ohne Euch würden einige Patienten nicht mehr leben.

22.03.2016 15:16 Ramona Gerbing 39

Wenn man dann noch an die Wirtschaftlichkeit denkt, dann wird das Verhalten der Krankenkassen noch unverständlicher. Lieber bezahlt man Rehamaßnahmen, Kuren etc. obwohl man weiß, dass diese Gewichtsabnahmen meistens sehr gering und in den seltensten Fällen dauerhaft sind. Man weiß mittlerweile auch, dass gerade Diabetiker von dieser Operation profitieren, denn nicht selten ist dies für die Betroffenen das Ende von Insulin. Wenn man alleine hier die Kosten berechnet und den OP-Kosten gegenüberstellt, dann sind auch hier die Operationen ganz klar im Vorteil. Auf die Folgekosten des Diabetes will ich hier gar nicht eingehen. Beide Elternteile von mir hatten Diabetes mit schwerwiegenden Begleiterkrankungen und dem leider viel zu frühen Tod. Ich selbst wurde vor 15 Jahren operiert und habe mit der Operation 65 kg abgenommen und auch gehalten. Leider war die OP deshalb fast zu spät, weil die bereits damals schon Gelenkerkrankungen aufweisen konnte. [Teil 3 folgt]

22.03.2016 15:14 Ramona Gerbing 38

Zum Kommentar 1 möchte ich wie folgt Stellung nehmen. Herr Bayer kann „froh“ sein, dass genau diese Ärzte, die auch Patienten mit der Krankheit Adipositas operieren, seine Tochter operiert haben. Sie hatte im Gegensatz zu uns den Vorteil, dass man sie bzw. ihre Krankheit anerkannte, ohne dass dafür keine langen Anträge zur Kostenübernahme etc. erforderlich waren. Wir müssen bei unserer Erkrankung um jede Kostenübernahme kämpfen und hoffen, dass man uns helfen wird. Es ist erschreckend, wie leichtfertig gerade in Bayern manche Krankenkassen/MDK mit unserer Krankheit umgehen. Man weigert sich, uns mit einer Methode (Operation) zu behandeln, obwohl es genügend Studien über die Wirksamkeit und Notwendigkeit einer Magenverkleinerung gibt. Immer wieder setzen sich Entscheidungsträger komplett über S3-Leitlinien hinweg. MDK und Krankenkassen zweifeln an den Gutachten der Ärzte und begeben sich auf schmalen Pfad in Richtung unterlassene Hilfeleistung. [Teil 2 folgt]

22.03.2016 13:26 Netti 37

Was mich am meisten in dem Beitrag schockiert hat, ist die Tatsache das trotz der Leitlinien die ja vorgeben wann einer Adipositas-Op entsprochen werden sollte, es ohne nachvollziehbarer Gründe und überzeugender Begründung (konventionelle Behandlung wurde nicht ausgeschöpft) vom MDK in dem vorgestellten Fall mehrmals einfach mal so abgelehnt wurde. Es bleibt also nur noch die Klage vor dem Sozialgericht. Gut so, dass auch die Ärzte Tacheles gesprochen haben. Weiter so! So eine OP will gut überlegt und vorbereitet sein. Keiner der Betroffenen macht sich diese Entscheidung leicht. Richtig und wichtig finde ich auch die mind. 6-monatige Vorbereitungsphase. Die Hürden eine solche OP genehmigt zu bekommen sind also recht hoch. Aber die Willkür Entscheidungen zu treffen ob Zustimmung oder Ablehnung kann mit jetzigen Verfahrensweisen so einfach nicht getroffen werden. Hier muss ganz gewaltig an Veränderungen gearbeitet werden.