Belastung, Lebensader, Straßenstrich und Fluchtweg Leben an der E55

Sie war für die unmittelbar Betroffenen ein Fluch, für viele gleichzeitig aber auch ein Segen - die Verbindung zwischen Dresden und Prag, die Europastraße E55.

von Egbert Kamprath

Als Altenberger und gleichzeitig auch als Bildjournalist habe ich die Hoch-Zeiten, besonders im Grenzgebiet, aber auch das Ende des großen Verkehrsflusses erlebt. Noch vielen sind die langen Autoschlangen im Gedächtnis, die sich wegen der Grenzkontrollen oft über mehrere Kilometer zogen. Besonders zu Ferienbeginn gab es für die Einheimischen kaum noch ein Durchkommen. Hart getroffen waren vor allem die Anwohner der Grenzgemeinde Zinnwald.

Kilometerlanger Stau auf der Lkw-Standspur vor dem Grenzübergang Zinnwald, 1990
Auch die Staus der Lkws zogen sich oft über Kilometer. Bildrechte: Egbert Kamprath

Regelmäßig war der Ort mit Autos und Lkws verstopft. Die laufenden Motoren taten ihr Übriges. Das änderte sich erst mit dem Bau des neuen Zollamtes Altenberg und der dazugehörigen Umgehungsstraße im Dezember 2000. Ob privat oder dienstlich, ich war in den 1990er-Jahren zumindest im Sommer fast ausschließlich mit dem Motorrad unterwegs. Das sparte inmitten der Blechlawine zwischen Dresden, Dippoldiswalde und Altenberg Zeit ohne Ende. Auch an der Grenze fand sich so immer ein Weg, an der Warteschlange vorbeizukommen.

Verstopfte Straße

Von Jahr zu Jahr nahm der Verkehr zu. Die E55 war dieser Belastung kaum gewachsen. Eine normale Fahrt, die heute 20 Minuten dauert, konnte sich damals auf über eine Stunde hinziehen. Die Tour von Zinnwald nach Dresden wurde oft zur echten Geduldsprobe. 40 Kilometer ohne nennenswerte Möglichkeiten zum Überholen. Alternative Routen gab es nicht. Doch richtig extrem wurde es regelmäßig bei Wintereinbruch im Gebirge oder starken Schneefällen. Dann ging es oft nur noch im Schritttempo vorwärts oder der Verkehr kam durch rutschende und quer stehende Lkws ganz zum Erliegen. An solchen Tagen war man jedes Mal froh, überhaupt anzukommen.

Staus an der Tagesordnung

DDR-Zöllner am Grenzübergang Zinnwald, ca. erste Hälfte 1990
Der Grenzübergang Zinnwald, höchstgelegener Punkt der alten Europastraße E55, war das Nadelöhr zwischen DDR und ČSSR. Hier wurden Lkw-Transporte ebenso wie Reisende per Auto, Zweirad oder zu Fuß abgefertigt. Bildrechte: Egbert Kamprath
DDR-Zöllner am Grenzübergang Zinnwald, ca. erste Hälfte 1990
Der Grenzübergang Zinnwald, höchstgelegener Punkt der alten Europastraße E55, war das Nadelöhr zwischen DDR und ČSSR. Hier wurden Lkw-Transporte ebenso wie Reisende per Auto, Zweirad oder zu Fuß abgefertigt. Bildrechte: Egbert Kamprath
Urlauber im Stau vor dem Grenzübergang, Sommer 1990
Nicht erst im Sommer 1990 kam es regelmäßig in den Ferienzeiten zu kilometerlangen Staus, in denen Reisende aus DDR und BRD gen Ost ausharren mussten. Bildrechte: Egbert Kamprath
Rückstau vom Grenzübergang bis in die Ortslage Zinnwald, 1995
Alltag in Zinnwald: Autokolonnen vor dem Fenster. Die Fahrzeuge stehen bis zum Grenzübergang. Laufende Motoren verpesten die Luft. Der Winter verschärft die Verkehrssituation und die Belastung der Anwohner. Bildrechte: Egbert Kamprath
Kilometerlanger Stau auf der Lkw-Standspur vor dem Grenzübergang Zinnwald, 1990
Viel Geduld verlangte die E55 sehr oft auch den Lkw-Fahrern ab. Vor dem Grenzübergang Zinnwald stauten sich die Lkw manchmal mehrere Kilometer. Bildrechte: Egbert Kamprath
Sechs Kilometer Lkw-Stau zwischen Altenburg und Zinnwald, 2003
Ob die schöne Landschaft für die stunden- und kilometerlangen Staus entschädigte? Auch auf diesem erneuerten Straßenabschnitt zwischen Altenberg und Zinnwald ging es noch 2003 immer wieder nur im Schneckentempo vorwärts. Bildrechte: Egbert Kamprath
Trabis im Stau an der Tankstelle Altenberg vor Zinnwald, ca. Frühherbst 1989
Ein Stau der besonderen Art: Im Herbst 1989 bildet sich in Altenberg eine Doppelschlange mit Trabant-Autos an der letzten Tankstelle vor der Grenze. Bildrechte: Egbert Kamprath
Anwohner in Zinnwald protestieren gegen Lkw-Lawinen durch ihren Ort, 1996
Bereits in den 1990er-Jahren protestieren Anwohner der E55 wie hier 1996 in Zinnwald gegen die stetig wachsende Belastung vor allem durch den Güterverkehr. Eine Umgehungsstraße gab es erst ab dem Jahr 2000. Seit Weihnachten 2006 ist es auf der Budnestraße B170 in Zinnwald und den Orten davor bedeutend ruhiger geworden, da der Verkehr zum großen Teil über die neue Autobahn A17 fließt. Bildrechte: Egbert Kamprath
Prostituierte auf Parkplatz vor tschechischem Grenzort Dubi, 2006
Als sich nach 1989 das Verkehrsaufkommen auf der E55 sprunghaft erhöhte, entwickelte sich auf tschechischer Grenzort Europas längster Straßenstrich. Bildrechte: Egbert Kamprath
Deutscher Zöllner stellt Schmuggelware (Zigaretten) sicher, 2005
Und der deutsche Zoll bekommt alle Hände voll zu tun, denn auch der Schmuggel, allem voran mit Zigaretten, blüht. Bildrechte: Egbert Kamprath
Tschechischer Zöllner kontrolliert Pass bei der Einreise nach Deutschland, 1994
Kontrolliert wird am Grenzübergang Zinnwald auch auf tschechischer Seite weiter. Bis zur Osterweiterung 2005 verläuft hier die EU-Außengrenze. Bildrechte: Egbert Kamprath
Der alte Grenzübergang Zinnwald wird abgerissen, 2004
Mit dem Neubauprojekt A17 sind die Tage des Nadelöhrs Grenzübergang Zinnwald gezählt. Die Anlage wird 2004 abgerissen. Bildrechte: Egbert Kamprath
Eröffnung des neuen Grenzübergangs Breitenau – Krasny Les auf der neuen E55, 2006
Der Reise- und Güterverkehr nach Tschechien führt seit 21. Dezember 2006 auf der Autobahn A17 durch den Grenzübergang Breitenau - Krasny Les. Die A17 ist nun auch die E55. Bildrechte: Egbert Kamprath
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Schwere Unfälle

Die Serpentinenstraße zwischen Oberbärenburg und Altenberg hatte es als ganz spezielles Nadelöhr in sich. In regelmäßigen Abständen lagen hier Lkws in den Kurven auf der Seite. Die Altenberger kamen durch solch einen Unfall Anfang der 1990er-Jahre allerdings auch zu ihrem Weihnachtsbraten. Im Ort war ein Lkw die Böschung hinuntergestürzt. Die Ladung, tief gefrorene Gänse, wurde nicht entsorgt, sondern für die Bevölkerung freigegeben. Der halbe Ort war damals mit Schubkarren und großen Taschen unterwegs, um sich einzudecken. Schwere Unfälle gehörten immer wieder zum Bild auf dieser Straße. Der Lkw, der nach einer Schussfahrt in einer Gaststätte steckenblieb, sorgt in Possendorf noch heute für Gesprächsstoff.

Besonders die Gefällestrecke zwischen der Grenze und dem tschechischen Dubi war immer wieder Schauplatz schwerster Lkw-Unglücke. Mit zu hoher Geschwindigkeit oder wegen versagender Bremsen rasten Lastzüge den Berg hinab. Viele von ihnen waren wegen ihres technischen Zustands gerade in den 1990er-Jahren rollende Zeitbomben. Mehrfach endete so die Fahrt in Häusern, einmal im Freibad direkt neben der Straße. Immer wieder gab es Tote und Schwerverletzte.

Spektakuläre Lkw-Unfälle

Lkw-Unfall auf der steilen Serpentinenstraße zwischen Altenburg und Bärenburg in Richtung Zinnwald, 1991; gefährlichste Stelle zum Grenzübergang hoch, von Einheimischen „Bau-Kahre“ (Bau-Kehre) genannt
Diese Kurve auf der Serpentinenstraße zwischen Altenburg und Oberbärenburg nennen die Einheimischen "Bau-Kahre". Es ist die gefährlichste Stelle hinauf zum Grenzübergang Zinnwald. In regelmäßigen Abständen kippten hier Lkws um wie dieser Laster 1991. Einmal war ein Lkw mit tiefgefrorenen Gänsen beladen auf der Strecke verunglückt. Die Altenberger kamen so zu einem zusätzlichen Weihnachtsbraten. Bildrechte: Egbert Kamprath
Lkw-Unfall auf der steilen Serpentinenstraße zwischen Altenburg und Bärenburg in Richtung Zinnwald, 1991; gefährlichste Stelle zum Grenzübergang hoch, von Einheimischen „Bau-Kahre“ (Bau-Kehre) genannt
Diese Kurve auf der Serpentinenstraße zwischen Altenburg und Oberbärenburg nennen die Einheimischen "Bau-Kahre". Es ist die gefährlichste Stelle hinauf zum Grenzübergang Zinnwald. In regelmäßigen Abständen kippten hier Lkws um wie dieser Laster 1991. Einmal war ein Lkw mit tiefgefrorenen Gänsen beladen auf der Strecke verunglückt. Die Altenberger kamen so zu einem zusätzlichen Weihnachtsbraten. Bildrechte: Egbert Kamprath
Possendorf: ein Tanker der Spedition Erich Quandt fährt ungebremst in die Gaststätte „Transit“. Auf der Strecke mit starkem Gefälle haben die Bremsen versagt. Das Fahrzeug kam vorm Tresen zum Stehen. 1995
Wohl noch auf Jahre werden sich die Possendorfer an diesen Lkw-Unfall erinnern. 1995 rast ein Tanklaster der Spedition Erich Quandt ungebremst in die Gaststätte "Transit" und kommt erst unmittelbar am Tresen zum Stehen. Auf der Gefällestrecke hatten die Bremsen des Lkws versagt. Bildrechte: Egbert Kamprath
Lkw-Unfall in Altenberg, Volvo-Laster wird aus der Kurve getragen, rutscht Hang hinunter, 1993; an dieser Stelle noch mehrere schwere Unfälle
Endstation Hang: An dieser Stelle der alten E55 in Altenburg trug es nicht nur diesen Volvo-Laster 1993 aus der Kurve. Später geschahen hier noch mehrere schwere Unfälle mit Lkw. Bildrechte: Egbert Kamprath
Lkw-Unfall in Altenberg, 2003, Totalschaden auch am gerammten Haus
Totalschaden erlitt bei diesem Unfall im Jahr 2003 in Altenberg nicht nur der Brummi, sondern auch das Wohnhaus. Bildrechte: Egbert Kamprath
Konvoi mit Leitfahrzeug startet vom Grenzübergang Zinnwald ins Tal Richtung Teplice, Mitte der 1990er
Auch auf tschechischer Seite sind viele schwere Lkw-Unfälle zu beklagen, geht es doch vom Grenzübergang Zinnwald steil hinab ins Tal nach Dubi und weiter Richtung Teplice. Die tschechischen Behörden ordneten deshalb Mitte der 199er-Jahre an, dass Lkws nur noch im Konvoi und begleitet fahren durften. Oben am Grenzübergang Zinnwald wurden die Konvois zusammengestellt und ihnen ein Leitfahrzeug vorangestellt. Bildrechte: Egbert Kamprath
Tschechischer Polizei-Lada führt Lkw-Konvoi vom Grenzübergang Zinnwald hinunter Richtung Teplice an, Lkws dürfen Leitfahrzeug nicht überholen, Vermeidung von Unfällen talabwärts durch überhöhte Geschwindigkeit, Mitte der 1990er
Das Leitfahrzeug gab das Tempo vor. Es durfte nicht überholt werden. Die Einrichtung von Notspuren entschärfte die Gefahrensituation für den Lkw-Verkehr weiter. Dafür musste eine Verlängerung der Fahrzeit hingenommen werden. Bildrechte: Egbert Kamprath
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Alternative: Rollende Landstraße

Tschechischer Polizei-Lada führt Lkw-Konvoi vom Grenzübergang Zinnwald hinunter Richtung Teplice an, Lkws dürfen Leitfahrzeug nicht überholen, Vermeidung von Unfällen talabwärts durch überhöhte Geschwindigkeit, Mitte der 1990er
Mitte der 1990er-Jahre durften Lkws auf tschechischer Seite nur noch im Konvoi und mit einem Leitfahrzeug talabwärts fahren. Bildrechte: Egbert Kamprath

Angesichts der Gefahr entschieden die Tschechen, dass die Lkws künftig nur noch im Konvoi mit Führungsfahrzeug ins Tal rollen durften. Außerdem wurden an der Straße Notspuren gebaut. Das entschärfte schließlich das Problem grundlegend, verlängerte aber gleichzeitig die Fahrtzeiten ein weiteres Mal. Ein Teil der Lkws wurde direkt von der Route genommen, als unter dem Namen Rollende Landstraße eine Eisenbahnverbindung zwischen Dresden und dem tschechischen Lovosice in Betrieb ging. Die Laster umfuhren huckepack auf Bahnwaggons die Erzgebirgsregion. Doch nur wenige Spediteure nutzten die Rollende Landstraße.

Längster Straßenstrich Europas

Prostituierte auf Parkplatz vor tschechischem Grenzort Dubi, 2006
Noch 2006 arbeiten Prostituierte auf dem Parkplatz des tschechischen Grenzortes Dubi. Bildrechte: Egbert Kamprath

Der Verkehr auf der E55 sorgte in vieler Hinsicht aber auch für Belebung. In Dubi machte der längste Straßenstrich Europas von sich reden. Waren es anfangs nur zwei, drei leicht bekleidete Damen, die am Straßenrand winkten und irrtümlicherweise von manchen noch als Anhalterinnen gehalten wurden, so standen bald schon durch den ganzen Ort die Prostituierten. Hotels und Bars wuchsen wie Pilze aus dem Boden. In den Schaufenstern lockten junge Frauen potenzielle Kunden zur Einkehr. Selbst an Rastplätzen entstanden einschlägige Bretterbuden. Die Einwohner von Dubi waren zu dieser Zeit nicht zu beneiden. Sie hatten nicht nur den Straßenverkehr, sondern auch den Betrieb auf der Rotlichtmeile mit all seinen Auswüchsen direkt vor der Haustür. Dabei war wenig Bemühen zu erkennen, dass irgendeine Behörde dem Treiben zumindest etwas Einhalt gebieten würde.

Der Einbruch kam erst mit der Fertigstellung der Autobahn, als mit einem Schlag ein Großteil der früheren Kundschaft wegfiel und die bisherige E55 zur relativ bedeutungslosen Nebenverbindung wurde. Ein Haus nach dem anderen machte dicht. An mancher Fassade erinnert noch die verwitternde Reklame daran, welch heiße Zeiten der Ort durchgemacht hat.

Schmuggler, Prominente, Flüchtlinge

Für mich als Pressefotograf war die E55 ein Feld breiter Betätigung; die Themen lagen buchstäblich auf der Straße. Es gab kaum einen Tag, an dem die Geschehnisse nicht in irgendeiner Form damit verbunden waren. Und immer wieder war es die Grenze, die dabei im Fokus stand. Hier mussten sie alle durch, die Lkws vom Balkan, die Holländer mit ihren Wohnwagen oder die Ausflügler auf Shoppingtour zu einem der vielen Vietnamesenmärkte. Immer wieder war ich zwischen den Kontrollen der Ein- und Ausreise mit der Kamera im Einsatz, erlebte das ganze Spektrum derer, die auf der E55 unterwegs waren. Oft war es kurios und abenteuerlich, was hier ankam, vom Transporter mit Giraffe für einen Zoo über hoch aufgetürmte Hänger mit deutschen Gebrauchtmöbeln für eine weitere Verwendung in Tschechien bis zum Prominenten in der Luxuskarosse.

Deutscher Zöllner stellt Schmuggelware (Zigaretten) sicher, 2005
Der deutsche Zoll hatte am Grenzübergang Zinnwald alle Hände voll zu tun, um Zigaretten und andere Schmuggelware sicherzustellen. Bildrechte: Egbert Kamprath

Bei anderen Leuten wiederum klickten die Handschellen, nachdem ihr Versteck mit Schmuggelzigaretten aufgeflogen war. Immer wieder gab es Alarm für die Feuerwehr, weil Gefahrguttransporte undicht waren. Ins Gedächtnis eingeprägt haben sich aber besonders die Bilder der Flüchtlinge, die Anfang der 1990er-Jahre nach Ausbruch des Jugoslawien-Krieges über die Grenze nach Deutschland gelangen wollten. In Busse kamen sie an der Grenze an. Es gab Ereignisse mit viel Tragik, wie das Schicksal eines Flüchtlings, der sich bei Zinnwald in Schnee und Nebel verirrte. Kaum 50 Meter neben der viel befahrenen E55 erfror er im Wald.

Die Wände der Häuser wackelten

Für mich als Anwohner in Altenberg bedeutete die E55 oft der Horror. Fernsehen bei geöffneter Balkontür ging nur, wenn man keinen Wert auf den Ton legte. Die Wäscheleinen wischte man tunlichst ab, um keine schwarzen Spuren am frischen Bettlaken zu haben. Fliegengitter fungierten ganz automatisch auch als Rußfilter, den man allerdings halbjährlich wechseln musste. Ganz schlimm waren die dran, die ihre Häuser mit permanent zitternden Wänden direkt an der Straße hatten. Oft standen Fußgänger minutenlang wartend auf dem Gehweg, um im Strom der Autos eine Lücke zu finden, durch die man auf die gegenüberliegende Straßenseite gelangen konnte. Nur am Wochenende herrschte etwas Ruhe, da wegen des Sonntagsfahrverbots nur wenig Schwerverkehr unterwegs war. Doch Punkt 22 Uhr war am Sonntag damit Schluss, dann setzten sich die Kolonnen unüberhörbar wieder in Bewegung.

Aber der Handel blühte

Doch die E55 war nicht nur Belastung, sondern auch Lebensader. Viele Geschäfte und Werkstätten entlang der Strecke profitierten vom Betrieb. Die Durchreisenden deckten sich mit Benzin und Proviant ein, Holländer oder Dänen machten Zwischenstopp auf dem Altenberger Campingplatz und auch die Gaststätten an der Strecke freuten sich über Umsatz. Nebenbei gab es einen nicht zu verachtenden Werbeeffekt für das Osterzgebirge. Hier kamen Reisende aus ganz Europa vorbei. So mancher, der auf dem Weg in die Ferien durchgefahren war, kam später wieder, um sich die Gegend als Urlauber anzuschauen. Für die Ortsbestimmung ist Zinnwald mit seinem ehemaligen Grenzübergang noch heute für viele ein Begriff.

Von der E55 zur B170

Anwohner in Zinnwald protestieren gegen Lkw-Lawinen durch ihren Ort, 1996
Bereits in den 1990er- Jahren forderten Anwohner der E55 wie hier in Zinnwald eine Entlastung vom Gütertransit. Bildrechte: Egbert Kamprath

Wie sehr die E55 Lebensader, aber auch zur Belastung geworden war, zeigte sich in der Zeit nach dem Hochwasser 2002. Mit einem Schlag kam der Verkehr zum Erliegen. Auf beiden Seiten der Grenze war die Straße an vielen Stellen zerstört. Es gab kein Durchkommen, viele Orte waren nur über Waldwege erreichbar. Lebensmittel und Benzin wurden wegen gekappter Versorgung knapp.  Die Menschen kämpften mit den Hochwasserschäden, doch es herrschte eine fast unheimliche Ruhe. Das änderte sich nach einem Jahr allerdings wieder. Nachdem die größten Schäden beseitigt waren, fuhren noch mehr Autos die Straße entlang, vor allem der Schwerlastverkehr zog merklich an. Die Anwohner waren zunehmend genervt, gingen mit ihrem Protest auf die Straße. So gab es am 21. Dezember 2006 das große Aufatmen, als erstmals der Verkehr über die neue Autobahn A17 rollte. Die Bundesstraße 170 verlor damit nicht nur ihren Zusatz E55, sondern auch die bisherige Bedeutung mit allen Facetten.

Edgar Kamprath 1968 in Dresden geboren, arbeitete von 1990 bis 2005 als Bildredakteur bei der "Sächsischen Zeitung", seither freier Fotojournalist

Zuletzt aktualisiert: 04. April 2017, 19:02 Uhr

Leuchtreklame eines Nachtclubs
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Im tschechischen Grenzort Dubi boomte der Straßenstrich an der alten E55. Da halfen Polizeipräsenz oder Videoüberwachung wenig.

Fr 13.11.2015 15:55Uhr 01:39 min

http://www.mdr.de/heute-im-osten/video309608.html

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