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Das pädagogische Projekt "Jugendwerkhof"

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Spezialheime für "Schwererziehbare"Kollektiverziehung nach sowjetischem Vorbild

"Jugendknast", "Kindergefängnis" oder "rote Burg" - in der DDR kursieren zahlreiche Bezeichnungen für Jugendwerkhöfe. In der Bevölkerung ist kaum etwas über das Leben der Jugendlichen in diesen Heimen bekannt.

Alltag im Jugendwerkhof Wolfersdorf

Im Frühjahr 1987 bekommt der Berliner Fotograf Thomas Sandberg einen sensationellen Auftrag: Für die "Neue Berliner Illustrierte" (NBI) soll er einen Jugendwerkhof besuchen und erstmals überhaupt einem größeren Publikum zeigen, was bisher hinter dicken Mauern verborgen geblieben ist. Bildrechte: Thomas Sandberg
"Der Auftrag kam direkt aus dem Volksbildungsministerium", erzählt Sandberg. "Vermutlich musste Ministerin Margot Honecker persönlich ihre Einwilligung gegeben haben." Der Fotograf hat bis zu diesem Zeitpunkt keine genauen Vorstellungen von einem Jugendwerkhof. Er kennt nur die Gerüchte. Von militärischem Drill und politischer Umerziehung ist da die Rede. Er rechnet damit, eine harmlose Einrichtung gezeigt zu bekommen. Bildrechte: Thomas Sandberg
Gleich nach seiner Ankunft wird er Zeuge einer heftigen Auseinandersetzung zwischen einem Erzieher und einem etwa 15-jährigen Jungen. Der Junge muss sich anschließend vor allen ausziehen, seine Sachen packen und wird in eine Arrestzelle gebracht. Es heißt, er kommt am nächsten Tag nach "Torgau". "Torgau, das ist ein Geschlossener Jugendwerkhof, ein Knast", erklären ihm die Jugendlichen. Von da an weiß Sandberg, hier wird nichts inszeniert. Bildrechte: Thomas Sandberg
Der Alltag in Wolfersdorf erinnert Sandberg an seine Zeit als Soldat. Der gesamte Tag ist minutiös durchorganisiert. Es gibt Wehrsport und auf dem Weg zum Mittagessen und zur Arbeit wird marschiert. "Wenn wir den Jugendlichen zu viele Freiräume gewähren, bekommen wir nur Probleme", erklärt ihm ein Erzieher. Bildrechte: Thomas Sandberg
Erstaunt ist Sandberg vor allem über das Alter der Jugendlichen. Nicht wenige sind noch nicht einmal in der Pubertät, viele von ihnen wirken noch kindlich. Trotz ihrer Hyperaktivität empfindet er die Jugendlichen oft als sensibel und verletzlich. "Sie erinnerten mich an junge Wildpferde, die hier mit Gewalt domestiziert werden sollten", sagt er heute. Bildrechte: Thomas Sandberg
Die Pädagogen in Wolfersdorf scheinen sich nach Ansicht Sandsbergs tatsächlich sehr um die Jugendlichen zu kümmern. Sie versuchen etwa, ansprechende Kleidung zu beschaffen und ein interessantes Freizeitangebot anzubieten. Die psychologische Betreuung der Kinder wirkt dagegen mangelhaft. Trotz der offenkundigen seelischen Probleme vieler Insassen gibt es für die mehr als 150 Jugendlichen lediglich einen Psychologen. Bildrechte: Thomas Sandberg
Zum Schulanfang haben die Lehrer kleine Zuckertüten an einen Baum gehängt. Die Jugendlichen scheinen solche Aufmerksamkeiten nicht gewohnt zu sein. "Nie wieder habe ich jemand eine Tafel Schokolade mit solcher Geschwindigkeit und Gier essen sehen", erinnert sich Sandberg. Bildrechte: Thomas Sandberg
Mehrmals pro Woche finden in den Gruppen FDJ-Nachmittage statt. "Rotlichtveranstaltungen" nennen die Jugendlichen das. Viele lassen diese Nachmittage über sich ergehen. Bildrechte: Thomas Sandberg
Einige Jugendliche berichten Sandberg sogar von Drogenerfahrungen. Zwar wird der Konsum von Zigaretten und Alkohol in den Heimen streng kontrolliert. Aber nachts schnüffeln viele Jugendliche heimlich Klebstoff. Ihre Drogenerfahrungen schildern sie Sandberg wie Heldengeschichten. Bildrechte: Thomas Sandberg
Der Artikel mit den Fotos von Thomas Sandberg erscheint noch im gleichen Jahr unter der Überschrift "Hilfe für draußen" in der "Neuen Berliner Illustrierten (NBI)" . Obwohl die Bilder kein Idealbild des Jugendwerkhofs zeigen, werden sie nicht zensiert. Der Artikel soll im Volksbildungsministerium auf Kritik gestoßen sein. Bildrechte: Thomas Sandberg
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