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Am Grenzübergang von Russland nach Georgien im September 2022. Die russische Teilmobilmachung bewegte vor allem Russen mit finanziellen Reserven dazu, ihr Land in Richtung der Nachbarländer zu verlassen. Bildrechte: IMAGO/ITAR-TASS

Russland-Ukraine-KriegGeorgien: Wirtschaftsboom durch russische Einwanderer

von Tina Akumowa, Moskau

Stand: 13. Februar 2023, 09:23 Uhr

Hunderttausende Menschen haben Russland wegen des Krieges gegen die Ukraine verlassen. Manche sind gegen den Krieg, andere wollen nicht in die Armee eingezogen werden. In den Zielländern wird wie in der georgischen Hauptstadt Tbilissi der Wohnraum knapp, doch die vielen russischen Immigranten bringen auch gern gesehenes Kapital mit.

In einer Zeit von Krieg und Tod von finanziellen Vorteilen zu sprechen, scheint unangebracht, sagt Otar Nadaraia. Doch Fakten seien eben Fakten, fügt der Chefökonom der TBC Group, des größten Geldinstituts Georgiens, hinzu: Rein wirtschaftlich habe Georgien davon profitiert, dass so viele Menschen seit dem Einmarsch in die Ukraine und auch nach der Ankündigung der Teilmobilmachung im September 2022 eingewandert sind. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) des Südkaukasuslandes wuchs laut Internationalem Währungsfonds um zehn Prozent.

"Ohne die durch den Krieg verursachte Migration wäre unsere Wirtschaft um bis zu 8,5 Prozent gewachsen. Das Wachstum wäre also ohnehin groß gewesen. Aber mit der Migration war das Wachstum stärker", so der TBC-Chefökonom. Das sei nicht nur für Georgien der Fall, sondern gelte fast für den ganzen postsowjetischen Raum.

Georgien hat wie Armenien, Kasachstan und andere Ex-Sowjetrepubliken 2022 einen beispiellosen Zuzug aus Russland erlebt. Besonders eindrucksvoll waren die Bilder von der russisch-georgischen Grenze vom September 2022: Auf der Flucht vor der Einberufung standen russische Bürger in ihren Autos kilometerlang Schlange, oft verharrten sie vier bis fünf Tage lang ohne Essen an der Grenze. Einige waren so verzweifelt, dass sie ihre Autos zurückließen und zu Fuß über die Grenze gingen.

Der Chefökonom der größten georgischen Bank Otar Nadaraia betont die positiven Auswirkungen des russischen Zuzugs nach Georgien. Bildrechte: privat

Etwa 150.000 russische Staatsbürger halten sich derzeit laut georgischem Innenministerium in Georgien auf. Das sind knapp vier Prozent der Gesamtbevölkerung – eine große Belastung für das kleine Land im Südkaukasus, zugleich aber auch ein Gewinn. Denn ins Ausland ziehen in der Regel diejenigen Russen, die sich das auch leisten können. Sie sind meist hoch qualifiziert, haben oft ein stabiles und hohes Einkommen oder genügend Ersparnisse, um mindestens ein halbes Jahr im Ausland leben zu können. Nicht verwunderlich also, dass sich durch ihren Zuzug die Wirtschaft Georgiens und anderer Länder stark verändert hat.

Trotz negativer Effekte überwiegen die positiven

Die Masseneinwanderung habe aber auch viele negativen Folgen, so der TBC-Chefökonom. Natürlich seien diese nicht mit der menschlichen Tragödie in der Ukraine zu vergleichen, doch seien die negativen wirtschaftlichen Auswirkungen signifikant. So werde der Südkaukasus heute von westlichen Investoren gemieden, weil sie vor dem Hintergrund des Krieges und der folgenden Massenmigration die Lage als instabil bewerten. Zudem sei die Inflation gestiegen, und zwar nicht nur in Georgien, sondern weltweit. In Georgien erreichte sie 9,8 Prozent. Darunter würden vor allem die einkommensschwächeren Bevölkerungsschichten leiden. Und auch das Kreditgeschäft sei spürbar zurückgegangen. Zudem lagen die Einnahmen aus dem Tourismus – dem wichtigsten Wirtschaftszweig des Landes – ohne die Berücksichtigung der Migration 2022 gerade einmal bei 60 Prozent des Niveaus von 2019. Die kriegsbedingte Aufwertung des US-Dollars und die Schwäche des Euros sei für Georgien ebenfalls nachteilig – das Land hänge wirtschaftlich mehr von der EU ab, weshalb ein starker Euro in seinem Interesse sei.  

Vergleicht man aber die negativen und positiven Effekte, so überwiegen für Georgien die letzteren deutlich, so Nadaraia. So sei viel mehr Geld aus Russland nach Georgien überwiesen worden, was zu einem Anstieg der georgischen Währungsreserven geführt hätte – diese erreichten Ende 2022 einen Rekordwert von 4,9 Milliarden US-Dollar, 15 Prozent mehr als im Vorjahr. Ein solcher Puffer, erklärt der TBC-Chefökonom Nadaraia, mache das Land krisenfest.

Auswirkungen russischer Immigration auf Armenien

Noch größer als in Georgien war das Wirtschaftswachstum 2022 im Nachbarland Armenien, das BIP wuchs dort um 13 Prozent. Nach Angaben des armenischen Migrationsdienstes sind zwischen Januar und Oktober 2022 786.000 Russen eingereist, mehr als 40.000 sind geblieben – 2,5-mal mehr als im Vorjahr. Besonders hat die armenische IT-Branche profitiert – der Zuwachs an Fachkräften betrug 25 Prozent. Auch der russische Geldtransfer vervielfachte sich in den ersten elf Monaten 2022 gegenüber dem Vorjahreszeitraum und erreichte mit 3,1 Mrd. Dollar einen Rekord seit 2004. Zugleich erreichte die Inflation in Armenien 2022 zehn Prozent. Wegen der hohen Nachfrage kam es zudem zu Engpässen und enormen Preisanstiegen auf dem Wohnungsmarkt.

Auswirkungen russischer Immigration auf Kasachstan

Auch das zentralasiatische Kasachstan erlebte einen starken Zuzug aus Russland. Allein nach der russischen Teilmobilmachung im September 2022 reisten 200.000 Russen ins Land ein. 147.000 hätten das Land laut kasachischem Innenministerium dann wieder verlassen. Das Wachstum war in Kasachstan weit weniger ausgeprägt als in den Südkaukasusländern Georgien und Armenien – das BIP wuchs lediglich um 2,5 Prozent. Das liegt laut Experten daran, dass die kasachische Wirtschaft weniger auf Dienstleistungen ausgerichtet sei als die georgische und armenische. Aber auch Kasachstan hätte von russischen Geldtransfers profitiert. So wurden im Oktober 2022 umgerechnet rund 88 Mio. Euro aus Russland nach Kasachstan überwiesen, was einem Anstieg von mehr als 1200% gegenüber dem Vorjahreszeitraum entspricht.

Wohlgemerkt sei die Einwanderung nicht der einzige Grund für die guten Wirtschaftsergebnisse Georgiens. Auch die hohen Einnahmen aus dem Export hätten eine Rolle gespielt, stellt der Ökonom klar. "Dabei sind nicht die Exportmengen an sich angestiegen, sondern nur die Preise für Produkte, wodurch auch die Exporteinnahmen gestiegen sind." Georgien exportiert unter anderem Wein, Mineralwasser, Tee, Zitrusfrüchte, Textilien sowie eine Reihe anderer Waren.

Besonders stark ist der georgische Immobilienmarkt gewachsen. Die Migration trieb die Preise erwartungsgemäß in die Höhe: Laut einem Bericht der TBC Capital sind im November 2022 die Mietpreise in der Hauptstadt Tiflis im Jahresvergleich um 70 Prozent gestiegen. Konnte man 2021 eine Zweiraumwohnung in Tbilissi noch für 250 US-Dollar mieten, so muss man dafür heute mindestens 400 bis 500 US-Dollar zahlen. Auch die Verkaufspreise stiegen um 15 Prozent. Die Masseneinwanderung belastet den Wohnungsmarkt und die Infrastruktur der eigentlich 1,1 Millionen Einwohner zählenden Hauptstadt stark. Unter den gestiegenen Mietpreisen leiden zudem vor allem Studenten, von denen viele zu Beginn des Studienjahrs keinen bezahlbaren Wohnraum finden können, betont der Experte.

Warnung vor Abhängigkeit von Russland

Neben dem angespannten Mietmarkt birgt das Wirtschaftsplus vor allem ein Risiko: Die georgische Filiale von Transparency International warnt davor, dass mit den gestiegenen Geldüberweisungen auch die Abhängigkeit von Russland wächst. Falls Russlands Wirtschaft irgendwann unter dem Druck der internationalen Sanktionen einknicken sollte, werde dies auch der georgischen Wirtschaft schaden, hieß es.

Jeder Winkel ist vermietet: In Tbilissi bereiten die stark gestiegenen Miet- und Immobilienpreise der lokalen Bevölkerung Schwierigkeiten. Bildrechte: MDR/Osteuropa Medienservice

Während die Regierung auf den wirtschaftlichen Vorteil der Einwanderung hinweist, teilt die georgische Opposition diese Sorge und fordert eine Verschärfung der Einreise- und Aufenthaltsregeln für Russen. Derzeit können sich russische Bürger ein Jahr lang visafrei in Georgien aufhalten. Danach müssen sie das Land verlassen. Sie können allerdings sofort die Grenze wieder in Richtung Georgien überqueren und ihren Aufenthaltsstatus damit um ein Jahr verlängern.

Der TBC-Experte argumentiert dagegen: "Nach unserer Einschätzung haben viele russische Einwanderer langfristige Ziele in Georgien. Einige teilen die Position ihrer Regierung nicht. Es gibt auch viele, zum Beispiel IT-Fachkräfte, deren Einkommen nicht von Russland abhängt." Unter den Einwanderern seien auch viele ethnische Georgier. Vor einer erneuten Massenabwanderung der Migranten sollte man laut Nadaraia auch keine große Angst haben. Denn ein solches Szenario würde bedeuten, dass sich die geopolitische Lage stabilisiert habe, was wiederum zur Wiederherstellung der Wirtschaftsbeziehungen mit der Ukraine und Russland führen würde – zwei wichtigen Handelspartnern Georgiens. Außerdem würde dann der Tourismus wiederbelebt. Auch die Inflation würde bei einer Beendigung des Krieges in der Ukraine zurückgehen. Georgien würde in diesem Fall zudem als weniger instabil wahrgenommen, was sich dann positiv auf Investitionen aus dem Ausland auswirken würde, erwartet der TBC-Chefökonom Nadaraia. Selbst wenn das migrationsbedingte Wachstum also wieder wegfiele, seien die Aussichten für Georgiens Wirtschaft positiv.

MDR (usc)

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Dieses Thema im Programm:MDR AKTUELL | 11. Februar 2023 | 07:19 Uhr