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Begleitete ElternschaftEltern mit geistiger Behinderung: Wie eine Naumburgerin ihren Alltag meistert

23. Juni 2023, 11:39 Uhr

Susi Erbe ist 28 Jahre alt und lebt gemeinsam mit ihrer Tochter in einer stationär begleiteten Elternschaft in Naumburg. Dort wird sie von ihrer Betreuerin beim Einkaufen oder bei Arztbesuchen unterstützt. Für Susi ist klar: Auch mit Behinderung ist sie ein normaler Mensch.

  • Susi Erbe bekommt von ihrer Bezugsbetreuerin Unterstützung im Alltag.
  • Ihre Tochter Emily wird im Sommer eingeschult. Um ihr bei den Hausaufgaben zu helfen, übt sie fleißig Lesen und Schreiben.
  • Sie bereitet sich auf die Geburt ihres zweiten Kindes vor.

Der Tag beginnt für Susi Erbe früh: Der Wecker klingelt schon um kurz nach sechs. Dann zieht sie ihre sechsjährige Tochter Emily an und frühstückt mit ihr, bevor sie die Kleine in den Kindergarten bringt. Dort ist Emily bis 15 Uhr.

Soweit so normal. Doch diese Normalität ist für Susi Erbe durchaus etwas Besonderes. Denn die 28-Jährige ist geistig behindert und lebt mit ihrer Tochter in einer stationären Einrichtung für begleitete Elternschaft in Naumburg. Das ist eine Wohngruppe, in der sieben Familien in eigenen Wohnungen leben, sich einen Garten und einen Gemeinschaftsraum teilen. Die Familien werden da unterstützt, wo sie Hilfe brauchen – etwa bei Arztterminen, beim Einkaufen oder bei Behördenterminen.

Klare Regeln in der Einrichtung

In der stationär begleiteten Elternschaft gibt es klare Regeln. Susi Erbe kennt sie alle auswendig. Unter anderem darf ihr Partner nur am Wochenende übernachten und sie muss sich bei den Betreuerinnen oder Betreuern abmelden, bevor sie das Haus verlässt. Außerdem gibt es einen klar strukturierten Tagesverlauf, an den sich die 28-Jährige halten muss. Für sie sind die Regeln kein Problem.

Während Emily in der Kita ist, arbeitet ihre Mama normalerweise in einer Caritas-Werkstatt. Doch derzeit ist die 28-Jährige im siebten Monat schwanger und bereitet sie sich nun auf die Geburt vor.

Jeden Morgen frühstückt Susi Erbe mit den anderen Müttern und Betreuerinnen Bildrechte: MDR/ Nicole Franz

Kinder sind Wunschkinder

Susi Erbe hat sich schon immer Kinder gewünscht. Als Emily vor sechs Jahren geboren wurde, war das für sie ein großes Glück. Vom Vater ihrer Tochter lebt Susi Erbe getrennt, aber alleine ist sie nicht. Seit zwei Jahren ist sie wieder in einer Beziehung. Und dann ist da noch Anke Voit. Sie ist Erbes Bezugsbetreuerin in der stationär begleiteten Elternschaft.

Voit steht der jungen Mutter im Alltag zur Seite. Außerdem hat sie immer ein Auge auf Tochter Emily, checkt die Kleidung für den nächsten Tag oder liest die Gute-Nacht-Geschichte vor. Doch so viel sie kann, macht Susi Erbe alleine.

Tochter Emily bekommt eine Frühförderung

Tochter Emily hat eine Entwicklungsverzögerung. Lange konnte sie nicht sprechen, sondern hat sich mit Lauten ausgedrückt. Deshalb hat sie Logopädie und eine Frühförderung bekommen, bei der sie beispielsweise Bilder ausgemalt hat, um ihre feinmotorischen Fähigkeiten zu verbessern.

Zwei Mal in der Woche wird Emily gemeinsam mit den anderen Kindern der Einrichtung betreut. Dann spielen sie oder bereiten ein Abendessen zu. In der Zeit hat Susi Erbe die Möglichkeit, Wäsche zu bügeln, zu putzen oder auch mal alleine einkaufen zu gehen.

Auch die Mutter geht zur Schule

Im Sommer wird Emily eingeschult. Susi Erbe hat entschieden, dass ihre Tochter eine Förderschule besuchen wird – dieselbe, auf der sie selbst war. Mehrmals die Schule zu wechseln, wie es Erbe selbst erlebt hat, möchte sie ihrer Tochter ersparen. Außerdem befürchtet sie, dass Emily mit dem Schulstoff überfordert sein könnte. Wegen ihrer eigenen Lese-Rechtschreibschwäche benötigt Susi Erbe selbst manchmal Hilfe.

Um ihre Tochter so gut wie möglich unterstützen zu können, übt sie aber fleißig. "Von der Werkstatt gibt’s auch so eine Schule, wo man Mathe und Deutsch üben kann. Das nehme ich auch an. Da habe ich immer gesagt, ich mach’s für Emi. Damit ich halbwegs helfen kann bei den Hausaufgaben."

Emily bastelt beim "Gemeinschaftsangebot" eine Karte für ihre Mutter. Bildrechte: MDR/ Nicole Franz

Vorbereitung auf das zweite Kind

Neben den Gedanken zur Einschulung beschäftigt Susi Erbe auch die anstehende Geburt. Sie nimmt einen winzigen Strampler aus dem Schrank und packt ihn in den Koffer. Für ihren Krankenhausaufenthalt und die Geburt möchte sie möglichst gut vorbereitet sein. Mit Voit bespricht sie, was sie noch alles braucht – und besucht mit ihr die Hebamme.

Jeder Mensch, egal ob mit einer Beeinträchtigung oder nicht, hat ein Recht auf Sexualleben, hat ein Recht auf Liebe, auf Nähe, auf Wärme und da passiert es eben auch, dass man ein Kind bekommt.

Anke Voit | Betreuerin in der stationär begleiteten Elternschaft

Beim Besuch geht es diesmal darum, ob das Baby so liegt, dass auch eine natürliche Geburt möglich ist. Bei Emily musste nämlich ein Kaiserschnitt gemacht werden. Die Hebamme streicht Erbe über den Bauch und tastet ab, wo sich der Rücken und die Beine befinden.

Susi Erbe wird von ihrer Bezugsbetreuerin Anke Voit zur Hebamme begleitet. Bildrechte: MDR/ Nicole Franz

Ein kleines Lächeln macht sich auf dem Gesicht der Hebamme bemerkbar: "Dann ist hier unten das Köpfchen. Das ist schon da, wo es hingehört, das Köpfchen. Das steht fest." Wenige Wochen vor der Geburt geht Susi Erbe nun nicht mehr davon aus, dass das Baby noch genug Platz hat, um sich noch einmal zu drehen.

Unterstützung für Eltern mit geistiger Behinderung

Die begleitete Elternschaft der Lebenshilfe in Naumburg richtet sich an Elternteile mit einer geistigen Behinderung, die Unterstützung bei der Kindererziehung brauchen. Auch für die Betreuerinnen wie Anke Voit ist die Einrichtung wichtig. "Jeder Mensch, egal ob mit einer Beeinträchtigung oder nicht, hat ein Recht auf Sexualleben, hat ein Recht auf Liebe, auf Nähe, auf Wärme und da passiert es eben auch, dass man ein Kind bekommt. Ich finde sowas schön. Und ich finde auch unsere Einrichtung schön, wo solche Muttis unterstützt werden, die Hilfe brauchen."

Regelmäßig gibt es auch Gespräche mit dem Jugendamt. Dabei geht es darum, ob Emily weiterhin bei Erbe aufwachsen darf. Voit ist froh, dass diese Gespräche bisher immer positiv ausgefallen sind. "Das war noch nie Thema, dass Emily irgendwo anders hinkommt. Natürlich gab es schon mal schwierige Situationen, wo wir dachten, schafft sie es oder schafft sie es nicht. Aber dafür sind wir ja da, um Susi zu unterstützen, in ihrem Alltag."

Hilfe braucht Susi Erbe schon sehr lange. Sie hat erst bei ihren Eltern gewohnt, kam dann ins Kinderheim und von dort aus in eine intensiv betreute Wohngruppe. Anschließend zog sie in die stationäre begleitete Elternschaft ein. Sie gibt ihr Bestes, Emily und bald auch ihrem Baby eine schöne Kindheit zu schenken. So wie eine ganz normale Mutter.

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MDR (Nicole Franz, Oliver Leiste) | Erstmals veröffentlicht am 21.06.2023

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