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Nach Kohle-AusElbe-Wasser soll Spree auffüllen

17. Mai 2024, 15:27 Uhr

Die Spree braucht nach dem Kohleausstieg Wasser. Eine Idee von Experten: Durch ein riesiges Rohr könnte Wasser der Elbe unter dem Elbsandsteingebirge in Richtung Spree gepumpt werden.

"Wassermangel nach dem Kohleausstieg – Es fließt nicht mehr". Dieser MDR-Text aus dem März ist bei den Leserinnen und Lesern auf großes Interesse gestoßen. Er wurde nicht nur viele hunderttausendmal gelesen, sondern auch rege diskutiert. Der Bericht hat den aktuellen Stand der Planungen, Gründe und Überlegungen wiedergegeben, zukünftig mit Wasser aus der Elbe die Spree aufzufüllen. Letztere speist sich bis zu 75 Prozent aus abgepumptem Wasser der Braunkohletagebaue. Mit dem beschlossenen Abbaustopp wird diese Quelle allerdings nach und nach versiegen. Der Spreewald und vor allem Berlin würden unter dem zu erwartenden Wassermangel leiden.

Eine Idee von Experten ist es, zukünftig Wasser der Elbe für die Spree zu nutzen. Ein sogenannter Elbeüberleiter könnte Wasser vom großen Strom in den kleineren Fluss transportieren. MDR AKTUELL wollte nun genauer wissen, was hinter dieser Variante steckt, die wie eine große Vision klingt. Wie viel Wasser soll fließen, wo könnte die Elbe angezapft werden, wo genau eine Wassertrasse verlaufen und vor allem: Ist diese Idee wirklich realistisch? Ein ausgewiesener Experte auf diesem Gebiet ist Dr. Wilfried Uhlmann. Er leitet das private Institut für Wasser und Boden (IWB) in Dresden. Uhlmann berät sowohl die Lausitzer und Mitteldeutsche Bergbau-Verwaltungsgesellschaft (LMBV) als auch das große Energieunternehmen LEAG.

Idee einer Elbe-Spree-Verbindung schon 100 Jahre alt

Außerdem hat Wilfried Uhlmann an der Studie des Umweltbundesamtes mitgeschrieben, die im vergangenen Jahr das Problem der Wasserknappheit der Spree infolge des Braunkohleausstieges groß thematisierte.

Der Experte betont im MDR-Gespräch, dass er sich seit vielen Jahren wissenschaftlich mit der Thematik beschäftigt. "Ich weiß, dass die Gemüter hochkochen, denn das Thema wird stärker politisch als sachlich-wasserwirtschaftlich diskutiert", sagt er. Trotzdem wolle er reden, denn ihm gehe es in der Diskussion um Fakten. Und dafür holt er weit aus. Die Idee, die großen Flüsse quer durch Deutschland zu verbinden, sei schon mehr als 100 Jahre alt. Damals ging es allerdings darum, die Flüsse für den Schiffsverkehr nutzen zu können.

Vor rund 25 Jahren ist das Thema "Elbeüberleiter" im Zusammenhang mit der Braunkohlesanierung auf den Tisch gekommen. "Damals ging es um die Frage, mit welchem Wasser die LMBV ihre Braunkohleseen fluten lassen könnte", sagt Uhlmann. Die Überleitung von Elbewasser wurde aber damals nicht weiterverfolgt, denn bis das entsprechende Überleitungsbauwerk fertiggestellt worden wäre, wären die Flutungen größtenteils abgeschlossen gewesen. Doch die Planungen von damals sind Grundlage der Überlegungen und Diskussionen von heute. In der Studie des Umweltbundesamtes sind sie angedeutet. Untersucht wurden drei Trassenführungen, siehe Grafik.

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Ein riesiges Rohr unter dem Elbsandsteingebirge

Variante eins zapft die Elbe in Grödel bei Riesa an und führt das Wasser in einer Druckrohrleitung bis zum Speicher nach Knappenrode und von dort aus weiter bis zur Spree. Auf dem Weg könnten auch die Pulsnitz und die Schwarze Elster mit Wasser versorgt werden. Bei der Variante zwei würde das Rohr bei Bad Schandau im Hafen Prossen starten und zwischen Gnaschwitz und Doberschütz oberhalb der Talsperre Bautzen in der Spree enden. In der dritten Variante sollte das Wasser ebenfalls im Hafen Prossen entnommen und dann über den Speicher Knappenrode weiter zur Spree gepumpt werden. "Damals wurden die Varianten eins und drei favorisiert – heute aufgrund der neuen Anforderungen ist es Variante zwei", sagt Experte Uhlmann.

Auch er spricht sich für diese Lösung aus. Selbst wenn das riesige Rohr quer durch das Elbsandsteingebirge verlaufen würde. "Da kommt natürlich nur ein Tunnel im Gebirge infrage", so Uhlmann. Die Wasserzuführung aus der Elbe erfolge zunächst per Rohrleitung bis auf einen Hochpunkt und münde dann in einen Tunnel. Der Tunnel hätte etwa drei Meter Durchmesser. Im Tunnel kann das Wasser mit natürlichem Gefälle bis zur Spree fließen. Er halte das Vorhaben für realistisch, allerdings würde es seiner Meinung nach ab Planungsstart mindestens 20 Jahre dauern, bis es fertiggestellt ist. Und die Kosten: "Das ist schon wegen der Zeitperspektive der Umsetzung ganz schwierig einzuschätzen, aber mehrere 100 Millionen Euro wären es sicher", sagt Uhlmann.

Doch was spricht für einen Tunnel unter dem Elbsandsteingebirge und gegen die beiden anderen Varianten? "Die Verbindung sei nur etwa 30 bis 40 Kilometer lang", so der Experte. Außerdem müsse nur knapp 100 Meter hoch gepumpt werden, den Rest läuft das Wasser in natürlichem Gefälle Richtung Spree. Und aus Sicht von Uhlmann ist es auch wichtig, dass das Wasser im oberen Bereich die Spree erreicht, damit es in die bereits vorhandenen und noch auszubauenden Speicher eingespeichert werden kann. Dem Experten ist wichtig zu betonen, dass die ins Gespräch gebrachte Elbeüberleitung nicht der Braunkohlesanierung dient, sondern der Neuordnung des Wasserhaushaltes der Spree nach dem Kohleausstieg. "Die Lösung kommt vor allem künftigen Generationen zugute. Das relativiert die hohen Investitionskosten enorm."

Hat die Elbe überhaupt genügend Wasser?

Unabhängig davon, dass noch nichts entschieden ist und die Idee erst noch genauer untersucht werden soll, steht die Frage im Raum: Hat die Elbe selbst überhaupt genügend Wasser? "Durch eine Überleitung würde ein Teil des sowieso schon knappen Wassers der Elbe abgeleitet. Dabei wird es dringend in der Flussaue gebraucht", sagte Elbe-Expertin Iris Brunar vom BUND jüngst dem MDR. Uhlmann verweist darauf, dass es Zeiten mit wenig und Zeiten mit viel Wasser in der Elbe gebe. Eine Entnahme wäre nur sinnvoll, wenn der Strom genügend Wasser führe und wenn es gleichzeitig Speicher gebe, von denen aus das entnommene Wasser nach und nach in die Spree abgelassen werden kann.

Im Durchschnitt führt die Spree an der Landesgrenze Sachsens derzeit etwa 14 Kubikmeter Wasser pro Sekunde – wovon etwa die Hälfte aus den Braunkohlentagebauen der LEAG stammt – und die Elbe bei Dresden etwa 300 Kubikmeter Wasser pro Sekunde.

Länder sehen Bund und Bergbauunternehmen in der Pflicht

Erst am Dienstag war das Thema Wasserknappheit nach dem Braunkohleausstieg auch Thema in der gemeinsamen Kabinettssitzung der Länder Sachsen und Brandenburg. Danach betonte Sachsens Umweltminister Wolfram Günther (Grüne), dass Sachsen eine besondere Verantwortung für die gesamte Lausitz bis nach Berlin trage. "Denn aus Sachsens Speichern und Flüssen kommt das Wasser für Brandenburg und Berlin", sagte er. "Das heißt, wir müssen handeln. Nichthandeln wäre ein Vielfaches teurer als jetzt entschlossen diese Generationenaufgabe anzugehen." Finanziell sieht er neben den Bergbauunternehmen auch den Bund in der Pflicht. "Die Aufgabe ist zu groß, als dass sie von uns Ländern allein bewältigt werden könnte", so Günther.

Dieses Thema im Programm:MDR AKTUELL RADIO | 27. April 2024 | 06:48 Uhr

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