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Wirtschaftspolitik nach der WendeIndustrieleuchtturm Opel

17. Juni 2011, 11:49 Uhr

Das 1992 in Eisenach eingeweihte Opel-Werk hat die erwünschte Strahlkraft: In der Region siedeln sich Zuliefererbetriebe an, das Verkehrsnetz wird ausgebaut.

September 1992. Nach nur anderthalbjähriger Bauzeit für das neue "Opel"-Werk rollt der erste "Astra" aus Eisenach vom Band. Das wird gefeiert. Bundeskanzler Helmut Kohl kommt und lobt die privaten Investoren von "General Motors". Der Kanzler fordert den Abbau von Verwaltungshürden für die Neuansiedlungen, und er mahnt zur Solidarität mit den neuen Ländern.

Ein ganzes Land fährt Wartburg und Trabant

Die Automobilindustrie (einschließlich der Zulieferindustrie) war auch in der DDR ein bedeutender Wirtschaftszweig mit etwa 65.000 Beschäftigten. Etwa 210.000 PKW wurden in der Jahresproduktion 1989 hergestellt. Aber die Betriebe waren vom internationalen Markt abgeschottet, Produkte und Produktionstechnik hoffnungslos rückständig. Das war das Erbe, mit dem auch das "Automobilwerk Eisenach" (AWE) in die Marktwirtschaft ging.

"Es muss auch mal gestorben werden"

Im Januar 1991 gab es ein Treffen des Treuhand-Präsidialausschusses in Köln. Kohls Finanzstaatssekretär Horst Köhler mahnte an, dass in der ehemaligen DDR-Industrie "auch mal gestorben" werden müsse. Die Treuhand verstand sich als ein Instrument des Überganges, der Privatisierung. Betriebswirtschaftlich gab es keine Wahl. Die bisherige Kundschaft war selbstverständlich nicht bereit, weiterhin Ostautos zu kaufen, um die Werke in Eisenach oder Zwickau zu retten. Der thüringische Landesbischof schrieb damals einen Brief an den Treuhandchef Rohwedder. Den Bischof plagte die Sorge um die Menschen und ihre Arbeitsplätze. Rohwedder antwortete, er könne nur versprechen, dass er mit der Ankündigung des Endes von "Wartburg" so lange warten wird, bis er die Ansiedlung von "Opel" unter Dach und Fach habe.

Die Abwicklung

Es war dramatisch bis zur letzten Stunde: Am 31. Januar 1991 forderten rund 7.000 Mitarbeiter des "AWE" den Rücktritt des damaligen Ministerpräsidenten Josef Duchač (CDU). Der hatte sich in Berlin nicht durchsetzen können mit dem Anliegen, die "Wartburg"- Produktion in Thüringen fortzuführen. Die Treuhandanstalt blieb beim Aus für das Werk. Nur sieben Tage später begannen die Arbeiten für das neue "Opel"- Werk. 2.000 Menschen konnten dort neue Arbeit finden – die anderen gingen in Umschulung, Rente, oder in den Westen.

Bis zum April 1991 wurden noch etwa 7.200 "Wartburg" gebaut, aus den Lagerbeständen des Werkes. Dass "Wartburg" keine Zukunft hatte, daran änderte auch ein vom Designer Irmscher aufgemotzter Prototyp des "Wartburg 1.3." nichts – zu veraltet schien die Technik, zu groß der Druck durch den westlichen Markt. Mit der Ansiedlung von "Opel" allerdings gelang es, den Tod des "AWE" auch als Chance zu sehen. Schließlich konnte Eisenach auf eine lange Tradition des Autobaus zurückblicken.

Eisenach - begehrtes Pendlerziel

Mit der Neuansiedlung des Großunternehmens "Opel" gelang es in Thüringen, ein sogenanntes "Cluster" zu schaffen, also eine Ballung von mittelständischen Betrieben um einen industriellen Kern herum. Die Zulieferer der Region profitierten vom "Opel"- Werk, der Staat investierte in neue Verkehrswege und bettete das ohnehin geografisch günstig gelegene Thüringen in ein leistungsfähiges Netz von Straße und Schiene ein. Der Erfolg dieser konsequenten Wirtschaftsförderung war nicht zu übersehen: Eisenach wurde ein begehrtes Pendlerziel von Industriearbeitern aus dem Nordhessischen. Bezeichnend für die Nachhaltigkeit des neuen Kurses war eine Kennziffer: Der Industriebesatz, also die Zahl der Industriebeschäftigten pro 1.000 Einwohner. Er betrug 1999 in den alten Bundesländern im Schnitt 86, in den neuen Ländern 39, im gesamten Thüringen 50 und in der Stadt Eisenach stolze 124.

Finanzkrise trifft Autobauer

Doch die ab 2007 einsetzende internationale Finanzkrise wirkte sich auch auf die Autoindustrie aus, die Absatzzahlen gingen zurück. Ab Herbst 2008 drosselten deshalb mehrere deutsche Auto-Konzerne ihre Produktion. Im Opelwerk Eisenach war Ende Januar 2009 Kurzarbeit angesagt. Als Tochterunternehmen des angeschlagenen US-Autoriesen General Motors war "Opel" besonders von der Krise getroffen. Doch eigentlich stand "Opel Deutschland" gar nicht so schlecht da. Erst recht seit die Abwrackprämie den Opelanern volle Auftragsbücher bescherte. Statt Kurzarbeit wurden im Eisenacher Werk Sonderschichten geschoben: Die 2500-Euro-Prämie für ein Altauto beim Kauf eines Neuwagen machte besonders "Opels Kleinen", den in Eisenach produzierten "Opel Corsa", attraktiv. Im Eisenacher "Leuchtturm" geht das Licht also vorerst noch nicht aus.