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Schreiben mit Maschinen: Ein Waffenhersteller revolutioniert die Büroarbeit

Stand: 05. Oktober 2021, 14:33 Uhr

Schreiben - atemberaubend schnell. Am 23. Juni 1868 wurde in den USA die erste moderne Schreibmaschine patentiert. Ab 1876 produzierte sie der Waffenhersteller "Remington" in Serie. Startschuss für das Zeitalter moderner Büroarbeit.

Generationen von Erfindern hatten sich an der Konstruktion einer Druckmaschine für die Schreibstube versucht. Einheitliches, sauberes Schriftbild, mehrere Abzüge in einem Arbeitsgang. 1714 ließ der englische Erfinder Henry Mill eine erste Schreibmaschine patentieren. Im 19. Jahrhundert baute auch der Italiener Pellegrino Turri eine, ebenso wie Karl Freiherr von Drais, der als Erfinder des Laufrades Furore machte. 1864 präsentierte der Südtiroler Zimmermann Peter Mitterhofer eine exotische Schreibmaschine aus Holz. Als am Brauchbarsten erwies sich jedoch die Schreibmaschine von Carlos Glidden und Christopher Latham Sholes. Sie erhielt am 23. Juni 1868 das US-Patent 79265.

Büchsen, Flinten, Revolver und - Schreibmaschinen

Der US-Waffenhersteller "Remington & Son" erkannte sehr schnell, welch ungeheures Potenzial in der Erfindung der Schreibmaschine steckt. Er ließ das Gerät ab 1876 in Serie produzieren. Bald auch mit der noch heute in vielen Ländern gebräuchlichen QWERTZ-Tastatur. Nicht einmal zehn Jahre später war der "Typewriter" in den USA so verbreitet wie heute Computer. Die Begeisterung für die Schreibmaschine erreichte bald auch Europa. Diesseits und jenseits des Atlantiks entstanden regelrechte "Schreibfabriken".

Schreiben statt schießen: Schreibmaschine vom US-Waffenhersteller "Remington". Bildrechte: IMAGO

20 Tische, 20 Maschinen, 40 Frauenhände

Während in den Schreibstuben der vorindustriellen Zeit zwar konzentriert, aber leise gearbeitet wurde, herrschte in den modernen Schreibstuben nun ein Höllenlärm. An 20 Tischen hämmerten 20 Frauen mit zehn Fingern auf die Tasten ihrer Schreibmaschinen. Acht Stunden und länger, sagt Andreas Schröder. Der Reformpädagoge aus Halle/Saale sammelt seit 33 Jahren Schreibmaschinen und ist Kenner der Materie. Die Arbeit an der Schreibmaschine sei Schwerstarbeit gewesen. "Die Finger, Hände und der Rücken taten den Frauen weh", so Schröder. Doch die Schreibmaschinen wurden ständig verbessert und so sei Stück für die Stück auch die Arbeit leichter geworden.

Klein, leicht, praktisch: Die "Erika" aus Dresden

Selbst ein Baby könne jetzt tippen, behauptete ein Werbespot Anfang der 1920er-Jahre. Der Dresdner Firma "Seidel & Naumann", die auch Nähmaschinen und Fahrräder produzierte, war 1910 ein Coup gelungen: Sie hatte eine Schreibmaschine erfunden, die klein und leicht war. Die "Erika Nr. 1". In einem Koffer konnte man sie überall mit hinnehmen. Die Vorstufe des Notebooks gewissermaßen, wie Schreibmaschinenexperte Andreas Schröder nicht ganz unzutreffend meint. Der Name der Reiseschreibmaschine erinnert übrigens an die Enkelin des Firmengründers. Allerdings nur in Deutschland. Die für den Export hergestellten "Erikas" hießen "Bijou".

Die meistproduzierte Schreibmaschine der DDR

Ganz große Karriere machte die "Erika" in der DDR. Sie wurde zur meistproduzierten Schreibmaschine der Republik. Und ja, dem Zeitgeist huldigend, wurde sie in den 1970ern natürlich auch in orange hergestellt. "Hinweg mit Tint' und Feder, mit Erika schreibt jeder!", warb die DEWAG -  die Deutsche Werbe- und Anzeigegesellschaft, parteigesteuerter Monopolist für die Reklame in der DDR. Tatsächlich hämmerte der Volkspolizist seine Unfallprotokolle vor Ort ebenso in die "Erika" wie der Student seine Hausarbeit und viele Schriftsteller ihre Romane und Erzählungen. Ganz billig war das Vergnügen allerdings nicht. 435 Mark waren für die kleine Schreibmaschine fällig. Für viele Menschen in der DDR ein halber Monatsverdienst. Die "Erika" blieb übrigens auch ein Exportschlager, als sie aus sozialistischer Produktion kam. Sie ging in aller Herren Länder. Dort kannte man sie meistens als "Privileg". Als die Produktion der "Erika" 1991 eingestellt wurde, hatte sie die Welt erobert. Von 1910 bis 1991 waren mehr als 8 Millionen Exemplare vom Band gelaufen.

Kollege Computer übernimmt

Obwohl die Schreibmaschinen über die Jahre technisch immer weiter perfektioniert worden waren – bis hin zu einer elektronisch gesteuerten Speicherschreibmaschine mit Tintenstrahlschreibwerk von "Olympia", begann ihr Stern Ende der 1980er-Jahre zu sinken. Die Computer hatten übernommen – und mit ihnen die Drucker. Doch ebenso wie die Langspielplatte hat auch die Schreibmaschine ihre Liebhaber. Neuerdings entdecken sogar Menschen, die gewissermaßen am Smartphone und Pad schreiben gelernt haben, das wohltuende Gefühl, ihre Gedanken mit Schwung geräuschvoll aufs Papier zu bringen.

 (voq/baz/typewriters.ch)


Über dieses Thema berichtete MDR Zeitreise auch im:TV | 02.05.2017 | 21:15 Uhr