Am 4. Dezember 1958 stieg die legendäre "152" das erste Mal in den "volkseigenen Himmel" bei Dresden auf.
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Fluggeschichte DDR B 152 - die Geschichte eines Dresdner Düsenjets

Am 4. März 1959 verunglückt in Ottendorf-Okrilla, sechs Kilometer nordöstlich von Dresden, ein neuartiges Düsenpassagierflugzeug aus Dresden: Wie kam es zu der Katastrophe?

Am 4. Dezember 1958 stieg die legendäre "152" das erste Mal in den "volkseigenen Himmel" bei Dresden auf.
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Die B 152, ein Düsenflugzeug, war das erste überhaupt, das seit Junckers, Messerschmidt und Co in Deutschland nach dem Krieg gebaut wurde. Man hatte 1954 in Dresden begonnen, eine volkseigene Flugzeugindustrie aus dem Boden zu stampfen. Die letzten deutschen Flugzeugspezialisten, die nach Russland deportiert worden waren, kamen damals zurück. Die DDR hofft, mit diesen Spezialisten die Volkswirtschaft ankurbeln zu können  - mit Düsenjets aus DDR-Produktion.

Hoffnungsträger Düsenflugzeug

Die Zeichen dafür scheinen günstig. Sowjetische Militäreinheiten hatten im Oktober 1946 alles, was man zum Flugzeugbau brauchte, gen Osten deportiert: Angestellte und Angehörige der Junkerswerke, sowie Technik - Heizkraftwerk, Windkanäle, Mobiliar und Lagerbestände. Unter ihnen auch Brunolf Baade, von 1936 bis 1945 Konstrukteur in den Dessauer Junkerswerken. 1952 kehrte er aus der Sowjetunion zurück und entwickelte nun für die DDR in Dresden Düsenflugzeuge. Am 1. Mai 1958 soll der erste Düsenflieger der DDR präsentiert werden. Doch Baade und sein Team kämpfen gegen Windmühlen: Zum einen fehlt Material, das nur unregelmäßig aus der Sowjetunion geliefert wird, zum anderen behindern Sabotageakte wie falsch eingebaute Schrauben, beschädigte Turbinen und Diebstahl die Arbeiten. Erst im Dezember 1958, nach vier Jahren Bauzeit, ist die B 152 fertig: Ihr erster Flug dauert 35 Minuten.

Nun könnte der wirtschaftliche Aufschwung der DDR durch den hauseigenen Düsenjet kommen. Allein – es fehlen die Aufträge vom "großen Bruder“ aus Moskau. Doch Moskau schweigt. So setzt man in Ost-Berlin auf einen Befreiungsschlag: Chruschtschow soll 1959 zur Leipziger Messe den neuartigen Flieger am Himmel sehen. Beim Überflug soll die Besatzung der "152" live "brüderliche Kampfesgrüße" funken. So soll der DDR-Düsenjet die eigentlich zugesagten Geschäfte mit Moskau neu anschieben.

Zeitnot schlägt Sicherheitsmaßnahmen

Am 4. März 1959 rollt in Dresden die B 152 aufs Feld. Zwar ohne vorherige Abnahme durch den "Flugzeug-TÜV", die Prüfstelle für Luftgeräte, denn die Zeit war knapp geworden. Johannes Barz, damals Leiter der Prüfstelle, erinnert sich später an seine Reaktion:

Wer hat die denn überhaupt freigegeben? Wer hat das gemacht und warum weiß ich denn nichts?

Doch nicht nur die Prüfstelle wurde aus Zeitdruck übergangen, auch das sonst übliche Prozedere, ein Testflug zur Messung der Flugeigenschaften, wird an jenem Tag ausgesetzt. Zudem hatte Baade den Piloten überredet, schneller und höher zu fliegen als erlaubt, sowie im Tiefflug den Flughafen Dresden-Klotzsche für ein Foto zu überfliegen.

Um 12:55 Uhr hebt das Flugzeug ab, ein Bilderbuchstart trotz schlechten Wetters. An Bord: Die Piloten des Erstfluges, Willi Lehmann und  Kurt Bemme sowie Bordingenieur Paul Heerling und Versuchsingenieur Georg Eismann. Als das Flugzeug aus 6000 Meter Höhe dreimal schneller als erlaubt auf Sinkflug geht, stürzt das Flugzeug über Ottendorf-Okrilla ab. Nach 20 Minuten ist die Feuerwehr an der Absturzstelle. Zu retten ist nichts und niemand mehr, alle vier Insassen sind tot. Fachleute der Flugzeugwerke kämmen die Trümmer durch, um nach Veränderungen an Bauteilen zu fahnden, die vor dem Absturz erfolgt sein könnten. Doch die Spekulationen über Sabotage von Bauteilen bewahrheiten sich nicht.

Unter Verschluss: Die Analyse der Absturzursache

Die wahren Gründe für den Absturz sind banal – die Piloten zu unerfahren für einen Schauflug mit dem Düsenflugzeug, durch den rasanten Sinkflug wird der Tank beschädigt, der Schub durch die Turbinen erfolgt zu spät. Die Öffentlichkeit erfährt das nicht - der Untersuchungsbericht bleibt fast 40 Jahre unter Verschluss. Zur Rechenschaft gezogen wird niemand.

Der erhoffte Wirtschaftsaufschwung dank Düsenjets made in GDR bleibt ein Traum – Moskau ordert nicht, sondern schickt eigene Flieger in die Lüfte. In Dresden wird weitergebaut und 16 Monate nach dem Absturz rollt ein neues Modell aus Dresden, die V4, auf die Startbahn. Trotzdem wird die DDR-Flugzeugentwicklung am 28. Februar 1961 eingestellt.   

Zuletzt aktualisiert: 13. Oktober 2017, 18:02 Uhr