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Christian Fuchs im Interview: "Von heute auf morgen kann sich alles ändern"

Stand: 20. September 2016, 13:45 Uhr

Von Ost nach West und wieder zurück. Der Journalist und Buchautor Christian Fuchs ist ein typisches Wendekind. Im Osten geboren, verschlug es ihn beruflich in den Westen. Er hat in München und Hamburg gelebt und als Reporter in Manila und Bangkok gearbeitet. 2010 ging er ganz bewusst zurück nach Leipzig, berichtet seither unter anderem für "Die Zeit" und die ARD über das Leben in den neuen Bundesländern. Im Jahr 2012 veröffentlichte er das Buch "Die Zelle – Rechter Terror in Deutschland".

Herr Fuchs, im Herbst 1989 waren Sie gerade zehn Jahre alt. Können Sie sich überhaupt noch an die Wende erinnern?

Christian Fuchs sieht sich selbst als "Wendekind". Bildrechte: Christoph Busse

Ja, allerdings eher schlaglichtartig. Meine Eltern gehörten damals nicht zu den Euphorischsten. Die wollten eher einen Wandel in der DDR statt den Anschluss an die BRD. Deshalb war das in unserer Familie auch nicht so zentral. Wir sind erst sehr spät, im Frühjahr 1990, zum ersten Mal in Westen gefahren. Ich war dann vor allem geschockt, wie wenig Obdachlose es gab. Ich hatte mir das immer viel dramatischer vorgestellt. Als ich dann irgendwann doch mal einen gesehen habe, war ich geradezu erleichtert. Daneben war ich natürlich auch begeistert, wie schön die Städte aussahen und natürlich was für tolles Spielzeug in den Geschäften stand.

Inwiefern hat Sie denn dieses Erlebnis und die Umbruchszeit danach geprägt?

Ehrlich gesagt fand ich die Zeit danach viel prägender als die Wende selbst. Wie sich die Welt, in der ich aufgewachsen war, wandelte, habe ich zuerst an Kleinigkeiten bemerkt. Zum Beispiel haben wir damals in einem Haus mit vier Familien gewohnt. Da war jede Familie immer abwechselnd dran, am Wochenende Brötchen zu holen. Das hat jahrelang reibungslos funktioniert, aber im Frühjahr 1990 löste sich diese Brötchenkette plötzlich auf. Alle hatten mehr mit sich zu tun. Das Menschliche, was den Osten ja auch ausgemacht hat, ist damals auseinander gebrochen. Stattdessen machte sich Zukunftsangst breit.

Mein Vater etwa hatte lange Zeit für das Landwirtschaftsministerium gearbeitet. 1990 wurde er noch ein halbes Jahr vom Bundeslandwirtschaftsministerium übernommen und dann entlassen. Da stellte sich natürlich die Frage, wie es jetzt weiter geht. Man musste in den 90er Jahren immer wieder von vorn anfangen und nichts war mehr sicher. Diese existenziellen Erfahrungen, die viele Ostdeutsche durchgemacht haben, die waren natürlich auch für Kinder spürbar.

Hatten diese Umbruchserfahrungen denn konkrete Auswirkungen auf Ihr weiteres Leben?

Als Jugendlicher hatte ich immer das Gefühl, dass es zum Beispiel nicht sinnvoll sein kann, sein ganzes Leben an der Karriere auszurichten. Ich hatte unter anderem bei meinen Eltern erlebt, wie oft das schief geht. Und ich hatte das Gefühl, dass nichts ewig währt, alle Autoritäten irgendwann fallen müssen. So bin ich aufgewachsen und das prägt mich bis heute. Und nicht nur mich, sondern einen großen Teil meiner Generation. Wir haben einfach gemerkt, dass jeder seines eigenen Glückes Schmied ist und dass man sich letztlich auf nichts anderes verlassen kann als auf sich selbst. Der Beruf kann sich genauso von einem auf den anderen Tag ändern wie das gesamte politische System.

Bemerken Sie denn einen Unterschied zu Gleichaltrigen in Westdeutschland?

In meinem persönlichen Umfeld habe ich zum Beispiel die Erfahrung gemacht, dass Westdeutsche immer noch sehr gern eine Festanstellung suchen, weil das Sicherheit verspricht. Ostdeutsche scheinen da weniger ängstlich zu sein und machen sich häufiger selbstständig. Daneben ist natürlich die Staatsgläubigkeit in Westdeutschland viel höher als bei uns im Osten. Und nicht nur die, auch der Glaube an alle anderen Autoritäten, seien es Ärzte oder Professoren, ist im Westen stärker ausgeprägt.

Aber sind das nicht Erfahrungen, die man in ganz Osteuropa gemacht hat?

Da haben Sie recht. Das merkt man auf jeder Reise. Ich war zum Beispiel einmal in einer polnischen Fernsehsendung eingeladen. Da wurden Erfahrungen von Polen und Deutschen verglichen. Dabei hat "TV Polonia 1" eine ehemalige polnische Schulklasse porträtiert. Von denen lebt heute keiner mehr in Polen. Die sind alle ins Ausland gegangen, nach Deutschland, nach England, nach Irland. So traurig das auch für Polen ist, merkt man doch, dass die jungen Leute dort noch hungrig sind. Die wollen noch etwas erreichen im Leben. Das ist in Ostdeutschland auch so.

Welchen Platz hat denn die Generation der Wendekinder heute in Deutschland?

Sie sollte einen sehr großen Platz haben. Denn wir haben beides erlebt: Ost und West. Und wir sollten uns mit diesen Erfahrungen einbringen. Wolfgang Engler hat die Ostdeutschen mal als Avantgarde für ganz Deutschland bezeichnet, weil sie daran gewöhnt sind, sich an Veränderungen anzupassen und Deutschland viele Veränderungen ins Haus stehen. Denken wir nur mal an den demografischen Wandel. Vor allem sollten wir uns dafür einsetzen, mal ein anderes Bild von Ostdeutschland zu zeichnen. Oft bin ich erstaunt, wie stereotyp wir immer gesehen werden. Für viele Westdeutsche gibt es hier vor allem Nazis und Arbeitslosigkeit. Bestenfalls sind wir noch die Exoten, die die "Mokka-Milch-Eisbar" und "Die Puhdys" hervorgebracht haben.

Sie haben sich sehr intensiv mit dem rechtsradikalen Terror in Ostdeutschland befasst und ein Buch zum "Nationalsozialistischen Untergrund" geschrieben. Sind Zschäpe, Böhnhardt und Mundlos nicht die Schattenseite der "Wendekinder"?

Zschäpe, Böhnhardt und Mundlos: Sie radikalisierten sich nach 1990 - in einer Zeit, in der die Polizei noch nicht einmal die Bedienungs- anleitung ihrer Wasserwerfer kannte. Bildrechte: dpa

Absolut. Die Radikalisierung des Trios fand nicht in der DDR statt, sondern nach der Wende. Die sind viel mehr geprägt von dem Chaos und der Unsicherheit nach 1990 als von den Erfahrungen zuvor. Ihre Eltern hatten nicht viel Zeit und Energie sich um die Kinder zu kümmern oder wenn sie es doch getan haben wie bei Uwe Böhnhardt, gab es keine staatlichen Stellen die sie unterstützen konnten. Es gab in den Jahren nach der Wende ja generell noch gar keine Strukturen, die hätten eingreifen können. Der Staat war ja auch im Umbruch. Bei den ausländerfeindlichen Ausschreitungen in Rostock-Lichtenhagen wusste die Polizei zum Beispiel noch nicht mal, wie sie ihre Wasserwerfer benutzt. Die haben sich anfangs selbst vollgespritzt. Das sagt doch schon alles.

BuchtippDie Zelle. Rechter Terror in Deutschland

Christian Fuchs und John Goetz
252 Seiten, Rowohlt Verlag, Berlin
2012

(Veröffentlichung vom 03.04.2013)