Streit um Bewertung von Glyphosat Experten werfen Fachgremium Wirtschaftsnähe vor

Im Streit um die weitere Zulassung des Pflanzenschutzmittels Glyphosat werfen Experten und Politiker dem internationalen Fachgremium JMPR mangelnde Glaubwürdigkeit vor. In dem gemeinsamen Gremium von Welternährungsorganisation FAO und der Weltgesundheitsorganisation WHO sitzen Experten, die bei einer wirtschaftsnahen Einrichtung tätig sind. Dabei handelt es sich um zwei Repräsentanten des International Life Sciences Institute (ILSI): Vizepräsident Alan Boobis sowie Professor Angelo Moretto. Die amerikanische Stiftung ILSI hat in den vergangenen Jahren größere Geldzuwendungen unter anderem von der Firma Monsanto erhalten - dem Hersteller von Glyphosat. Boobis ist einer der beiden Vorsitzenden des JMPR.

Glyphosat
Ob Glyphosat krebserregend ist, darüber streiten sich Experten. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Das JMPR hatte vor zwei Wochen eine Bewertung veröffentlicht, in der eine krebserregende Wirkung des Pflanzenschutzmittels als unwahrscheinlich eingeschätzt wurde. Diese Einschätzung widerspricht einer vor mehr als einem Jahr veröffentlichten Einstufung der WHO-Krebsforschungsagentur, in der Glyphosat als "wahrscheinlich krebserregend für den Menschen" klassifiziert wurde.

FAKT vorliegende Dokumente belegen, dass Monsanto im Jahr 2012 etwa eine halbe Million Dollar an das ILSI gezahlt hat. Eine etwa gleich große Summe - 528.000 Dollar - hatte die Stiftung im selben Jahr von der Industrie-Organisation Croplife International erhalten. Zu deren Mitgliedern zählen unter anderem Monsanto und die deutschen Chemiekonzerne Bayer und BASF. FAKT liegen außerdem Steuerunterlagen von ILSI vor, die eine direkte Zahlung von Bayer über 100.000 Dollar im Jahr 2013 ausweisen. Der Chemiekonzern räumte auf Anfrage die Zahlungen an ILSI ein: "Wir können bestätigen, dass wir jährlich einen direkten Mitgliedsbeitrag an relevante ILSI Task Forces zahlen und direkte Zahlungen für bestimmte Projektentwicklungen und Event-Sponsorings tätigen. Wir beteiligen uns indirekt am Mitgliedsbeitrag für die ILSI Stiftung über CropLife International in den USA." Die Stiftung ILSI wiederum teilte FAKT auf Anfrage mit, das Geld sei für Projekte gewesen, in denen es nicht um Glyphosat ging.

Kritik an JMPR-Bewertung

Sowohl Boobis als auch Moretto waren früher bei der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) tätig, hatten diese jedoch wegen Interessenkonflikten verlassen. Christoph Then vom Münchner Institut TestBiotech bewertet die Tätigkeit von Boobis im JMPR kritisch: "Der ist vor Jahren schon bei der EFSA rausgeflogen, wegen Interessenkonflikten - und jetzt sitzt er dort im JMPR und bewertet Glyophosat, und kommt zu einem Ergebnis, das letztendlich der Industrie nützlich ist." JMPR sei nicht glaubwürdig.

Auch der Grünen-Bundestagsabgeordnete Harald Ebner und Heike Moldenhauer vom Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) äußerten sich im Gespräch mit FAKT kritisch zur Glyphosat-Bewertung durch JMPR. Moldenhauer sagte, man habe nicht erwartet, "dass JMPR sich so etwas traut und mit so etwas in die Öffentlichkeit geht". Ebner sagte, das Gremium habe keine Glaubwürdigkeit, da es dort intensive Verstrickungen mit der Hersteller-Industrie gebe.

Glyphosat ist das weltweit am meisten eingesetzte Unkrautvernichtungsmittel. Über Pflanzen oder beispielsweise Kuhmilch gelangt es auch in den menschlichen Körper. Die Frage, ob das Mittel krebserregend ist, wird seit längerem gestritten. Die EU-Staaten beraten zurzeit darüber, ob die Zulassung von Glyphosat in der Landwirtschaft verlängert werden.

In Deutschland werden jedes Jahr mehrere Millionen Liter an Pflanzengiften, die auf dem Wirkstoff Glyphosat beruhen, verspritzt. Sie enthalten mehr als 5.000 Tonnen des reinen Wirkstoffs.

Zuletzt aktualisiert: 31. Mai 2016, 23:04 Uhr

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9 Kommentare

02.06.2016 02:23 Andreas Schmidt 9

Ich halte diesen Beitrag auch für ziemlich verunglückt, wie hier für eine angebliche Gefahr krebserzeugender Wirkung argumentiert wurde, indem man Experten zu diskreditieren versucht.
Eine krebserzeugende Wirkung von Glyphosat als Derivat einer natürlichen Aminosäure, wie es ganz ähnlich natürlich in der Biochemie aus dem Stoffwechsel bekannt ist, erscheint von der Struktur des Stoffs ausgehend wenig wahrscheinlich. Falls handelsübliche Produkte mit diesem Wirkstoff eine solche Wirkung beim Menschen haben sollten, so könnte diese meiner Meinung nach in erster Linie auf Verunreinigungen wie Dichlormethylether beruhen, welches eine sehr starke krebserregende Wirkung hat u. die in einem Herstellungsverfahren aus Formaldehyd und Chlorwasserstoff entstehen könnten. Das wäre dann kein Problem des Wirkstoffs Glyphosat, das per Verbot dieses Wirkstoffs gelöst werden müsste, sondern eine Frage von Verunreinigungen und des Herstellungsverfahrens! Ersatzstoffe könnten ausserdem gefährlicher sein

01.06.2016 08:05 Peter Schießl 8

Interessant, wie FAKT den Unterschied der Beiden genannten Studien verschweigt um den konstruierten Skandal möglichst groß wirken zu lassen. Der tatsächliche Unterschied (vereinfacht): Glyphosat wenn man es säuft: wahrscheinlich krebserregend vs. Glyphosat bei verantwortlicher Anwendung: wahrscheinlich nicht krebserregend. Kein Widerspruch, keine Verschwörung der Glyphosatindustrie. Sollte sich FAKT wohl besser in HETZ umbenennen?

01.06.2016 07:17 Ute 7

zum Kommentar unten: die Problematik des Glyphosats an sich ist ja schon mehrfach diskutiert worden. Diese Sendung zeigt auf, wie Politik gemacht wird, wie Lobbyisten Einfluss nehmen und ihre wirtschaftlichen Interessen über die des gesundheitlichen Wohles stellen.

01.06.2016 04:21 Anya 6

Vielen Dank fuer die Berichterstattung zu diesem sehr wichtigen Thema, dass in Amerika zum Beispiel von den Fernsehsendern nicht angefasst wird, weil man die Werbegelder der Pharmaindustrie verlieren koennte. Zum Glueck konnte man in Deutschland die Berichterstattung durch Gelder noch nicht zum Schweigen bringen. Dafuer herzlichen Dank. Wer den Interessenkonflikt von Boobis und Moretto nicht erkennt, der will es vielleicht nicht sehen. Es wird Zeit, dass endlich unabhaengige Studien zu Glyphosat und RoundUp durchgefuehrt werden, die nicht von der Industrie finanziert werden. Fuer alle die mehr ueber die dramatischen Auswirkungen von Glyphosat auf unsere Gesundheit wissen moechten empfehle ich die Arbeit von Professor Stephanie Seneff und ihre Ausfuehrungen zum Thema Glyphosat.

31.05.2016 00:17 Gerd Grönitz 5

Welches Gremium ist denn noch glaubwürdig, wenn es 100.000 oder gar über 500.000 $ Spenden (oder doch Schmiergeld?) erhält und auch annimmt? Ist doch klar, dass hier Lobbyisten am Werk sind! Für wie blöd halten die Konzerne denn die Bevölkerung? Neutralität und Unabhängigkeit sieht anders aus!

31.05.2016 22:45 Ludwig Wagner 4

Es gab jetzt eine Untersuchung von 29 verschiedenen Colas.
In den meisten ist Zuckerkulör als Farbstoff enthalten. Dieser ist als " wahrscheinlich krebserregend" eingestuft, wie Glyphosat! Stand nur in der Tageszeitung, interessiert sonst anscheinend niemanden. Komisch!

31.05.2016 22:44 Snow 3

@ wolle: oha, der erste Troll ist schon da... :)
Da wird wohl jemand beim BFR nervös?

31.05.2016 22:37 Herbert Lingmann 2

Die Sendung heute abend hat einen traurigen Rekord erzielt. Es ist gelungen, jede Aussage zur Sache zu vermeiden und sich ausschließlich darauf zu konzentrieren, die Vertreter der Gegenposition als gekauft, also korrupt und damit moralisch minderwertig zu brandmarken.
Ein trauriger Tiefpunkt der Debattenkultur.

31.05.2016 22:26 Wolfgang Rohrschacher 1

Es ist für mich immer wieder erstaunlich dass nur sogenannte Experten aus dem Grünen Umfeld die guten Lobbyisten sind denen auch Sie ein Forum bieten. Ich Frage mich schon seit Jahrzehnten wie diese Experten meist ohne wirkliche praktische Tätigkeit auch über Sie weiter die Verdummung vorantreiben dürfen. Im aktuellen Bericht wird nicht die Aussage an sich sondern nur alte Tätigkeiten einzelner Mitglieder von JMPR kritisiert. Interessant und wie ich finde tendenziöse und nicht neutrale Berichterstattung. Traurig.