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NatoGefecht unter den Augen der Generäle: Wie Thüringer Soldaten zusammen mit Niederländern und Norwegern Sardinien verteidigen

12. Mai 2023, 23:09 Uhr

Unter den Augen von militärischen Beobachtern und Journalisten haben Bundeswehr-Soldaten gemeinsam mit Soldaten aus anderen Nato-Staaten am Freitag auf Sardinien eine gemeinsame Gefechtsübung absolviert. Die Botschaft dieser von der Nato so bezeichneten "Show of force": Wir zeigen, dass wir gemeinsam jeden Fleck des Bündnisgebietes verteidigen. Mittendrin: Bundeswehr-Einheiten aus Thüringen.

von Dirk Reinhardt, MDR THÜRINGEN

Vier gepanzerte Radfahrzeuge des Typs Boxer rollen in schneller Fahrt einen Hügel hinauf. Oben angekommen, stoppen sie. Soldaten springen heraus. Es sind Panzergrenadiere der niederländischen Armee. Sie gehen neben den Boxer-Radpanzern in einem Graben in Stellung und beginnen zu schießen und Handgranaten zu werfen.

Doch sie bekommen Gegenfeuer und einer der Niederländer wird verwundet. Kameraden tragen ihn unter Feuer in einen der Boxer, der rollt rückwärts den Hang hinunter. Einige Minuten später stoppt ein Schützenpanzer neben dem Boxer. Ein großes rotes Kreuz auf weißem Grund prangt an seiner Seite, es sind norwegische Sanitäter, die den verwundeten niederländischen Soldaten zu einem Hubschrauberlandeplatz bringen, wo ihn ein deutscher NH90-Hubschrauber aufnimmt und ins Lazarett fliegt.

Nato will Fähigkeiten demonstrieren

Einige Hundert Meter von dem Kampfplatz entfernt sind auf einer Anhöhe einer Art Feldherrenhügel Fernsehkameras aufgebaut. Dahinter Dutzende Journalisten sowie Soldaten, die das Geschehen da unten beobachten und filmen. Sie schauen bei einer Art Vorführung der Nato zu, einer sogenannten Show of force. Dabei handelt es sich um ein reales Übungsszenario des Militärs, mit dem das Verteidigungsbündnis seine Fähigkeiten demonstrieren will - in möglichst großer Öffentlichkeit.

Und da gehört so mancher eindrucksvolle Effekt dazu - etwa, als Soldaten des Kommandos Spezialkräfte (KSK) der Bundeswehr und tschechische Fernspäher aus großen A400M-Flugzeugen der deutschen Luftwaffe abspringen und an Fallschirmen zu Boden gleiten.

Die Truppen, die hier üben, gehören zur Very High Readiness Task Force (VJTF), der sogenannten Speerspitze der Nato-Eingreiftruppe. Diese "Speerspitze" soll innerhalb von zwei bis fünf Tagen abmarschbereit sein und in möglichst kurzer Zeit an jeden Ort des westlichen Militärbündnisses verlegen können - mit all ihren Soldaten und Soldatinnen, Waffen, Panzern, Munition und sonstigen Gerätschaften. In diesem Jahr stellt die Panzergrenadierbrigade 37 "Freistaat Sachsen" der Bundeswehr den Großteil der VJTF. Und sie ist zahlreich vertreten.

Soldaten üben Verzögerungsgefecht

Unter den Augen des Brigadekommandeurs General Alexander Krone und weiterer Nato-Generäle wird unten im Gelände weiter gekämpft. Die Niederländer haben sich jetzt etwas zurückgezogen. Die Nato nennt so etwas Verzögerungsgefecht: Die Truppe an der vordersten Linie soll den Feind möglichst lange aufhalten, damit die Nato Zeit hat, weitere Kräfte für den Gegenangriff heranzuführen.

Den führen hier Norweger und Deutsche. Norwegische Panzergrenadiere rücken in ihren Schützenpanzern des Typs CV90 zur Kampflinie vor, unterstützt von eigenen Panzereinheiten. Das Gefecht ist in vollem Gange, hier auf dem Übungsplatz wird scharf geschossen. Auf der Seite des angenommenen Angreifers schlagen Granaten und andere Geschosse ein.

Schließlich greift die Bundeswehr ein: Leopard-2-Panzer des Panzerbataillons 393 aus dem thüringischen Bad Frankenhausen fahren auf den Gegner zu und feuern bei voller Fahrt. Über ihnen schweben zwei Tiger-Kampfhubschrauber und schießen mit Bordkanonen und Raketen ebenfalls auf den Feind. Weiter hinten im gegnerischen Abschnitt rummst es noch heftiger. Dort schlagen Granaten des Kalibers 155 Millimeter ein, abgefeuert von Panzerhaubitzen der Bundeswehr.

Übungsgefecht nach anderthalb Stunden vorbei

Nach etwa anderthalb Stunden ist das Gefecht vorbei, der Aggressor ist besiegt und an den Strand zurückgeworfen. Ein niederländischer Soldat hat den Journalistinnen und Journalisten und den hohen Militärs auf dem Feldherrnhügel das Geschehen vor ihnen erklärt.

Nun treten General Krone, ein italienischer Luftwaffen-General sowie der US-Admiral Stuart B. Munsch vor die Journalisten. Munsch ist Kommandeur des Joint Force Command in Neapel. Das Manöver solle die enge Zusammenarbeit der Nato-Partner demonstrieren und ihren Willen und die Fähigkeit, gemeinsam Angriffe auf das westliche Bündnis abzuwehren, sagt er. Und sie habe gezeigt, dass sie Kampftruppen in kurzer Zeit über weite Strecken verlegen könne, ergänzt VJTF-Kommandeur Krone.

Im Interview mit MDR THÜRINGEN berichtet Krone, für die Übung seien rund 1.500 Soldaten und Soldatinnen der Eingreiftruppe hier auf Sardinien, außerdem noch mehrere Hundert Soldaten des 1. deutsch-niederländischen Korps. Diesem ist die VJTF-Brigade aus Sachsen und Thüringen im Alarmfall unterstellt.

Weitere 3.500 Soldaten und Soldatinnen der VJTF - insgesamt neun Nato-Länder stellen Truppen für die Eingreiftruppe bereit - sind zeitgleich in der Lüneburger Heide in Niedersachsen und in der Altmark in Sachsen-Anhalt im Manöver.

Truppe präsentiert Gerätschaften

Nach der "Show of force" auf dem Übungsplatz Teulada auf Sardinien präsentiert die Eingreiftruppe den Journalisten noch einen Teil ihrer Truppen und Gerätschaften. Generäle und hohe Offiziere aus den USA, Großbritannien, Rumänien, Bulgarien, Kroatien und anderen Ländern schauen interessiert vorbei und lassen sich von den Soldaten und Soldatinnen deren Fahrzeuge und Gerätschaften erklären.

So hört ein britischer General sichtlich interessiert den Ausführungen einer Drohnen-Mannschaft vom Aufklärungsbataillon 13 aus Gotha zu. Ihre Aufgabe war es, vor und während des Gefechts mit ihrer Drohne Informationen über die Lage im Gelände zu liefern. Hier habe man auch gut mit einer luxemburgischen Drohnen-Einheit zusammengearbeitet, berichtet die Kommandeurin des Thüringer Aufklärungstrupps, eine junge Offizierin.

Einige Meter weiter haben norwegische Scharfschützen ihre Gewehre neben einer Panzerhaubitze 2000 der Bundeswehr aufgebaut. Niederländische und norwegische Panzergrenadiere stehen neben ihren Fahrzeugen und beantworten Fragen von Militärs und Journalisten.

Auch Hauptmann Lennart vom Panzerbataillon 393 und seine Besatzung beantworten viele Fragen - unter anderem zu ihrem Panzer Leopard 2 A7V. Der gehört zur neuesten Version des Panzers. Hauptmann Lennart ist Chef der hier auf Sardinien eingesetzen Panzerkompanie. Er sei zufrieden mit der Leistung seiner Truppen, hatte der Offizier am Vortag nach der Generalprobe für die Vorführung im MDR-Interview berichtet. Sie habe sich wacker geschlagen, bestätigte später auch Bataillonskommandeur Oberstleutnant Andy Weißenborn.

Panzer aus Thüringen schon vor drei Wochen unterwegs

Oberstleutnant Sven Heidel ist ebenfalls Chef eines Thüringer Bataillons, das hier eingesetzt ist. Seine Soldatinnen und Soldaten vom Versorgungsbataillon 131 sorgen dafür, dass hier alles funktioniert. Sie haben die Kampfpanzer aus Bad Frankenhausen schon vor drei Wochen per Tieflader nach Emden gebracht, wo sie von Spezialisten einer norddeutschen Logistikeinheit auf ein ziviles RoRo-Frachtschief verladen wurden.

Das lieferte die Panzer dann nach gut einer Woche Fahrt auf Sardinien ab. Im Camp Teulada sind während der Übungszeit rund 200 Soldaten und Soldatinnen von Heidels Bataillon damit beschäftigt, die Truppe mit Munition, Treibstoff, Lebensmitteln und sonstigem Gebrauchsgut zu versorgen und beschädigte Fahrzeuge zu reparieren. Das Gleiche machen andere Leute seines Bataillons zur selben Zeit an den beiden anderen Manöver-Schauplätzen in Deutschland, berichtet Heidel im Gespräch mit dem MDR.

Einige Hundert Meter vom Reparaturstützpunkt entfernt, parken die Panzerleute aus Bad Frankenhausen nach jedem Übungstag ihre Leopard-Panzer. Gleich daneben stehen Panzer des gleichen Typs aus Norwegen. Sie gehören zum Telemark-Bataillon, einer Eliteeinheit der norwegischen Armee. Fachsimpeln über die Panzer komme da fast automatisch in Gang, erzählen Besatzungen beider Einheiten im Gespräch mit dem MDR.

Die Norweger seien schon ein bisschen neidisch, "weil wir die modernen Panzer haben", sagt Hauptfeldwebel Josh, einer der Thüringer Panzerkommandanten. Denn die Norweger sind noch mit der Version A4 unterwegs, während die Thüringer schon das übernächste Modell, den A7V, fahren. Aber, so sagt ein norwegischer Kommandant, "in drei Jahren bekommen wir den auch". Da könne man sich ja schon mal bei den Deutschen informieren.

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MDR (jn)

Dieses Thema im Programm:MDR THÜRINGEN | MDR THÜRINGEN JOURNAL | 12. Mai 2023 | 19:00 Uhr

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