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Bildrechte: imago images/Werner Schulze

Die Namensgeschichte der Stadt ChemnitzWie aus Karl-Marx-Stadt wieder Chemnitz wurde

01. Juni 2021, 05:00 Uhr

Am 23. April 1990 ergab eine Bürgerbefragung: Karl-Marx-Stadt soll wieder in Chemnitz umbenannt werden. 76 Prozent der Einwohner stimmten dafür, dass die Stadt ihren alten Namen zurück bekommt. Diese war 37 Jahre zuvor in Karl-Marx-Stadt umbenannt worden. Am 1. Juni 1990 beschloss die Stadtverordnetenversammlung die Rückbenennung.

Schon kurz nach dem Mauerfall stand für viele Bürger der DDR-Bezirksstadt Karl-Marx-Stadt fest, dass die Stadt wieder ihren alten Namen tragen soll. Die "Initiative für Chemnitz" machte sich stark für eine Bürgerbefragung zur Namensfrage. Eine Woche lang wurden die Einwohnerinnen und Einwoher der Stadt befragt, bis am 23. April die Stimmen ausgezählt wurden. Ein klares Ergebnis: 76 Prozent der Bürger hatten sich für die Umbenennung ausgesprochen. Anderthalb Monate später, am 1. Juni 1990, beschloss die Stadtverordnetenversammlung die Rückbenennung. Karl-Marx-Stadt hieß wieder Chemnitz.

Wie aus Chemnitz Karl-Marx-Stadt wurde

Am 1. Januar 1953 erklärte das Zentralkomitee der SED das neue Jahr zum Karl-Marx-Jahr. Anlässlich seines 135. Geburtstages plante man, den Begründer des "wissenschaftlichen Sozialismus" mit einer Reihe von Maßnahmen zu ehren. Gleichzeitig wurde den "Spielarten des Sozialdemokratismus" der Kampf angesagt: "Die Hauptaufgabe im Karl-Marx-Jahr besteht darin, dem deutschen Volke die Augen zu öffnen über die welthistorische Bedeutung dieses größten Sohnes der deutschen Nation und die werktätigen Massen im Geiste des unversöhnlichen Kampfes für die sozialistische Gesellschaftsordnung zu erziehen."

Im Laufe des Jahres konkretisierten sich die "Erziehungsmaßnahmen". Die Umbenennung der Universität Leipzig, das Aufstellen von Karl-Marx-Büsten in Berlin und Jena und nicht zuletzt eine Sonderserie von Briefmarken sollten "dem deutschen Volke die Augen öffnen". Den dauerhaftesten Eindruck des Karl-Marx-Jahres hinterließ der 10. Mai 1953. An diesem Sonntag wurden Stadt und Bezirk Chemnitz in Karl-Marx-Stadt umbenannt.

Chemnitz war nur dritte Wahl

Dabei war die sächsische Arbeiterstadt allenfalls die dritte Wahl. Ursprünglich war Eisenhüttenstadt dafür vorgesehen, ab 1953 den Namen des großen Theoretikers zu tragen. Doch durch das Ableben des "Vaters aller Werktätigen" im März des gleichen Jahres platzte dieses Vorhaben und so wurde aus der ersten sozialistischen Stadt kurzerhand Stalinstadt.

Das in der Wunschliste des Zentralkomitees folgende Leipzig blieb durch seine lange Messetradition und die vorgesehene Rolle als Tor zur Welt von einer Umbenennung verschont, obwohl man auch mutmaßte, dass Walter Ulbricht persönlich den Plan zu Fall brachte, um später selbst Namenspatron seines Geburtsortes zu werden. So mussten sich nun die Chemnitzer Bürger, die erst Ende April von ihrer "Ehre" erfuhren, des Namens Karl-Marx-Stadt würdig erweisen.

Die Umbenennung feierte DDR-Ministerpräsident Otto Grotewohl mit 180.000 Werktätigen auf dem Stalinplatz. Der Festakt wurde einmal mehr zum Anlass genommen, die angebliche Verbundenheit von SED-Regierung und Bevölkerung zu demonstrieren.

Der "Nischel" kommt und bleibt

Am 9. Oktober 1971 erhielt die Stadt eine monströse Porträtbüste ihres Namenspatrons. Die Sachsen tauften das gewaltige Prophetenhaupt respektlos "Nischel". Während die Stadt bereits am 1. Juni 1990 auf Wunsch der Bürger den Namen Chemnitz zurück erhielt, blieb der "Nischel" am alten Orte stehen und ist inzwischen zur Touristenattraktion geworden. Die Stadtverwaltung wirbt für Chemnitz heute mit dem Slogan: "Stadt mit Köpfchen".