FAKT

FAKT | Das Erste | 08.01.2013 | 21:45 Uhr : Scharfe Kritik an Wirtschaftsinstituten

Aus der Politik gibt es Forderungen, die Steuergelder für die Wirtschaftsinstitute in Deutschland zu kürzen. Der wirtschaftspolitische Sprecher der Unions-Fraktion im Bundestag, Joachim Pfeiffer, sagte in FAKT, alle großen Institute erstellten regelmäßig Konjunkturprognosen. Die würde aber kaum noch jemand überblicken. Außerdem stimmten die Analysen und Konzepte der Institute häufig nicht mit den Realitäten überein. Er frage sich, ob man eine solche Bandbreite der Institute und der Prognosen noch haben und mit öffentlichen Mitteln fördern müsse. Pfeiffer erklärte, es brauche eine "Flurbereinigung".

Ähnlich äußerte sich der wirtschaftspolitische Sprecher der FDP-Bundestagsfraktion, Martin Lindner. Auch er kritisierte die Zuverlässigkeit und den Nutzen der Wirtschaftsprognosen. Wer sich davon leiten lassen wolle, könne auch in den Kaffeesatz gucken. Für seine Arbeit hätten die Prognosen wenig Bedeutung. Die Politik sollte einen langfristigen Rahmen setzen und nicht kurzfristige Prognoseerwartungen erfüllen.

Prognosen treffen oftmals nicht zu

Dr. Martin Lindner, wirtschaftspolitischer Sprecher der FDP-Fraktion im Bundestag
Der FDP-Politiker Martin Lindner kann auf die Wirtschaftsprognosen verzichten.

Nach FAKT-Recherchen haben sich die großen deutschen Wirtschaftsinstitute in den vergangenen Jahren mehrfach bei Prognosen verschätzt. Demnach lag etwa das Institut für Wirtschaftsforschung München (Ifo) bei der Prognose des Bruttoinlandsprodukts im Krisenjahr 2009 daneben. Das Institut für Weltwirtschaft an der Universität Kiel (IfW) und das Rheinisch-Westfälische Institut für Wirtschaftsforschung in Essen (RWI) haben sich FAKT zufolge in den Jahren 2010 beziehungsweise 2011 beim Wachstum verrechnet.

Ifo-Präsident Hans-Werner Sinn räumte ein, dass es Fehler geben könne. Er betonte aber, die Prognosen könnten nicht immer so präzise sein, wie die Bevölkerung das erwarte. Denn sie bezögen sich auf die Änderungen von Größen. Sinn zufolge sind die Prognosen der Wirtschaftsinstitute aber korrekter als Wetterprognosen.

Viel Steuergeld für Institute

Aus vertraulichen Unterlagen der Bundesregierung geht hervor, dass die sechs bekanntesten Wirtschaftsinstitute in Deutschland im vergangenen Jahr insgesamt 42,5 Millionen Euro aus Steuergeldern erhalten haben. Das meiste Geld bekam demnach das Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung in Mannheim mit 9,2 Millionen Euro. Mit neun Millionen Euro knapp dahinter lag das Ifo-Institut in München.

Hans-Werner Sinn, Präsident ifo-Institut
FAKT

Wie treffsicher sind Wirtschaftsprognosen?

Die Prognosen der Wirtschaftsinstitute werden jedes Mal mit Spannung erwartet. Aber sind sie auch treffsicher? Die Studie eines Leipziger Professors sagt: Nein.

08.01.2013, 21:45 Uhr | 05:06 min

Zuletzt aktualisiert: 08. Januar 2013, 23:31 Uhr

8. WR:
Wirtschaftswissenschaften ist keine Wissenschaft, sondern Wirtschafts"philosophie". Da zu ist die Realität viel zu komplex, als dass alles Entscheidende ausreichend modelliert werden könnte.
09.01.2013
14:58 Uhr
7. Anton Hans Mader:
Die schlechteste Berichterstattung, die ich bisher im deutschen TV gesehen habe. Könnte aus Absurdistan kommen. Wenn eine Prognose nicht mit Unsicherheit behaftet wäre, wäre es keine Prognose sondern Fakt. Wie Prof. Sinn schmunzelnd angemerkt hat, wir können nicht mal das Wetter auf ein Paar Tage/Wochen vorhersagen, also Bitte etwas mehr Sachlichkeit und Objektivität. Politiker, die behaupten keine Prognosen zu benötigen, erinnern an eine zentrale Planwirtschaft. Wie erfolgreich das ist weiß ja jeder. Und mit Verlaub, diese Institute liefern nicht nur Prognosen ab sondern betreiben eine Unmenge an Forschung, mit zugegebenermaßen nicht immer verständlichem Mehrwert für den Laien. Die Sendung Fakt hat mit diesem Beitrag vollkommenen Unfug behauptet, und zeigt wie eigentlich schändlicherweise öffentliche Gelder komplett verschwendet werden.
09.01.2013
11:00 Uhr
6. Rudolf Scheutz:
In Salzburg (Oe) muss Finanzlandesrat Brenner abtreten, weil er wirtschaftliche Fehlentwicklungen nicht erkannt bzw nicht gegengesteuert hat. Groesste Kritiker: OeVP (--> CDU/CSU), FPOe (--> FDP).
09.01.2013
08:29 Uhr
5. Ökonometriker:
Was ich einmal gerne als einen Betrag sehen würde, ist das Problem der relativ eindimensionalen Denkweise an Unis. Wir haben (eigentlich weltweit) das Problem, dass sich Ökonomen, die out-of-the-box denken, an Unis fast keine Chance haben. Das liegt damit zusammen, wie der Publikationsprozess gegliedert ist. Ohne die entsprechenden Publikationen ist es mittlerweile so gut wie unmöglich, langfristig an einer Uni eine Anstellung zu erhalten. Das klingt erstmal sehr langweilig und technisch, jedoch sind die Folgen für die Gesellschaft immens, wenn man bedenkt, dass die Leute, die an den Unis ausgebildet werden, bei Banken, Unternehmen, internationalen Organisationen, Regierungen, Zentralbanken etc. landen.
09.01.2013
03:57 Uhr
4. Ökonometriker:
Meiner Anischt nach sind Wirtschaftsinstitute nicht auf ihre Prognosen zu reduzieren. Ihre Hauptaufgabe liegt in der Analyse von Daten (was schon schwer genug ist, wenn man es seriös betreiben will) und der Erarbeitung eines Spektrums von Politikalternativen, und genau hier liegt der eigentliche Kritikpunkt. Denn wir brauchen eigentlich nicht weniger, sondern mehr Institute, die jenseits des akademischen Mainstreams, der an den Unis gelehrt und geforscht wird, denken. Die Wirtschaftswissenschaften sind nicht mit Naturwissenschaften zu vergleichen. Wir können die Makroökonomie nicht so einfach darstellen wie eine Halbleiterplatine. Ökonomen können lediglich Wenn-Dann-Aussagen treffen, und der Job der Politiker ist es, das "Wenn" zu bestimmen. Wenn es anders wäre, bräuchten wir ja wohl auch keine Politiker.
09.01.2013
03:46 Uhr
3. Ökonometriker:
Was ich weiter am Beitrag zu kritisieren habe, ist: (1) Die prognostizierte Wachstumsrate ist, wie jede Prognose, eine Zufallsvariable, und unterliegt damit Schwankungen. Diskussionen um eine Punktprognose, also einer Zahl, ohne zusätzliche Information über ihre Schwankung ist, statistisch gesehen, unsinnig. Ich bin mir ziemlich sicher, dass wenn man vergleichen würde, ob die Punktprognosen im 95%-Prognoseintervall liegen, die Diskussionen schnell beendet wäre. Aber Prognoseintervalle und Standardabweichungen sind natürlich nichts für Ottonormalo, der in der Schule in Mathe immer eine 5 hatte und weil Statistik was für Nerds ist. (2) Die Angabe des Schätzfehlers in absoluten Größen ist sinnentleert und tendenziös. Es erinnert mich an Fox News, die den US-Schuldenstand in $ angeben und nicht in Relation zum BIP (oder einer anderen Größe, die die Leistungsfähigkeit der Wirtschaft widerspiegelt).
09.01.2013
03:23 Uhr
2. Ökonometriker:
OK, von Politiker kann man nichts Anderes erwarten, ich hätte mir allerdings von "Fakt" eine bessere Recherche gewünscht. Was sich dann nämlich gezeigt hätte, ist, dass die Prognose makrokönomischer Systeme extrem schwer ist. So kann mann diese nicht einmal mit Wetterprognosen vergleichen, weil in Wirtschaftssystem die Handlungen von heterogenen Akteuren auf zukünftigen Erwartungen basieren. Zugegeben, ich fand den Erklärungsversuch von Sinn widersprüchlich. Was er aber (glaube ich) meinte, ist, dass uns Unit-Root Tests suggerieren, dass das BIP einem Random Walk folgt, was impliziert, dass die Wachstumsraten weißes Rauschen sind. Und weißes Rauschen ist ex definitione schwer, wenn nicht gar unmöglich, zu prognostizieren.
09.01.2013
03:04 Uhr
1. Wendisch:
sie sollen es mal mit ehrlicher Arbeit versuchen, Flughafen Berlin, Leipziger Bahnhof oder Stuttgart 21 sind nur paar Beispiele, wie die Kosten explodieren und bei einer 2,5 bis 3facher Investition landen. Diese Managergehälter sind von den Millionen auf max. 200.000 €/Jahr zu kürzen. Die sind die verursacher der Wirtschafts- und Schuldenkrise in Deutschland und Europa. Wir hätten vielleicht den Flughafen Berlin von den Chinesen und Japanern bauen lassen sollen. Die deutschen können nur Steuermittel verbraten.
08.01.2013
22:41 Uhr

Die Kommentierungsdauer ist abgelaufen.
Der Beitrag kann deshalb nicht mehr kommentiert werden.

Wirtschaftsinstitute in Deutschland

In Deutschland gibt es zahlreiche Wirtschaftsinstitute. Zu den sechs bekanntesten zählen das Münchner ifo-Institut, das Kieler Institut für Weltwirtschaft, das Rheinisch-Westfälische Institut für Wirtschaftsforschung in Essen, das Institut für Wirtschaftsforschung Halle, das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung Berlin und das Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung in Mannheim. Darüber hinaus gibt es unter anderem das Hamburgische Welt-Wirtschafts-Institut und das Institut der deutschen Wirtschaft Köln. Die Institute erstellen etwa im Frühjahr und Herbst eine gemeinsame Prognose zum Wirtschaftswachstum für die Bundesregierung.