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Die Trainingsstätte in Artern ist in einem sehr schlechten Zustand. Die Verantwortlichen der Abteilung Leichtathletik sprechen sogar schon von einem Verletzungsrisiko. Bildrechte: Artener Turnverein/Annetta Riese

BreitensportLeichtathletik-Ausbildung: Zu wenig Trainer, schlechte Ausstattung, zu hohe Kosten

26. November 2023, 12:12 Uhr

Ein neues und jüngeres Präsidium leitet den Thüringer Leichtathletik-Verband und will sich stärker dem Breitensport widmen. Dort gibt es viel zu tun. Vereine bemängeln den Zustand ihrer Trainingsstätten, von denen einige in einem unzumutbaren Zustand sind. Sie fordern eine höhere Aufwandsentschädigung und höhere Steuerfreibeträge. Rentenpunkte für ehrenamtliches Engagement könnten eine Lösung sein.

von Jana Maier, MDR THÜRINGEN

"Ein Zustand wie vor 50 Jahren", so spricht Annetta Riese von der Leichtathletik-Abteilung des Arterner Turnvereins im Kyffhäuserkreis über den Zustand der Anlage. Etwa 30 Kinder und Jugendliche trainieren in diesem Verein.

Vor Ort wird noch auf einer Aschenbahn trainiert. Diese ist mit Unkraut bewachsen. Seit dem Bau im Jahr 1965 gab es keine ordentliche Sanierung, erzählt Riese. Als Beispiel nennt sie auch den veralteten Belag der Weitsprunggrube.

Seit dem Bau der Sportanlage des Arterner Turnvereins in den 1960er-Jahren gab es keine ordentliche Sanierung mehr. Bildrechte: MDR/Jana Maier

"Hier sammelt sich das Wasser, die Sprunganlage ist nur provisorisch und nicht richtig eingedämmt", sagt Riese. Dieser Zustand könne auf Eltern und Kinder auch abschreckend wirken. "Wir haben echt Angst, dass unsere Kinder sich hier verletzen." Es sei ein unzumutbarer Zustand.

Wir haben echt Angst, dass unsere Kinder sich hier verletzen.

Annetta Riese, Leichtathletik-Abteilung Arterner Turnverein

Mit dem MDR wurde 2019 letztmals alles in Artern gereinigt

2019 war der MDR mit der Sendung "Frühlingserwachen" in Artern und reinigte mit vielen Sportlern und Interessierten die Leichtathletik-Aschenbahn, die Weitsprunggrube und das komplette Gelände. Doch seitdem wurde sich laut Verein nicht mehr um das städtische Gelände gekümmert.

Vor vier Jahren wurde das Gelände von vielen helfenden Händen gesäubert. Bildrechte: Artener Turnverein/Annetta Riese

Der Stadtverwaltung Artern kennt den Zustand der Sportstätte. Doch die Sanierung stelle einen finanziellen Kraftakt dar und sei ohne Förderung nicht zu bewältigen. "Wir bemühen uns mit den uns zur Verfügung stehenden, beschränkten Mitteln um einen Erhalt aller Sportstätten und um die Finanzierung der Betriebskosten", sagt Antje Große, Abteilungsleiterin des Bauamtes in Artern. Weiterhin reichten sie Förderanträge ein. Bislang wurde die Stadt Artern aber nicht berücksichtigt.

Zustände wie in Artern sind kein Einzelfall. Vermehrt im ländlichen Raum schildern Vereine einen schlechten Zustand ihrer Trainingsstätten.

Neues Präsidium, neue Chancen?

Der bisherige Leistungssportkoordinator Willi Mathiszik ist seit der Mitgliederversammlung im September in einer Doppelfunktion beim Thüringer Leichtathletik-Verband (TLV) angestellt. Als Vize-Präsident vertritt er nun auch die Interessen des gesamten Verbandes und der Vereine. Immer wieder spricht er dabei von einer Verantwortung gegenüber dem Breitensport. Dafür habe Thüringen zwei Sichtungstrainer etabliert, die aktiv in den Vereinen unterwegs sind.

"Die sportliche Basis für den Leistungssport entspringt immer aus dem Breitensport. Daraus entspringt der Leistungssport", sagt Mathiszik und ergänzt. "Wir müssen es schaffen, die Leute in die Vereine zu kriegen. Umso mehr Leute Leichtathletik machen, umso größer ist der Pool für den Leistungssport."

Sichtungstrainer schildert Zustand in Artern

Überrascht war Sichtungstrainer Steffen Droske, als er nach Artern kam. Als erstes fiel auch ihm die Aschenbahn ins Auge. Alles sei sehr heruntergekommen. Die dortigen Trainer seien mit viel Herzblut dabei: "Es war ein super Training, die Kollegen wissen, was sie machen", so Droske. Doch immer wieder wird er bei seiner Arbeit mit den Herausforderungen der Vereine konfrontiert.

Zum Aufklappen: Was macht ein Sichtungstrainer?

Steffen Droske und Tobias Groenewold sind beide hauptamtlich als Sichtungstrainer beim Thüringer Leichtathletik Verband (TLV) angestellt. Ihre Arbeit ist aufgeteilt in Ost- und Westthüringen. Steffen Droske ist seit eineinhalb Jahren beim TLV und zuständig für Westthüringen und die nördlichen Gebiete. Regelmäßig besucht er dort ansässige Vereine. Seine Aufgabe: im Breitensport nach möglichen Spitzentalenten suchen und diese in den Leistungssport zu integrieren.

Leichtathletik in Thüringen: Viele Kinder, zu wenig Übungsleiter

Viele Vereine sähen als größtes Problem die zu geringe Zahl an Trainern. Ein Bild, das sich prinzipiell durch die ehrenamtliche Tätigkeit zieht. "Die Vereine haben extremen Zulauf an Kindern, aber es fehlt an Übungsleitern. Die Verfügbarkeit finanzieller Mittel wäre wünschenswert", so Vize-Präsident Mathiszik. Hauptsächlich in ländlichen Regionen kämpften die Vereine um ausreichend Trainerinnen und Trainer. Nur selten finden sich auch junge Trainer wie etwa im Kreis Sömmerda. "Die Übungsleiter arbeiten alle ehrenamtlich und eine Trainingsgruppe besteht aus 30 Kindern", erklärt Droske.

Das Thüringer Sportministerium sieht viele Ursachen für die mangelnde Bereitschaft, sich ehrenamtlich zu engagieren. Der demografische, aber die persönlichen Umstände und beruflichen Herausforderungen. "Es bedarf eines grundsätzlichen gesellschaftlichen Umdenkens und des Willens sowie der zeitlichen Kapazitäten, sich für die Allgemeinheit engagieren zu wollen", fasst Ministeriumssprecher Felix Knothe zusammen.

Zu hohe Kosten für Leichtathletik-Vereine

"Wir haben das Glück, auf einer gepflegten Tartanbahn trainieren zu können", sagt Marcel Näbelung, zweiter Vorsitzender des FSV Meuselwitz im Altenburger Land. In der Abteilung Leichtathletik trainieren 50 Kinder. Die städtische Schulsportanlage verfügt zudem über eine Flutlichtanlage - ein Luxus für viele Vereine. Die Leichtathletik profitiert dabei auch von der Fußballabteilung.

Allerdings spürt auch die Leichtathletikabteilung die finanziellen Belastungen. Eine Trainingshürde kostet etwa 200 Euro, und sechs Stück pro Bahn sind erforderlich. Im Training werden zwischen drei bis vier Bahnen genutzt, was zwischen 18 und 24 Hürden bedeutet. Der Verein investiert etwa 4.000 Euro in den Kauf dieser Ausrüstung. Allerdings sind diese Hürden nicht für Wettkämpfe geeignet. Der Unterschied ist auf den ersten Blick nicht erkennbar. Der Unterschied liegt im Gegengewicht. Dieses regelt, wie leicht eine Hürde umkippt. Wettkampfhürden verfügen über verstellbare innen liegende Gegengewichte gemäß den internationalen Wettkampfregeln.

Wettkämpfe stellen für den Verein dazu in der Regel ein reines Minusgeschäft dar. Eine Startgebühr von drei Euro pro Kind und pro Disziplin wird üblicherweise fällig. Die Anmeldung eines Kindes für einen Fünfkampf kostet 15 Euro. Bei der Anmeldung von mehreren Kindern können sich die Kosten schnell auf über 100 Euro summieren. Hinzu kommen die Spritkosten.

Näbelung erklärt, dass die Mitgliedsbeiträge hier nicht mehr ausreichen. Dennoch sieht er auch die positiven Seiten in Meuselwitz und betont, dass sie finanziell nicht so stark belastet sind wie andere Vereine. Ohne Sponsoren wäre die Finanzierung jedoch schwer möglich.

Vereine fordern höhere Freibeträge und Aufwandsentschädigungen, Rentenpunkte

So wird der Ruf nach höheren Freibeträgen laut. Ehrenamtliche Trainer wünschen sich eine höhere Aufwandsentschädigung. Oft reichen 30 Euro monatlich nicht aus, um die Fahrtkosten zu decken. Doch viele Vereine können sich eine volle Ausschöpfung der Übungsleiterpauschale von 250 Euro monatlich nicht leisten.

Wie das Thüringer Sportministerium dem MDR mitteilte, legt es zwar Wert auf gute Bedingungen. Doch eine Förderung könne den Mangel an Übungsleitern nicht alleine lösen. Die Suche nach Ehrenamtlern sei schwierig und im Sport genauso wie in anderen gesellschaftlichen Bereichen eine zunehmende Herausforderung. "Es bedarf eines grundsätzlichen gesellschaftlichen Umdenkens und des Willens und der zeitlichen Kapazität, sich für die Allgemeinheit engagieren zu wollen", hieß es.

Bernd Neudert, Geschäftsführer des Leistungssports beim Landessportbund, spricht von Ideen des Deutschen Olympischen Sportbundes, die auch in Thüringen zum Einsatz kommen könnten. Hier wird aktuell diskutiert, ob Rentenpunkte anerkannt werden können. "Es ist elementar, dass es Menschen gibt, die sich dem Mangel an Übungsleitern stellen", so Neudert. Er kann sich auch eine Kampagne vorstellen, um neue Übungsleiter zu gewinnen.

Auch der Thüringer Leichtathletik-Vize-Präsident Mathiszik stimmt der Idee einer Übungsleiterinitiative zu. So könnte den Vereinen geholfen werden, neue Übungsleiter zu finden. "Auch Eltern müssen dort einbezogen werden, weil es in den Vereinen eine große Verantwortung gegenüber den Kindern gibt", so Neudert. Er spricht von kommunaler und städtischer Förderung, die die Vereine beantragen sollten.

Dennoch könne es sein, dass diese Förderung nicht ausreicht und der Verein selbst Geld investieren oder private Sponsoren akquirieren muss, um eine entsprechende Aufwandsentschädigung der Ehrenamtlichen zu bezahlen. Häufig seien andere Sportarten wie Fußball für Sponsoren attraktiver, da sie regional mehr Zuschauer binden.

Das Ziel, so Mathiszik, muss am Ende sein, wieder Begeisterung für die Leichtathletik zu schaffen. Ob im Bereich Spitzensport oder im Breitensport - es geht um Bewegung und Gesundheit.

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MDR (jn)

Dieses Thema im Programm:MDR THÜRINGEN - Das Radio | Das Fazit vom Tag | 26. November 2023 | 18:00 Uhr

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