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Der drei Meter hohe Stumpf des einstigen Bergfrieds der ehemaligen Burg Anhalt. Bildrechte: IMAGO/Zoonar

LandesgeschichteWoher der Name Anhalt stammtvon Dr. Daniel Niemetz

30. Januar 2024, 20:15 Uhr

Der Name Anhalt im Landesnamen Sachsen-Anhalt geht auf das einstige Fürsten- und Herzogtum Anhalt zurück. Dessen Herrscher benennen sich vor über 850 Jahren nach einer Burg im Ostharz, deren Ursprünge noch viel weiter zurückreichen. Was der Name Anhalt bedeutet und wie das mit ihm verbundene Herrschergeschlecht seit dem Hochmittelalter deutsche und europäische Geschichte schreibt, erfahren Sie hier.

von Dr. Daniel Niemetz

Der Name Anhalt im Landesnamen Sachsen-Anhalt geht auf das frühere Herzogtum Anhalt (bis 1918) bzw. das nachfolgende Land Anhalt (bis 1945) zurück. Anders als im Falle der Länder Sachsen und Thüringen verbirgt sich hinter Anhalt aber kein germanischer Stammes- oder Volksname, sondern der Name einer mittelalterlichen Burg. Als "Anholt" wird die auf einem Höhenzug über dem Selketal im Ostharz errichtete Wehranlage 1140 erstmals urkundlich erwähnt.

Ballenstedter Grafen als Erbauer

Die Reste der Burgruine Anhalt über dem Selketal im Ostharz. Bildrechte: IMAGO/Zoonar

Von wem und wann die ursprünglich vor allem aus einem massiven Wohnturm bestehende Burg Anhalt erbaut wird, liegt im Dunkel der Geschichte. Eine Variante sieht Graf Esico von Ballenstedt (um 990/1000-1059/60) als Gründer der Burg. Esico, Bruder der als Naumburger Stifterfigur berühmt gewordenen Uta von Ballenstedt (um 1000-1046), herrscht über Ballenstedt und Aschersleben und besitzt große Ländereien zwischen Saale und Elbe. Eine andere Version geht davon aus, dass Esicos Enkel, Graf Otto der Reiche von Ballenstedt (um 1070-1123), die Burg Anhalt im ersten Viertel des 12. Jahrhunderts errichten lässt. Für den Historiker und Anhalt-Experten Lutz Partenheimer kommen hingegen für die "vor oder um 1100" errichtete Burg sowohl die Ballenstedter Grafen als "auch andere Adelsgeschlechter oder König Heinrich IV." in Frage.

Ein Name und viele Erklärungen

Schloss Ballenstedt Ende des 19. Jahrhunderts: Die frühere Burg gilt als die "Wiege Anhalts". Bildrechte: IMAGO / H. Tschanz-Hofmann

Auch die Bedeutung des Burgnamens Anhalt ist umstritten. Einer Sage nach soll die Burg "ane holt", das heißt ohne Holz, also ganz aus Stein gebaut worden sein, was zur damaligen Zeit im Harzraum nicht selbstverständlich ist. Eine andere Variante geht davon aus, dass mit "Anehalt", "Anahalt" oder "Anhald" – so weitere Namensvarianten – die Burg an der Halde, das heißt am Berghang, gemeint ist. Eine dritte Namensdeutung ergibt sich aus Urkunden, in denen die Burg als "der Anhalt" bezeichnet wird, was so viel wie der "feste Schutz", also die sichere Zufluchtsstätte bedeutet. "Der Anhalt" wäre demnach eine Fluchtburg, welche die Erbauer für sich und die Bevölkerung des Umlandes errichten lassen. Eine weitere Erklärung geht hingegen davon aus, dass die Burg und ein gleichnamiges Dorf ihren Namen von einem als "Anhalt" bezeichneten historischen Gebiet erhalten, ohne dass die Namensbedeutung erklärt wird.

Markgraf Albrecht der Bär

Standbild von Markgraf Albrecht dem Bären in der Zitadelle von Berlin-Spandau. Bildrechte: imago/Hohlfeld

Wie dem auch sei, fest steht wohl, dass die Burg Anhalt 1140 im Kampf um die Herrschaft im alten Herzogtum Sachsen zerstört wird. Albrecht der Bär (um 1100-1170), Sohn und Erbe Ottos des Reichen und seit 1134 auch Markgraf der Nordmark (Altmark) kann sich in dem Machtkampf nicht gegen die Familie der Welfen und den sie unterstützenden sächsischen Adel durchsetzen. 1142 verzichtet er auf die sächsische Herzogswürde. Das hindert ihn jedoch nicht daran, seinen Herrschaftsausbau weiter voranzutreiben.

So wird Albrecht 1147 erstmals urkundlich als Graf von Aschersleben (lateinisch: Ascharia) bezeichnet, worauf der spätere Geschlechtername "Askanier" zurückgeht. Vor allem aber treibt er seit 1150 von der heutigen Altmark aus die Kolonisierung der späteren Mark Brandenburg bis zur Havel voran. 1157 bezeichnet sich Albrecht der Bär erstmals in einer Urkunde offiziell als Markgraf von Brandenburg.

"Großer Anhalt" und großes Erbe

Auch die zerstörte Burg Anhalt lässt Albrecht wieder aufbauen. Zwischen 1145/50 und 1170 entsteht mit dem "Großen Anhalt" eine der mächtigsten Befestigungsanlagen im Harzraum. Mit einer Länge von über 540 Metern ist die Burg in ihrer Dimension vergleichbar mit der Wartburg in Thüringen. Untypisch für die damalige Zeit und die Region ist eine – wenn auch in der neueren Forschung umstrittene – Errichtung der Anlage in Ziegelbauweise.

Modell der von Albrecht dem Bären zwischen 1145/50 und 1170 neu errichteten Burg Anhalt im Schlosspark Ballenstedt. Bildrechte: IMAGO / Zoonar

Am Ende seines Lebens ist Albrecht der Bär einer der bedeutendsten Feudalherren seiner Zeit. Sein Herrschaftskomplex umfasst die Mark Brandenburg bis zur Havel, einschließlich der Altmark, die Grafschaften Ballenstedt, Aschersleben und Weimar-Orlamünde sowie umfangreiche Besitzungen an Saale, Mulde und Elbe. Da die Askanier – wie alle Adelshäuser des Mittelalters – kein Erstgeburts- und Unteilbarkeitsgesetz kennen, wird Albrechts Erbe bei seinem Tod 1170 unter allen Söhnen, die nicht dem geistlichen Stand angehören, aufgeteilt.

Graf von Anhalt und Herzog von Sachsen

Die Markgrafschaft Brandenburg fällt dabei an Albrechts ältesten Sohn Otto (1125/26-1184), dessen Nachkommen die Mark bis zum Aussterben ihres Zweigs 1320 regieren. Albrechts jüngster Sohn Bernhard (1140-1212) erbt zunächst die Grafschaft Aschersleben und die Burg Anhalt sowie ein Jahr später auch die Grafschaft Ballenstedt.

Münze von Herzog Bernhard von Sachsen, der sich 1170 als erster "Graf von Anhalt" nennt. Bildrechte: IMAGO / Steffen Schellhorn

Bereits 1170 nennt sich Bernhard nach seinen damaligen Burgen "Graf von Anhalt und Aschersleben". Damit begründet er den Namen des Hauses Anhalt – also jenes Familienzweigs der Askanier, der über die späteren Fürsten- und Herzogtümer Anhalt herrscht. Nachdem Kaiser Friedrich I. Barbarossa (1122-1190) im Jahr 1180 den in Ungnade gefallenen Sachsen-Herzog Heinrich den Löwen (1129/30-1195) entmachtet, verleiht er die sächsische Herzogswürde an Bernhard von Anhalt. Der erhält aber nur einen kleinen östlichen Teil des zerschlagenen Herzogtums samt neuer Gebiete um Wittenberg und Aken.

Anhalt als selbständiges Fürstentum

Fürst Heinrich I. ist der erste regierende Landesfürst von Anhalt, Abbildung aus dem Codex Manesse, 1305-1340. Bildrechte: IMAGO / Heritage Images

Als Herzog Bernhard von Sachsen 1212 stirbt, wird auch dessen gesamtes Erbe unter seinen Söhnen aufgeteilt. Bernhards älterer Sohn, Graf Heinrich (um 1170-1252), erbt die anhaltischen Stammlande zwischen Ostharz und Elbe. Er wird 1218 von Kaiser Friedrich II. (1194-1250) in den Fürstenstand erhoben und nennt sich fortan Fürst von Anhalt.

Bernhards jüngerer Sohn Albrecht (1175-1260/61) erbt die sächsische Herzogswürde samt den dazugehörigen Gebieten an Mittel- und Unterelbe. Dessen Söhne bilden später zwei neue askanische Herzogslinien, die jedoch 1422 (Sachsen-Wittenberg) bzw. 1689 (Sachsen-Lauenburg) ebenfalls aussterben. Nur die von Heinrich I. 1212 begründete Linie der Fürsten von Anhalt existiert als einziger Askanier-Zweig bis zum heutigen Tage fort.

Anhalt und seine Landesteilungen

Allerdings wird auch das Fürstentum Anhalt in der Folge immer wieder durch Erbteilungen in verschiedene Teilfürstentümer zersplittert. Lediglich 1570 wird das Fürstentum Anhalt noch einmal in seiner Gesamtheit vereinigt, bevor es 1603 erneut in mehrere Teilherrschaften aufgespalten wird. Auch was das Gesamtterritorium der anhaltischen Staaten angeht, gibt es Veränderungen. So geht im 13. Jahrhundert das askanische Kernland Aschersleben an die Bischöfe von Halberstadt verloren.

Zarin Katharina die Große ist eine geborene Prinzessin von Anhalt-Zerbst. Bildrechte: IMAGO / Heritage Images

Dafür können die Anhalter 1307 Stadt und Umland von Zerbst erwerben, das ab Ende des 14. Jahrhunderts von einer eigenen Fürstenlinie Anhalt-Zerbst regiert wird. Deren berühmteste Vertreterin ist Prinzessin Sophie Auguste Friederike von Anhalt-Zerbst (1729-1796), die 1762 den russischen Zarenthron besteigt und als Katharina II. die Große bis heute als eine der bedeutendsten Herrscherinnen Russlands gilt. Nach dem Aussterben der Linie Anhalt-Zerbst 1797 wird deren Besitz auf die verbliebenen Fürstentümer Anhalt-Bernburg, Anhalt-Dessau und Anhalt-Köthen aufgeteilt. Seit 1806 dürfen sich die Bernburger, seit 1807 auch die Köthener und Dessauer Landesherren Herzöge nennen.

Vom Herzogtum Anhalt zum Land Sachsen-Anhalt

Nachdem 1847 die Herzöge von Anhalt-Köthen und 16 Jahre später auch die Herzöge von Anhalt-Bernburg aussterben, wird Anhalt 1863 unter der Dessauer Linie zu einem Herzogtum vereinigt. 1871 tritt Anhalt als Bundesland dem neu gegründeten Deutschen Reich bei.

Das Herzogtum Anhalt (Bildmitte, gelb) ist von 1871 bis 1918 ein Bundesland des Deutschen Reiches. Bildrechte: IMAGO / Artokoloro

Die Geschichte des Herzogtums Anhalt endet nach dem Ersten Weltkrieg 1918 im Zuge der Novemberrevolution mit der Abdankung des letzten Herzogs Joachim Ernst (1901-1947). Anhalt wird Freistaat (bis 1934), danach Land (bis 1945) und ist seit 1945/46 Teil der "Provinz Sachsen" bzw. des Landes Sachsen-Anhalt, das allerdings 1952 in der DDR aufgelöst wird. Erst mit der Gründung des Bundeslandes Sachsen-Anhalt 1990 tritt Anhalt wieder als politischer Begriff in Erscheinung.

Die Burg Anhalt existiert da schon lange nicht mehr. Sie verfällt ab dem 14./15. Jahrhundert allmählich zur Ruine. Anfang des 19. Jahrhunderts lässt der damalige Besitzer Herzog Alexius Friedrich Christian von Anhalt-Bernburg (1767-1834) die Ruinenfläche des "Großen Anhalts" über dem Selketal beräumen. Heute künden nur noch ein paar Mauerreste sowie der Stumpf des früher mächtigen Bergfrieds von jener Burg, die dem Land Anhalt einst seinen Namen gab.

Dieser Artikel wurde erstmals am 10. Dezember 2023 veröffentlicht.

Literaturhinweise

  • Feist, Peter: Burg Anhalt. Der Ort, der dem Land den Namen gab, Berlin 1997.
  • Partenheimer, Lutz: Die Bedeutung der Burgen Ballenstedt, Askania (Aschersleben) und Anhalt für die frühen Askanier sowie Albrecht den Bären. In: Albrecht der Bär, Ballenstedt und die Anfänge Anhalts, hrsg. von Stephan Freund und Gabriele Köster, S. 41-66.
  • Tullner, Mathias: Geschichte Sachsen-Anhalts, München 2008.
  • Schlenker, Gerlinde, Gerd Lehmann und Manfred Wille: Geschichte in Daten - Anhalt, München/Berlin, 1994.
  • Schymalla, Joachim: Das Gebiet zwischen Elbe, Saale, Harz und Unstrut im Übergang von der Königslandschaft zur Entstehung fürstlicher Territorien, von der Mitte des 11. Jahrhunderts bis zum Anfang des 13. Jahrhunderts. In: Geschichte Sachsen-Anhalts I. Das Mittelalter, Berlin/München 1993, S. 96-137.