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Leipzig: Wiederentdeckte Bilder der jüdischen Fotografen Abram Mittelmann (links) sind nun einer Ausstellung zu sehen. Bildrechte: Abram Mittelmann

Wiederentdeckes ArchivFotoschatz zeigt jüdisches Leben in Leipzig vor 100 Jahren

29. Juni 2023, 11:10 Uhr

Auf einem Dachboden in Leipzig wurde ein Fotoschatz entdeckt, der einen spannenden Einblick in das jüdische Leben bis 1938 bietet. Die Bilder stammen vom jüdischen Fotografen Abram Mittelmann, der in Leipzig ein Fotoatelier betrieb und in der Nazizeit ums Leben kam. Bei einer Ausstellung im Ägyptischen Museum in Leipzig kann nun eine Auswahl dieses wertvollen dokumentarischen Schatzes besichtigt werden.

von Thyra Veyder-Malberg, MDR KULTUR

Im Foyer des Kroch-Hochhauses in Leipzig ist an diesem Dienstagnachmittag einiges los: Rund 60 Menschen sind gekommen, um die kleine Werkschau zum Archiv des Leipziger Fotografen Abram Mittelmann zu sehen, die heute hier eröffnet wird.

Vor der Emigration aus Leipzig: Die Familien Mittelmann und Samter. Stehend im Hintergrund: Nadja und Abram Mittelmann, davor Alma und Selma (Mitte), um 1934. Bildrechte: Abram Mittelmann

Leipziger Fotograf von den Nazi ermordet

Mittelmann betrieb in den 1920er- und 30er-Jahren in Leipzig ein Fotoatelier, bevor er vor den Nationalsozialisten fliehen musste und schließlich ermordet wurde. Genau hier im Kroch-Hochhaus, das heute das Ägyptische Museum beherbergt, waren bereits im Jahr 1988 einige Bilder der Sammlung im Zuge der Ausstellung "Juden in Leipzig" zu sehen. Die Erbin des Archivs, Mittelmanns Enkelin Nadja Vergne, ist für die Werkschau extra aus Frankreich angereist.

Es freut mich sehr, dass wir diese Ausstellung machen können und dass wir alle Glasplatten zurückbekommen haben.

Nadja Vergne, Enkelin von Abram Mittelmann

Leipziger Museum zeigt Schatz vom Dachboden

"Der Schatz vom Dachboden" heißt die Schau – ein Verweis auf die Geschichte des Fotoarchivs, das im Jahr 1988 zufällig auf dem Dachboden des Hauses entdeckt wurde, in dem sich Mittelmanns Atelier befand.

Der Streit zwischen den Findern und der Erbin zog sich über Jahrzehnte hin. Erst im vergangenen Jahr wurden die über 2.000 Glasplatten mit Fotonegativen an den Verein Archiv Bürgerbewegung Leipzig übergeben. Inzwischen wurden die Bilder digitalisiert.

Leipzig: In diesem Haus im Petersteinweg 15 befand sich das Fotoatelier von Abram Mittelmann, Foto um 1930. Heute erinnert ein Stolperstein an ihn und seine Familie. Bildrechte: Sigi Mittelmann

Die Schau und die dazugehörige Broschüre beleuchten die Hintergründe des Fundes und ordnen die Bedeutung der Sammlung ein. Der Direktor des Stadtmuseums, Anselm Hartinger, hat sich sehr für den Erhalt und die Erforschung des Archives engagiert und betont dessen Bedeutung:

Das ist sicherlich der wichtigste Fund zur Leipziger jüdischen Geschichte, den wir in der letzten Zeit hatten.

Anselm Hartinger, Direktor des Stadtmuseums Leipzig

Jüdische Familien erhalten Blick in eigene Geschichte

Nun gilt es die Sammlung wissenschaftlich aufzuarbeiten, wofür derzeit Mittel eingeworben werden. Ein wichtiger, besonders schwieriger Bestandteil der Aufarbeitung ist, die Menschen auf den Portraits zu identifizieren. Oft gelingt das nur zufällig, erzählt Achim Beier vom Archiv Bürgerbewegung.

Zu sehen in der Leipziger Ausstellung: Sigi Mittelmann um 1924 als Kind. Bildrechte: Abram Mittelmann

Etwa im Fall des Geschäftsmannes Wilhelm Löb: Mit der Familie von dessen Bruder habe Beier schon vor Jahren im Zuge einer Recherche zum Stolperstein-Projekt Dokumente und Familienfotos ausgetauscht. "Und da war auch ein Bild von Onkel Wilhelm dabei, wie er vor seinem Geschäft steht", sagt Beier, "und das war relativ eindeutig, dass er identisch ist mit dem Herrn Löb, der im Mittelmann-Archiv zu finden ist."

Die Nachkommen der Abgebildeten werden bei der Aufarbeitung eine zentrale Rolle spielen müssen, so Beier weiter. Die wenigen Fälle, in denen die Identifikation bereits gelungen ist, werden ebenfalls in der Ausstellung präsentiert – und gehören zum berührenden Teil der Schau.

Enkelin erkennt auf Fotos aus dem NS Verwandte

Auch Nadja Vergne hat bei der Identifikation zahlreicher Menschen auf den Fotos helfen können – schließlich ist sie mit einigen davon verwandt. "Ich habe viele neue Familienfotos gefunden. Das ist wirklich wunderbar für mich. Jetzt werde ich mein persönliches Familienfotoalbum machen." sagt sie.

Ausstellungseröffnung in Leipzig: Küf Kaufmann, Vorsitzender der jüdischen Gemeinde in Leipzig; Mittelmann-Enkelin Nadja Vergne; Anselm Hartinger, Direktor des Stadtmuseums Leipzig; Achim Beier; Johanna Sänger vom Stadtgeschichtlichen Museum (vlnr.) Bildrechte: Thyra Veyder-Malberg

Was mit ihren Glasnegativen am Ende geschehen soll, hat Vergne noch nicht entschieden. Wichtig ist der Shoa-Überlebenden der zweiten Generation, das Archiv öffentlich zugänglich zu machen, um anderen jüdischen Familien die Möglichkeit zu geben, die Gesichter ihrer Vorfahren, die von den Nazis vertrieben oder ermordet wurden, zu sehen.

"Wenn man zwei Drittel von seiner Familie verloren hat, ist das sehr wichtig," sagt Vergne, "denn das gehört zu meiner Geschichte. Das ist wie ein Puzzle – und jetzt haben ich ein großes Teil von meinem Puzzle wieder." freut sie sich. Sie hofft, dass noch viele Menschen in Leipzig Teile ihrer Puzzles finden.

Redaktionelle Bearbeitung: op

Die Ausstellung"Der Schatz vom Dachboden"
Das Archiv des jüdischen Fotografen Abram Mittelmann.

28. Juni bis 27. August 2023

Ägyptisches Museum "Georg Steindorff" der Universität Leipzig
Goethestraße 2, 04109 Leipzig

Öffnungszeiten:
Mittwoch bis Freitag, 13 bis 17 Uhr
Samstag und Sonntag, 10 bis 17 Uhr

Eintritt: 5 Euro, ermäßigt 3 Euro

Führungen:
29. Juni, 16 Uhr (mit der Enkelin Nadia Vergne)
27. Juli, 16 Uhr
24. August, 16 Uhr

Dieses Thema im Programm:MDR KULTUR - Das Radio | 28. Juni 2023 | 17:10 Uhr