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Medienereignis mit Dimension der MondlandungErste und letzte freie Wahlen in der DDR18. März 1990

von Kerstin Mauersberger

Stand: 18. März 2021, 15:30 Uhr

Wenige Minuten bevor die Wahllokale schließen, beginnt die längste Live-Sendung in der Geschichte des DDR-Fernsehen am 18. März 1990. Die erste freie Volkskammerwahl in der DDR  ist ein Medienereignis mit der Dimension der Mondlandung. Vor dem Palast der Republik haben 50 Fernsehstationen ihre Technik aufgebaut um live dabei zu sein, wenn das Ergebnis verkündet wird. Der Superlativ, dass weltweit noch nie so viele Ü-Wagen an einer Stelle gestanden hätten, macht die Runde.

In Geschlechterfragen völlig unbekümmert trailert das DDR Fernsehen die Wahl zur Volkskammer mit dem Song "Neue Männer braucht das Land". Klar, die alten Männer hatten das Land zu Tode regiert und der Song passte in dieser Hinsicht ganz gut. Für die Frauenquote sorgte die frisch gekürte Miss Ostberlin die am Ende den Schwamm des Vergessens einsetzt. Vielleicht ist dieser Trailer noch ein Spätwerk des sozialistischen Surrealismus.

Ziel der friedlichen Revolution: freie und geheime Wahlen

An diesem 18. März 1990 hatte die DDR Bevölkerung es in der Hand darüber zu entscheiden, wie lange es die DDR noch geben würde, wie sie endet und was danach kommt. Damit erfüllte sich eine der Hauptforderungen der friedlichen Revolution: freie und geheime Wahlen. 24 Parteien und Vereinigungen waren zur ersten freien Volkskammerwahl angetreten. Die Krise in der DDR war so groß, dass die Wahlen sogar von Mai auf März vorgezogen wurden.

Im Wahlkampf ist ziemlich schnell klar, dass die beiden großen westdeutschen Volksparteien CDU und SPD das Rennen machen werden. Der "Runde Tisch" hatte sich zwar gegen das Engagement der Westparteien ausgesprochen, daran hält sich jedoch niemand. Es wird alles in den Osten geschafft, was man für einen Wahlkampf braucht: Slogans, Drucker, Computer, Kopierer, Plakate, Parolen und jede Menge vielfach erprobte Redner. Westliches Wahlkampf-Knowhow trifft auf die Ängste der Ostdeutschen. Soll die Einheit schnell kommen oder soll man in Ruhe überlegen? Soll die DDR einfach Teil der Bundesrepublik werden oder soll ein neues Deutschland mit neuer Verfassung entstehen? 

Überraschendes Ergebnis

Die DDR Bürger als nun freie Wähler sind überwiegend verunsichert. Es gibt kein Modell für das Scheitern des Sozialismus. Viele fragen sich: Was wird aus den niedrigen Mieten, den Arbeitsplätzen und der kostenlosen medizinischen Versorgung, wenn die D-Mark kommt? Die Fragen stehen noch immer im Raum, als das überraschende und sehr eindeutige Ergebnis verkündet wird. Die CDU erhält 40 Prozent der Wählerstimmen. Mit der Wahl ist entschieden, wer diese Fragen beantworten wird. Vielfach wird an diesem Abend die Hoffnung geäußert, Bundeskanzler Helmut Kohl möge all seine Wahlkampfversprechen einhalten.

Wahlsendung 1990: Einzigartiges Zeitdokument

Die Wahlsendung des DDR-Fernsehens ist ein einzigartiges Zeitdokument. Die Kommentare zum Wahlergebnis sind aus heutiger Sicht, mit dem Wissen um die schmerzhaften Einschnitte im Leben der Ostdeutschen, die die Vereinigung mit sich brachte, mal erstaunlich hellsichtig und mal überraschend naiv. Hier ein paar Ausschnitte:

Verkündung der ersten Prognose nach der Schließung der Wahllokale

Diese Prognose ist ziemlich genau. Das Endergebnis verändert sich demgegenüber nur noch um ein bis zwei Prozent. Eintausend ehrenamtliche Helfer hat der Deutsche Fernsehfunk gewonnen, um diese Prognose liefern zu können. Und sie hat ausnahmslos alle überrascht. Mit dem hohen Stimmanteil für die CDU hatte niemand gerechnet. Nicht einmal die CDU selbst.

Ein erster Bericht  von der CDU Wahlparty

"Die Stimmung ist sehr, sehr gut und dafür gibt es eine Menge Gründe. Die Ausstattung ist pompös. Kupferberg Gold Sekt, Schultheiss Bier, Kaffee Hag, Langnese Eis und alles gratis. Die Zeichen sind hier wirklich auf Sieg gestellt."

Interview mit Stefan Heym

"Die DDR wird nichts sein, als eine Fußnote der Weltgeschichte" - so der Kommentar des Schriftstellers zum Wahlergebnis. Die Bücher des 1913 geborenen Heym waren in der DDR Bestseller. Für viele war er mit dem, was er im Herbst 1989 zu sagen hatte, eine Integrationsfigur. Heym hatte viel gesehen. Er war vor dem Nationalsozialismus in die USA geflohen, stand dort im Dienste des Militärs und siedelte aus politischen Gründen in die DDR über. Zur SED hat er immer deutliche Distanz gehalten.

Interview mit Egon Bahr

Egon Bahr hatte als "Mastermind der Ostpolitik" unter Willy Brandt nicht unerheblichen Anteil am Fall der Mauer. Zutiefst enttäuscht vom Wahlergebnis, äußert er sich zu dem aus seiner Sicht höchst unfairen Wahlkampf. Dieser hätte "faschistoide Züge" gehabt.

Vergleich der Zufriedenheit der Bürger mit der Regierung in Ost und West

Eine kleine Umfrage vom Deutschen Fernsehfunk. Mit dem Ergebnis, dass 67 Prozent die Arbeit der Übergangsregierung unter Hans Modrow mit gut oder eher gut bewerten. Helmut Kohl bekommt in der Bundesrepublik nur 45 Prozent Zustimmung von seiner Bevölkerung.

Helmut Kohl "über den grandiosen Wahlerfolg der CDU"

Der Bundeskanzler dankt dafür, dass aus den miserablen Prognosen sechs Wochen zuvor ein grandioser Erfolg wurde. Er appelliert an die Ostdeutschen, nicht mehr in den Westen zu kommen sondern ab dem nächsten Morgen in der DDR am wirtschaftlichen Aufschwung zu arbeiten. Kohl hat sich immer für eine schnelle Vereinigung ausgesprochen um die Abwanderung in den Westen zu stoppen. Das hat nicht funktioniert. Nach 1990 haben noch 3,5 Millionen Menschen den Osten verlassen.

Hans Modrow: "Wie haben Sie geschlafen?"

Der Noch-Ministerpräsident wird als erstes gefragt, wie er geschlafen hatl, und antwortet wie gewohnt sachlich-freundlich. Für ein Interview zum Wahlergebnis auch überraschend ausführlich. Aus Protest gegen die Anwesenheit westlicher Politiker, "die sich benehmen, als wären sie hier zu Hause" lehnen Hans Modrow und Gregor Gysi alle Bitten, für Interviews in den Palast der Republik zu kommen, ab und lassen sich im Rosa-Luxemburg Haus besuchen.

Dieses Thema im Programm:MDR Zeitreise | 15. März 2020 | 22:05 Uhr