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ARD-Serie "Egostory"Kann Psychologie die Geschichte erklären?

von Marius Emsel, MDR GESCHICHTE

Stand: 07. Dezember 2022, 11:11 Uhr

Die Online-Serie "Egostory" wirft einen psychologischen Blick auf die Geschichte. Die Filme erzählen von Schlüsselmomenten aus dem Leben historischer Persönlichkeiten und erklären menschliche Verhaltensmuster wie Verrat, Verleugnung, Narzissmus, Angst oder Liebe. So beeinflussen psychologische Muster und Verhaltensweisen auch den Lauf der Geschichte. Das Team wurde von der Psychologin Dr. Csilla Jeszenszky fachlich beraten. Wir haben mit ihr gesprochen.

In "Egostory" werden historische Persönlichkeiten und Ereignisse aus der Geschichte psychologisch erklärt. Inwiefern ist das aber überhaupt möglich?

Es ist in der Therapie so, dass man damit arbeitet, was der Patient mitbringt. Man nimmt also die Informationen, die einem zur Verfügung stehen. Analog dazu haben wir alles, was an Informationen, Recherchen und Filmmaterial über die historische Person vorhanden war, genommen, um ein Konzept darüberzulegen. Mal passt das Konzept als Schablone über das gesamte Feld, mal nur über einen kleinen Teil. So lassen sich im besten Fall einzelne Handlungen aus psychologischer Sicht erklären.

Ich habe auch nachgeschaut: So etwas wie Geschichtspsychologie als eigene Richtung gibt es nicht. Deshalb musste ich mich aus meinem eigenen Werkzeugkasten bedienen. Es war also ein Experiment. Die psychologische Beratung ist ja in diesem Fall immer Mutmaßung. Ich kann nicht sagen, das ist die Diagnose, da ich ja den Menschen nicht sehen kann. Es war tatsächlich ein Experiment, ein Gedankenspiel.

In einer Folge geht es darum, wie aus Angst Gewalt wird. So kam es mit der Pest 1349 in Erfurt zu einer Welle von Gewalt. Fast 1.000 Juden wurden ermordet. Wie konnte es soweit kommen?

In der Sozialpsychologie gibt es ein Konzept: Sobald ich eine Gruppe forme, entsteht automatisch eine andere Gruppe. Diese Einteilung – in meine Gruppe und "die Anderen" – führt oft zu Wahrnehmungsverzerrungen, sodass ich die Unterschiede zwischen den Individuen innerhalb der eigenen Gruppe als kleiner wahrnehme, als bei der anderen Gruppe – obwohl die Unterschiede gleich sind. Ein Beispiel: Wir Fußballfans. Wenn ein Freund eine andere Meinung hat als ich, abe Fan derselben Mannschaft ist wie ich, würde ich diese Meinung eher annehmen, als bei einem Fan der gegnerischen Mannschaft, der die gleiche Meinung wie mein Freund vertritt.

Wir und die Anderen – das schafft Trennung. Im Grunde sind das einfache neurologische Prozesse, die uns ja über Jahrhunderte das Überleben garantiert haben. Unser Gehirn macht das ganz schnell: schlecht, gut, neutral. Schlecht, gut, neutral. So gehen wir durchs Leben. Wenn wir alles im Detail verarbeiten würden, würde unser Gehirn das gar nicht packen. Wir brauchen diese Struktur. Dadurch entsteht Sicherheit. Es kann aber auch dazu führen: "Wir" ist gut – "die Anderen" ist schlecht.

Wenn dann noch Stress hinzukommt, kann die Angst freien Lauf nehmen. Beispielsweise haben wir uns jetzt unter Corona in einem Dauerstresszustand befunden. Die Gefühle konnten einfach freien Lauf nehmen, ohne dass sie relativiert wurden. Hinzu kommt noch das Sicherheitsstreben: Je unsicherer ich werde, desto mehr schließe ich mich in meiner Gruppe ein, denn das vermittelt das Gefühl von Sicherheit. Dadurch kam es auch zu diesem Abstempeln: pro Impfen, contra Impfen. Wer sich impfen lassen hat oder auch wer nicht, dem wurden auf einmal viele andere Eigenschaften zugeschrieben, die gar nichts mit ihm zu tun hatten.

Welche psychologischen Mechanismen entscheiden, dass man der einen oder anderen Gruppe zugehörig ist?

Wir orientieren uns nach wie vor an Kleingruppen: Wer sind die Menschen, die man um Rat fragen würde, an die man sich wenden würde, wenn man Hilfe braucht? Da kommt man möglicherweise auf ein Dutzend, mit denen man auch aktiv im Austausch ist. Das sind evolutionär entwickelte Schutzmaßnahmen. Der "inner circle" ist eher klein. Da können auch die Sprache oder Hautfarbe eine Rolle spielen.

Und wann wird aus Angst Gewalt?

Da kann ich nur mutmaßen: Wenn Dauerstress stattfindet und es einfach keinen Moment gibt, in dem er reguliert werden kann. Wut und Angst sind zwei Seiten einer Medaille. Wenn ich in eine stressige Situation komme, kann ich entweder fliehen oder kämpfen. Bei chronischem Stress verselbstständigen sich die Reaktionen. Durch beispielsweise Dauernachrichten im Newsfeed ist der Stresspegel dauerhaft hoch. So kann sich die Reaktion verfestigen.

Man nennt die Wut auch Sekundäremotion. Das bedeutet, darunter liegt oft etwas anderes. Im Verkehr passiert das: Wenn man Menschen anspricht, die im Verkehr sehr aggressiv sind, dann kommt nicht selten heraus: Sie waren unter Stress, hatten Angst, zu spät zu kommen oder waren unter Druck. Daher kommt die Wut. Sie ist ursprünglich eine Überlebensemotion, um eine Grenze zu setzen.

Wieder das Beispiel Corona: Hätte man die Ängste ernst genommen, wäre jemand da gewesen, dann hätte sich die Angst vielleicht beruhigt. Aber wenn das nicht der Fall ist und es dann auch noch einen Schuldigen für meine Angst gibt, also die "andere" Gruppe, dann grenze ich mich ab und schütze meine eigene Gruppe.

EGOSTORY mit dem Historiker-Duo Richard Hemmer & Daniel Meßner (li.) Bildrechte: MDR/Saxonia Entertainment GmbH.

Psychoblick auf die Geschichte: MDR Streaming-Reihe "Egostory"Leni Riefenstahl, Katharina die Große oder Karl May: Was bewegte sie zu ihrem Handeln? Die neue MDR-Geschichtsreihe "Egostory" für die ARD-Mediathek erzählt aus psychologischer Perspektive die Motivation historischer Persönlichkeiten. Präsentiert wird das Format vom Historiker-Duo Richard Hemmer und Daniel Meßner.

Was kann man der Angst und Wut entgegensetzen?

Das klingt vielleicht eigenartig, aber der Königsweg ist Mitgefühl. Das heißt nämlich, ich bin bereit zu hören, was der andere zu sagen hat. Mit offenem Geist. Ich bin bereit zu spüren, dass er auch leidet. Aus diesem Mitgefühl heraus kann Bewegung entstehen. Erst durch dieses Mitgefühl spüre ich: Ach, der ist nicht nur ein aggressiver Idiot, der alle anderen bedrohen will, sondern ihm wurde gedroht, dass er seinen Job verliert – zum Beispiel. Man fängt also an, den Menschen dahinter zu sehen.

Schwieriger wird es bei einer Gruppe: Die Coronaleugner, die Ärzte, die Medien, die Politiker – das ist scheinbar immer so eine homogene Gruppe. Doch sobald man die Möglichkeit hat, das Individuum zu sehen, mit all seinem Leid und Stress, kann man dem Anderen adäquat begegnen. Es gibt also nicht nur Impfen und Nicht-Impfen, sondern: Wir wollen eigentlich alle in Sicherheit leben, geschützt sein. In dem Kontext eben offen bleiben, sich selbst und anderen mit Mitgefühl begegnen, möglichst ohne vorfertigen Schubladen, das ist die beste Lösung.

Bildrechte: Csilla Jeszenszky

Über die PersonDr. Csilla Jeszenszky ist Psychologin und Psychotherapeutin in Dresden. Im Rahmen der MDR-Online-Serie "Egostory" hat sie die Autoren fachlich beraten.

Die 5-teilige Dokureihe "Egostory" ist in der ARD-Mediathek abrufbar.

Dieses Thema im Programm:MDR FERNSEHEN | MDR Zeitreise | 18. Dezember 2022 | 22:00 Uhr