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Interview mit Andrea Feth"Sie fühlte sich verpflichtet!"Dr. Andrea Feth im Interview

Stand: 04. August 2013, 20:15 Uhr

Sie war eine der ersten deutschen Richterinnen. Sozial engagiert und emanzipiert startete sie ihre Laufbahn als Anwältin Ender 1920er-Jahre im Berliner Arbeiterbezirk Wedding. Nach dem Krieg machte sie im Justizapparat der DDR Karriere - und wurde auch zur Hassfigur. André Meier war für seinen Film im Gespräch mit der Juristin und Benjamin-Forscherin Andrea Feth über Hilde Benjamins widersprüchliche und doch nicht untypische deutsche Biografie. Lesen Sie hier einen Auszug.

Sozial engagiert und emanzipiert

Hilde Benjamin kam aus einer gutbürgerlichen Familie, der Vater arbeitete als Prokurist bei Solvay, dem größten deutschen Soda-Produzenten. Nach dem Abitur konnte sie Jura studieren und eröffnete als junge Anwältin eine Kanzlei im Wedding, vertrat linke Gewerkschafter und Kommunisten in Arbeitsrechtsprozessen. Was glauben Sie, welche Motivation hatte Hilde Benjamin für die Ausübung des Anwaltberufs? Eher eine politische als eine fachliche?

Beides. Also sie hat ja ihre Arbeit als Rechtsanwältin immer auch gesehen als eine soziale Tätigkeit. Sie wollte nie damit einfach nur Geld verdienen.

Welche Rolle spielte ihr Mann Georg Benjamin für ihren politischen Weg, kam sie durch ihn zur KPD?

So würde ich das nicht sagen, aber er war ein großes Vorbild für sie. Sie wäre vielleicht auch ohne ihn irgendwann bei der KPD gelandet. Er war sieben Jahre älter, er war ihr sowohl an Lebenserfahrung überlegen als auch weiter auf dem Weg, den er schon gegangen war.

Er kam ja aus einer großbürgerlichen jüdischen Familie, wurde ganz bewusst Arzt im Wedding und engagierte sich ganz bewusst politisch bei den Kommunisten. Das war für sie schon ein Weg, den sie gesehen hat und den sie für richtig hielt und den sie dann auch gegangen ist.

Was wissen Sie über das Leben von Hilde Benjamin nach der Machtübernahme der Nazis in Deutschland 1933?

Also sie hat nach ganz kurzer Zeit im Mai 1933 ihre Zulassung als Rechtsanwältin verloren, weil sie eben KPD-Mitglied war. Nach dem "Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums" gehörte sie damit zu einer Personengruppe, die sofort ihre Zulassung verloren hat. Ihr Mann war noch wesentlich stärker aktiv für die KPD, deshalb wusste sie, dass Hausdurchsuchungen anstehen und sie konnte sich auch nicht sicher sein, dass sie nicht verhaftet wird. Ihr Mann wurde ja verhaftet. Anfang  April 1933 wurde Georg Benjamin in Schutzhaft genommen, das heißt er kam ins KZ Sonnenburg bei Küstrin.

Wie konnte sie persönlich relativ "glimpflich" über die Jahre des NS-Regimes kommen?

Also zum einen war sie keine Jüdin, das ist sicherlich ein wichtiger Faktor gewesen. Zum anderen hat sie sich extrem ruhig verhalten. Sie hat zunächst für eine sowjetische Firma gearbeitet, nachher gar nicht mehr.

Sie hat sich nur noch um ihren Sohn gekümmert. Sie hat sich ganz, ganz passiv verhalten. Ich denke, der Hintergrund war, dass sie ihrem Sohn nicht auch noch die Mutter wegnehmen wollte. Denn er galt ja als Mischling ersten Grades, durfte nicht mehr zur Schule gehen. Sie unterrichtete ihn zu Hause.