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Braunkohle in der DDRAbgebaggerte Dörfer: Die Folgen der Braunkohleförderung in der DDR

17. März 2022, 18:22 Uhr

In der Lausitz müssen seit fast 100 Jahren immer wieder ganze Dörfer dem Tagebau weichen. In der DDR wurde dem "schwarzen Gold" für die Energiegewinnung eine immense Bedeutung beigemessen. Proteste gegen die Maßnahmen gab es nur selten, da die Existenz vieler Lausitzer an die Arbeit in den Braunkohletagebauen gebunden ist. Im sächsischen Dorf Klitten formierte sich dennoch in der Wendezeit Widerstand gegen die beschlossene Abbaggerung.

Wuchtige Abrisskolonnen stören die Ruhe der friedlichen Dörfer, Bagger fressen sich mit ihren Schaufeln durch Hauswände, Gebäude werden abgerissen, auch vor Kirchenwird nicht immer haltgemacht. Einzig staubige Schuttberge bleiben vom einst intakten Dorfkern zurück. Solche Bilder bestimmen seit Jahrzehnten das Leben in der Lausitz: Der Grund dafür sind die gewaltigen Kohlevorkommen der Region.

"Gott schuf die Lausitz, der Teufel die Kohle darunter"

Dem Ausbau der Braunkohletagebauten mussten im vergangenen Jahrhundert viele Dörfer weichen – seit 1922 etwa 90. Tausende Menschen mussten ihre Häuser verlassen und in andere Orte umsiedeln. Das Dilemma: Bereits seit dem Ende des 19. Jahrhunderts wurden erste Dörfer in der Oberlausitz mit Energie durch den Braunkohleabbau versorgt. Die damaligen Bewohner ahnten nicht, was daas nur rund 50 Jahre später für die ganze Region bedeuten würde.

Man muss sich das wirklich vorstellen, das da eine sehr einfache Landbevölkerung, die fast noch spätfeudal lebte, plötzlich auf eine Industriegesellschaft stieß. Da sind zwei komplett fremde Welten aufeinandergeprallt.

Robert Lorenz, Ethnologe und Lausitzforscher

Braunkohle: Treibstoff der DDR-Industrie

Besonders in der DDR galt das Motto "Braunkohle um jeden Preis". Die Braunkohle war der Treibstoff für ganze Industriezweige. Vor allem das südöstliche Brandenburg und das nordöstliche Sachsen, aber auch der Süden von Leipzig boten wertvolle Kohlegrundlagen für die Energiegewinnung. Wegen der Ölkrise stand das Öl als wichtiger Rohstoff aus der Sowjetunion für die Energiegewinnung nicht mehr zur Verfügung. So lautete der Auftrag des Politbüros weitere Tagebaue zu erschließen und die Kohlegruben gänzlich auszuschöpfen. Die dadurch bedingte Umsiedlung großer Teile der Bevölkerung wurde in Kauf genommen. Gerade ältere Dorfbewohner haderten mit den Folgen ihres erzwungenen Umzugs. So war es keine Seltenheit, dass Rentner ihre alten Bauernhäuser gegen Zimmer in Altenheimen oder Plattenbauwohnungen in Großstädten tauschen mussten.

Widerstand gegen die beschlossenen Umsiedlungen regte sich nur selten. Viele der Dorfbewohner befanden sich in dem Dilemma, dass ihre Arbeitsplätze auch an dem Braunkohleabbau hingen. In fast jeder Familie gab es zumindest einen, der sein Geld in der Kohle oder in den Kraftwerken verdiente. Die meisten nahmen so die Übersiedlung in eine andere Gegend für den Erhalt der Arbeitsstelle ohne Protest in Kauf.

Proteststimmen werden laut

Mitte der 80er-Jahre verhandelte man bereits über die Zukunft eines Drittels des gesamten Bezirks Cottbus. In vielen Orten standen der Einzug der Bagger und der Abriss sämtlicher alter Dorfstrukturen schon kurz bevor. Auch Klitten, das sich in unmittelbarer Nähe zu dem Kohlekraftwerk Boxberg befindet, sollte der Energiegewinnung weichen. Der Abbruch der 1.500 Seelengemeinde war bereits beschlossen. Doch innerhalb des Dorfes formierte sich Widerstand.

Die Klittener trugen Unterschriftenlisten zusammen und veranstalteten kleine aber wirkungsvolle Protestaktionen. Die Funktionäre aber ließen zunächst nicht von ihrem Vorhaben ab. Bisher war es noch keinem Dorf gelungen die Umsiedlungspläne zu stoppen. Im Zuge der Friedlichen Revolution vom Herbst 89 konnten die Dorfbewohner an ihrem Widerstand festhalten.

Es ist doch so, wenn wir hier in Klitten demonstrieren und drüber nachdenken, wie unser Ort erhalten werden kann, so gehen wir nicht davon aus, dass wie bisher Kohle zuallererst und um jeden Preis immer den Vorrang hat. Sondern wir denken, dass muss in einem guten Verhältnis stehen. Es geht auch ohne die Kohle unter Klitten!

Werner Hippe, Sprecher des Neuen Forums Klitten im DDR-Fernsehen (1990)

Im Februar 1990 fiel dann der Entschluss: Die Gemeinde wird nicht weggebaggert. Zwei Jahre später wird die Kohleförderung bei Klitten ganz eingestellt. Neben Sallgast in Südbrandenburg sicherten sich die Klittener mit als einzige das Bestehen ihres Dorfes. Dieser Umstand war auch dem Wandel der politischen Vorzeichen zu verdanken. Umweltthemen standen mehr denn je im Vordergrund, was den Druck auf die Regierung erhöhte. Auch heutzutage bangen noch viele Menschen im Zuge der Tagebauerweiterungen in der Lausitz um ihren Wohnsitz. Aktuell finden Verhandlungen über den Ausbau des Tagebaus Nochten statt, der eine Umsiedlung vieler Oberlausitzer bedeuten würde. Im Gegensatz zu früher übernehmen die Energieunternehmen heute jegliche Entschädigungskosten, ob das auch die Heimat ersetzen kann, steht auf einem anderen Blatt.

Dieses Thema im Programm:MDR FERNSEHEN | MDR Zeitreise: Nachruf auf die Braunkohle | 08. November 2020 | 22:20 Uhr

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