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Gegen den VerfallWie eine Genossenschaft den Bahnhof Eisleben gerettet hat

04. Oktober 2023, 09:17 Uhr

Der Bahnhof in Lutherstadt Eisleben wurde jahrelang vernachlässigt. Bis sich eine Genossenschaft die Sanierung auf die Fahnen geschrieben hat. In diesem Jahr feiert sie ihren 10. Geburtstag.

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Die mehr als 200 Bahnhöfe in Sachsen-Anhalt führten lange ein Schattendasein. Die Deutsche Bahn investiert eher in wenige große Prestigeobjekte wie Stuttgart oder den Berliner Hauptbahnhof. Kleinere Städte wurden mit der Zeit zu Haltepunkten deklassiert, Gebäude vernachlässigt, verkauft oder abgerissen. Vielerorts blieb nur eine kurze überdachte Wartebank am Bahnsteig, der Fahrkarten-Schalter wurde durch den Ticketautomaten ersetzt. Ein Schicksal, das vor zehn Jahren auch der Station "Lutherstadt Eisleben" blühte.

Hätten sich da nicht Leute wie der bahnbegeisterte Thomas Fischer gegen eine solche trübe Perspektive gestemmt und nach Lösungen gesucht. In Weißenfels oder Sangerhausen haben die Städte die Gebäude übernommen. Das aber war in Eisleben wegen klammer Kassen nicht möglich. Also ging man auf die Suche nach einem Investor. Zunächst war der Plan, hier Büros und Einzelhandelsgeschäfte anzusiedeln, um damit einer Sanierung eine wirtschaftliche Basis zu geben.

Der Vorstand der Genossenschaft: Thomas Fischer, Kathrin Ganz, Jörg Löffler und Gudrun Mund (v.l.n.r.). (Archivbild) Bildrechte: MDR/ Sven Stephan

Eine Genossenschaft gründet sich

Andere Städte wie Haldensleben oder Thale haben ihre Bahnhöfe schon so gerettet und für unterschiedliche Nutzer hergerichtet. Doch in der Lutherstadt lockte das Konzept offenbart keinen Euro hinter dem Ofen vor. "Da saßen wir also abends zusammen beim Bier und haben über andere Möglichkeiten diskutiert. Und da kam plötzlich Idee auf, auf die Bürgerschaft in der Lutherstadt zu setzen und gemeinsam das Abenteuer Bahnhof anzugehen", erzählt Thomas Fischer. Den rechtlichen und wirtschaftlichen Rahmen dazu liefert das Genossenschaftsmodell.

Gesagt, getan: Die Eisenbahnfreunde luden eine Handvoll Gleichgesinnter ein, stellten im bereits aufgegebenen Bahnhof ihre Idee vor und stießen damals auf offene Ohren. Das war im Sommer 2013. Nur wenige Wochen später wurde die Bahnhofsgenossenschaft aus der Taufe gehoben. Für 200 Euro wurden Interessenten zu Mitgliedern und dann kam der Sanierungszug in Fahrt. Denn schließlich erwartete die Stadt zum Reformationsjubiläum 2017 jede Menge Gäste, die auch mit der Bahn anreisen würden.

Die Mission der Genossenschaft: Den Bahnhof zum Reformationsjubiläum 2017 rausputzen. (Archivbild) Bildrechte: MDR/ Sven Stephan

Zwei Millionen Euro gesammelt

Aus einer Handvoll Unterstützer wurden schließlich 278 zahlende Mitglieder, darunter auch Unternehmen und Institutionen. Ein Architekt konzipierte Umbau und neue Nutzungen. Die NASA, die in Sachsen-Anhalt für den Nahverkehr zuständig ist, unterstützte die ungewöhnlichen Pläne von Anfang an, es konnten nun auch Fördermittel eingeworben werden.

Schließlich kamen fast zwei Millionen Euro zusammen. Und zum Feierjahr 2017 konnte das sanierte Bahnhofsgebäude tatsächlich in Betrieb genommen werden. "Und das pünktlich", wie sich Thomas Fischer stolz erinnert. Abellio hat sich eingemietet, wie auch Gewerbe. Selbst ein Bistro hielt sich bis zur Coronazeit. Und jeden Dienstagabend wird in der Bahnhofshalle getanzt.

Die Bauarbeiten haben fünf Jahre gedauert und wurden vom Land mit 1,3 Millionen Euro gefördert. (Archivbild) Bildrechte: MDR/ Sven Stephan

Genossenschaftsanteile werden vererbt

Die Genossenschaft hat seit ihrer Gründung kein einziges Mitglied verloren, sagt Fischer. Oft werden Anteile in der Familie weitergegeben oder vererbt. Denn man habe noch Pläne. Schließlich bekommt der ÖPNV immer mehr Aufmerksamkeit. Dabei geht es auch um eine bessere Vernetzung der einzelnen Verkehrsträger, vor allem von Bahn und Bus. Deren Ankunfts- und Abfahrtzeiten sind in Eisleben seit Kurzem auf einer elektronischen Anzeigetafel ablesbar.

Die Information klappt schon mal, freut sich der Genossenschaftsvorsitzende, noch aber ist das Umsteigen zu umständlich. Thomas Fischer zeigt auf den Bahnhofsvorplatz, der für Busse nur umständlich zu erreichen ist. Erst müsse eine Kurve baulich erweitert werden, um die Busse auch direkt vor der Halle ankommen und abfahren zu lassen.

In der neugestalteten Bahnhofshalle gibt es ein Servicezentrum und einen Wartebereich mit Getränken. Bildrechte: MDR/Andreas Manke

Das ist in Eisleben geplant

Das Eisleber Modell wurde zwar von vielen Interessenten besucht, bleibt aber in der deutschen Bahnhofslandschaft weiter ein Exot. Mittlerweile ist der große Ausverkauf der Bahn gestoppt, es gibt vielmehr ein milliardenschweres Sanierungskonzept seitens des staatlichen Betriebes.

Auch für den Bereich Eisleben stehen große Investitionen an: Der Bahnsteig wird an die Waggonhöhen angepasst, der zweite Insel-Bahnsteig soll dann sicher über einen Tunnel erreichbar sein. Ab nächstem Jahr wird dann auch die Strecke digitalisiert, vor allen die Stellwerke sollen künftig elektronisch gesteuert werden. Derzeit kommt es leider häufig zu Streckensperrungen, weil diese wichtigen Kontrollstellen wegen Personalmangel nicht abgesichert werden können.

Und dann ist da noch die Bahnhofsuhr auf der Stadtseite. Das heißt, derzeit ist sie eben nicht da. Das ist wieder eine Genossenschaftsaufgabe. Derzeit läuft eine Spendenaktion. Am Jahresende könnte die Bahnhofsuhr dann hängen.

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MDR (Theo M. Lies, Fabienne von der Eltz) | Erstmals veröffentlicht am 03.10.2023

Dieses Thema im Programm:MDR AKTUELL | 25. September 2023 | 20:26 Uhr

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