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Eiserner Vorhang im Originalzustand: In Čížov befindet sich der letzte Abschnitt des Eisernen Vorhangs in Tschechien, der sich an seinem ursprünglichen Standort erhalten hat und nicht erst nachträglich rekonstruiert wurde, wie das anderswo der fall war. Bildrechte: imago images/CTK Photo

Fluchtversuche über die TschechoslowakeiVon Hunden zerfleischt: Tod am Eisernen Vorhang

von Cezary Bazydło

Stand: 23. März 2022, 16:12 Uhr

Mindestens 400 Menschen sind am Eisernen Vorhang zwischen DDR und BRD ums Leben gekommen. Was weniger bekannt ist: Manche fluchtwilligen DDR-Bürger wählten einen Umweg über die Tschechoslowakei – in der Annahme, der Eiserne Vorhang wäre dort "durchlässiger". Für einige von ihnen endete der Fluchtversuch über die ČSSR tödlich. Eines dieser Opfer war Hartmut Tautz aus Magdeburg. Der 18-Jährige wurde von Wachhunden zerfleischt.

Hartmut Tautz hat einen Traum: Musik zu studieren. Doch das wird ihm verwehrt, weil er in der Schule mit seinen regimekritischen Ansichten aneckt. Er hat außerdem Angst – weil er in wenigen Wochen den Wehrdienst in der NVA antreten muss. Er entscheidet sich, über die Tschechoslowakei – damals kurz ČSSR genannt – in den Westen zu fliehen.

Was war der Eiserne Vorhang?

Als Eiserner Vorhang wird die streng bewachte Grenze zwischen sozialistischen und demokratischen Staaten in Europa während des Kalten Krieges bezeichnet. Die Länder auf der östlichen Seite des Eisernen Vorhangs gehörten zum Einflussbereich der Sowjetunion, auch Ostblock genannt. Es handelte sich dabei um planwirtschaftlich geleitete Diktaturen. Die Länder westlich vom Eisernen Vorhang waren überwiegend marktwirtschaftliche Demokratien und orientierten sich politisch an den USA. Die innerdeutsche Grenze zwischen BRD und DDR und die Berliner Mauer waren Teil des Eisernen Vorhangs.

Wo war der Eiserne Vorhang?

Der Eiserne Vorhang zerschnitt Europa in zwei Hälften und zog sich von der Barentssee im Norden bis zum Schwarzen Meer im Süden. Die innerdeutsche Grenze und die Berliner Mauer zählten zu den bekanntesten Abschnitten des Eisernen Vorhangs. Östlich des Eisernen Vorhangs lagen beispielsweise Polen, Ungarn, Rumänien und Bulgarien, westlich davon Finland, die Bundesrepublik und Österreich.

Woher kommt der Begriff Eiserner Vorhang?

Der Begriff Eiserner Vorhang wurde bereits während des Ersten Weltkrieges benutzt, verwies damals aber auf die Trennung zwischen den kriegführenden Ländern Europas. Als Metapher für die Trennung Europas und die Abschottung des sowjetisch dominierten Ostblocks taucht er am Ende des Zweiten Weltkrieges in der NS-Presse auf (Februar 1945). Weltweit bekannt machte ihn aber der britische Politiker Winston Churchill, der ihn in einer Rede am 5. März 1946 verwendete. Er sagte damals: "Von Stettin an der Ostsee bis Triest an der Adria hat sich ein Eiserner Vorhang auf Europa herabgesenkt."

Wie lange gab es den Eisernen Vorhang?

Der Eiserne Vorhang existierte während des kalten Krieges, also vom Ende des Zweiten Weltkriegs bis zum Fall der sozialistischen Regime Osteuropas im Jahr 1989. Als erstes Land öffnete Ungarn im September 1989 seine Grenze zu Österreich, noch vor dem Fall der Berliner Mauer.

Ist der Eiserne Vorhang in der Tschechoslowakei durchlässiger?

Am Abend des 8. August 1986 nimmt Tautz seinen ganzen Mut zusammen. In der Plattenbausiedlung Petržalka, am Stadtrand von Bratislava und direkt an der österreichischen Grenze gelegen, glaubt er, ein Schlupfloch im Eisernen Vorhang gefunden zu haben: ein riesiges Maisfeld, das sich entlang der Grenze hinzieht. Zwischen den mannshohen Pflanzen werden ihn die Grenzer doch nicht so schnell entdecken, wird sich der 18-Jährige Magdeburger wohl gedacht haben.

Ein verhängnisvoller Irrtum! Denn was Tautz nicht ahnt: um solche schwierigen Grenzabschnitte zu überwachen, haben sich die tschechoslowakischen "Genossen" etwas ganz Besonderes einfallen lassen – sogenannte "selbstständig angreifende Hunde". Die äußerst aggressiven Tiere sind darauf abgerichtet, den "Grenzverletzer" zu stellen und, wenn nötig, auch zu töten. Selbst die Hundeführer haben manchmal Angst vor ihnen.

Der 18-jährige Magdeburger Hartmut Tautz ist am 8. August 1986 am Eisernen Vorhang zwischen der Tschechoslowakei und Österreich ums Leben gekommen. Er wurde von Wachhunden tödlich verletzt. Bildrechte: Ústav pamäti národa

Hartmut Tautz: Von Wachhunden zerfleischt

Der Eiserne Vorhang hat hier die Form eines Signalzauns, den Tautz um 22:16 Uhr durchtrennt. Dadurch wird Alarm ausgelöst, eine Leuchtrakete geht hoch. Zwei tschechoslowakische Grenzschützer eilen herbei und lassen ihre zwei Hunde von der Leine. Der Hundeführer leistet bei den Grenztruppen seinen Wehrdienst ab und ist nur drei Jahre älter als Hartmut, der jetzt um sein Leben rennt. Doch er hat keine Chance. 22 Meter vor der Grenze – die Lichter des österreichischen Dorfes Kittsee sind schon in Sichtweite – richten die beiden Schäferhunde Hartmut grausam zu.

Sein Schädel ist nach der Attacke skalpiert, das Gesicht verletzt, Ober- und Unterschenkel mit Bisswunden übersät. Doch statt ihm zu helfen, versuchen die Grenzer, den schwerverletzten Deutschen zu verhören und suchen die Gegend nach möglichen "Mittätern" ab. Als Hartmut schließlich ins Krankenhaus kommt, ist es zu spät. Um 1:15 Uhr erliegt er seinen Verletzungen. Der Gerichtsmediziner, der die Leiche obduziert, hält fest: Durch rechtzeitige medizinische Hilfe hätte man den jungen Mann noch retten können. Auch Jahrzehnte später wird er sich an den Fall erinnern – als einen der schlimmsten in seinem Berufsleben.

Grenzsicherung wie an der Berliner Mauer

Der Eiserne Vorhang in der ČSSR stand der Berliner Mauer in nichts nach: mit Sperrgebiet, Minenfeldern, Stacheldraht, Hochspannungs- und Signalzäunen, Wachtürmen, Scheinwerfern, Postenweg, Wachhunden und einem Schießbefehl war er fast genauso ein unüberwindbares Hindernis wie die innerdeutsche Grenze. Zwischen 1952 und 1965 stand der Grenzzaun unter Hochspannung. Danach begnügte sich das tschechoslowakische Regime mit einem Signalzaun, der nur eine niedrige Spannung führte und bei einer Unterbrechung Alarm auslöste.

Sperrgebiet am Eisernen Vorhang: Ähnlich wie an der innerdeutschen Grenze zog sich auch in der Tschechoslowakei ein mehrere Kilometer breites Sperrgebiet an der Grenze entlang. In der Großstadt Bratislava war dieser jedoch sehr schmal, so dass Hartmut Tautz relativ einfach an die Grenzzäune herankommen konnte. Bildrechte: Cezary Bazydlo

Eiserner Vorhang in der Tschechoslowakei

Ähnlich wie in der DDR gab es entlang der Grenze ein Sperrgebiet, das bis zu zwölf Kilometer ins Landesinnere hineinragen konnte und nur mit einem Passierschein betreten werden durfte. Unmittelbar an der Grenzlinie entlang gab es eine bis zu zwei Kilometer breite "verbotene Zone", in der sich niemand außer Grenzsoldaten aufhalten durfte.

Um Flüchtlingen wie Hartmut Tautz die Orientierung zu erschweren, wurden bereits in den 1950ern Wegweiser, Ortsschilder und Markierungen von Wanderpfaden in der Sperrzone entfernt. Menschen, die unmittelbar an der Grenze wohnten, mussten umziehen, ihre Häuser wurden nach und nach abgerissen, damit sie Flüchtlingen keinen Unterschlupf bieten und den Grenzern die Sicht nicht versperren. Rund 50.000 Gebäude und 126 Dörfer hörten auf diese Weise auf zu existieren. Aus dem weiteren Hinterland der Grenze wurden außerdem Bürger ausgesiedelt, die man für politisch unzuverlässig befand – vergleichbar der deutschen Aktion "Ungeziefer". Diejenigen, die bleiben durften, wurden oft als "freiwillige Helfer" der Grenztruppen eingespannt, sogar Kinder. Sie hatten die Aufgabe, verdächtige Personen zu melden, und manchmal gingen sie mit den Grenzschützern gemeinsam – im Hinterland – auf Streife.

Zweistellige Opferzahl aus der DDR

Hartmut Tautz war einer von etwa 20 Ostdeutschen, die am Eisernen Vorhang in der Tschechoslowakei starben. Diejenigen Ostdeutschen, die beim Fluchtversuch lebend gestellt wurden, wurden nahezu postwendend an die DDR ausgeliefert und dort genauso wegen "Republikflucht" abgeurteilt, als wären sie an der innerdeutschen Grenze oder Berliner Mauer gefasst worden.

Wie in der DDR wurden auch in der Tschechoslowakei Wehrdienstleistende in die Grenztruppen einberufen. Einen Schießbefehl gab es dort bereits ab Juli 1951. Bildrechte: Cezary Bazydlo

Tod bei Fluchtversuch kurz vor Mauerfall

Der letzte DDR-Flüchtling kommt am 15. Mai 1989 ums Leben, nur wenige Monate vor dem Mauerfall. An diesem Tag versucht eine Familie mit vier Kindern, in einem Wolga den Schlagbaum eines Grenzübergangs zu unterfahren. Die Eltern nehmen an, dass die Absperrung aus Plastik oder Holz dem beschleunigten Fahrzeug nachgeben wird, doch der Schlagbaum ist massiver gebaut als angenommen. Der Wolga verliert sein Dach und kommt im Straßengraben zum Stehen. Der achtjährige Kevin überlebt den Zusammenprall nicht, die Mutter und ein weiteres Kind werden schwer verletzt.

Todesfälle am Eisernen Vorhang bleiben ohne Strafe

Hartmut Tautz wäre heute in seinen Fünfzigern. Weder die Grenzsoldaten, die die Hunde auf ihn losgelassen haben, noch ihre Vorgesetzten, noch die politische Führung der Tschechoslowakei wurden für seinen Tod zur Verantwortung gezogen. Immerhin aber: Im März 2017 entschied das Bezirksgericht in Bratislava, dass seiner Familie eine Entschädigung zusteht.

Videos und Audios zum Thema Republikflucht

Dieses Thema im Programm:MDR S-ANHALT | Sachsen-Anhalt heute: Grenzopfer | 15. August 2017 | 19:00 Uhr