Nachrichten & Themen
Mediathek & TV
Audio & Radio
MDR KULTUR im RadioMDR KULTUR im FernsehenÜber unsKontaktSuche

NÄCHSTE GENERATIONNackt gegen Patriotismus: Der Weimarer Künstler Tommy Neuwirth

von Felicitas Förster, MDR KULTUR

Stand: 19. August 2021, 04:00 Uhr

Der Weimarer Künstler Tommy Neuwirth studierte Mediengestaltung und -kunst an der Bauhaus-Universität Weimar. Seit 2013 gibt er performative Konzerte unter dem Namen "Das weltweite Netzwerk für ein bedingungsloses Grundeinkommen". In seinem Video "You and me (Europa)" hisst er die Deutschlandflagge und auch sein "Wutbürger-Refrain" ist mehr als streitbar: ein Song, dessen Melodie einem Lied der umstrittenen Rockband Frei.Wild entlehnt ist. Eine Patriotismus-Kritik der etwas anderen Art.

Ein nackter Mann stolpert über ein Feld. Immer wieder fällt er hin. Aber die Deutschlandflagge, die er die ganze Zeit mit sich trägt, die er hält er hoch. Dazu ein skurriles Gemisch aus fetten Beats, Tiergeräuschen wie aus einem Baby-Keyboard, nationalistisch anmutendem Autotune-Gesäusel ("Ein Selfie, auf der Wartburg, die Hymne…") und dann auch noch dem "Final Countdown".

Wem gehört die deutsche Flagge?

Tommy Neuwirth a.k.a "Das weltweite Netzwerk für ein bedingungsloses Grundeinkommen" Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Verwirrt? Keine Sorge, das darf, ja das soll so sein, folgt man Tommy Neuwirth, dem Nackten mit der Flagge und kreativem Kopf hinter diesem Video, das "You and me (Europa)" heißt. Für Uneindeutigkeiten und Widersprüche zu sensibilisieren, das sei sein Ziel, erklärt der Medienkünstler. So geht es in "You and me (Europa)" um nationale Identität und ihre Probleme. "Ich habe mich gefragt: Was hat man davon, wenn man als nackter Mensch nur noch seine Nation hat?", erzählt der Musiker. "Wenn ich nur noch Mensch bin und nur meine Deutschlandflagge habe und meine Nationalität – was bringt mir das?'"

Ich habe mich gefragt: Was hat man davon, wenn man als nackter Mensch nur noch seine Nation hat?

Tommy Neuwirth, Musiker und Medienkünstler

Mit dem Video stellt Tommy Neuwirth nicht nur die Frage nach dem Sinn von Patriotismus, sondern auch: Wem gehört die deutsche Flagge? Denn die sei ja erstmal das Symbol für unser Land, egal was man von Nationalstolz halte, meint Tommy Neuwirth. Auch wenn man zu der Flagge ein ambivalentes Verhältnis habe, müsse man sie sich nicht von rechten Strömungen "wegnehmen" lassen. Fest steht: Manche Leute haben mit der Flagge ein Problem, auch Leute in seinem Publikum. Wenn er den Song live aufführe und dann auf der Bühne die Flagge schwenke, löse das teilweise Unverständnis aus, manchmal sogar Wut. "Das hat mich überrascht", sagt Tommy Neuwirth. "Meine Absicht ist nicht, zu provozieren." Stattdessen sei die Flagge für ihn ein banales Mittel, um künstlerisch seine Frage zu formulieren.

Gespaltene Reaktionen aus dem Publikum

Neuwirths "Insecurity"-Basecap Bildrechte: Tommy Neuwirth

Wenn Tommy Neuwirth auf leeren Bierkästen tänzelt – im Blaumann oder mit Pulli und Basecap mit der Aufschrift "Insecurity" –, wenn er dabei Lieder singt wie "Satisfaction" von den Stones (in seiner Version klingt es depressiv) oder seinen Song vom Truckerfahrer Manni ("Manni, Manni, Manni" – oder doch "Money, Money, Money"?), dann kann man darüber lachen, erschaudern, grübeln – oder stattdessen die Stirn runzeln. Denn so viel ist klar: Nicht jeder kann sich für diese Auftritte begeistern, nicht jeder fühlt sich mit so viel Unsicherheit wohl. Und so erzählt Tommy Neuwirth, dass sich sein Publikum meistens teile, fifty-fifty, zwischen Leuten, die damit gar nichts anfangen könnten und Leuten, die von seinen Songs nicht genug bekämen.

Kann eine Frei.Wild-Melodie befreit werden?

Besonders streitbar ist sein "Wutbürger-Refrain", ein Song, der sich auf ein Lied der Band Frei.Wild bezieht. Zur Erinnerung: Frei.Wild gilt manchen als rechte Band, sie wurde mehrmals mit dem Echo ausgezeichnet, was stets hoch-umstritten war. Auch Tommy Neuwirth sieht die Band kritisch. Die Lyrics, die Frei.Wild benutzt, seien sehr einfach, sie seien "sehr klar, es gibt immer einen Fingerzeig." Er wolle zeigen, dass die Welt komplexer ist. Den Frei.Wild-Song "Das Land der Vollidioten" hat er deswegen verfremdet, hat seine Melodie genommen, sie neu instrumentiert und mit neuem Text versehen: "Ich schmeiß' mein' Job, ich schmeiß' ihn nicht, aus Pflicht an sich und dies und das", singt er da, später brüllt er. Er habe sich gefragt, ob man diese Melodie "in einen Kontext bringen kann, in dem sie wieder frei ist?" Der "Wutbürger-Refrain" sei der Versuch.

Mein Sohn hat diese Melodie vor sich hingesummt. Der Ohrwurm ist also angekommen. Das sind so Momente, wo man denkt: Will ich das überhaupt?

Tommy Neuwirth

Tommy Neuwirth erhielt 2021 das Stipendium der Kulturstiftung Thüringen im Bereich Bildende Kunst. Bildrechte: Tommy Neuwirth

Auch wenn sich manche das wünschen mögen – von Tommy Neuwirth bekommt man keine Parolen, keine Message. Seine Kritik – wenn man sie überhaupt als solche bezeichnen kann – ist nie eindeutig. Er legt nicht den Finger in die Wunde, er zeichnet höchstens ihre Ränder nach. Ob das immer so gut ist? Die Melodie von Frei.Wild verbreitet er ja trotzdem und macht sie dadurch noch bekannter. Das ist ihm selbst sehr bewusst. "Mein Sohn hat diese Melodie vor sich hingesummt", berichtet er. "Der Ohrwurm ist also angekommen. Das sind so Momente, wo man denkt: Will ich das überhaupt?'"

Er selbst habe darauf keine Antwort. Und so befällt den Mann von der "Insecurity" schon mal selbst die Unsicherheit.

Über das Format "Nächste Generation"

Das dokumentarische Format "MDR KULTUR – Nächste Generation" nimmt die Arbeit junger Kulturschaffender aus Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen in den Blick. Die Werke der Künstlerinnen und Künstler wollen Debatten anregen, verschiedene Aspekte unserer Gesellschaft, wie Gleichberechtigung oder Klimakrise, kommentieren und gleichzeitig Ideen für die Zukunft entwerfen.

Mehr Gesellschaftsdebatten in der Kunst

Mehr Subkultur und Clubkultur in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen

mit Video

Zehnjähriges BandjubiläumVon Shakespeare zu Indiepop: Clubsession von Woods of Birnam in der ARD MEDIATHEK

Vor zehn Jahren fanden sich Woods of Birnam bei einer Shakespeare-Inszenierung in Dresden zusammen. Mit einer exklusiven MDR KULTUR-Clubsession hat die Band ihr Jubiläum gefeiert - jetzt verfügbar in der ARD MEDIATHEK.

mit Audio

"Rendez-Vous mit der Geschichte"Von Jeanne D'Arc bis Thälmann: Weimarer Festival hinterfragt Helden der Geschichte

Wie geht man mit in die Jahre gekommenen Helden wie Odysseus, Robin Hood oder solchen wie Ernst Thälmann um? Das Weimarer Geschichts-Festival lädt zu einer kritischen Auseinandersetzung mit dem kulturellen Erbe ein.

mit Audio

Raveland ThüringenDeutschlandweit bekannt: Technoclub "Muna" in Bad Klosterlausnitz

Techno-Clubs gibt es nicht nur in Großstädten. Die "Muna" in Bad Klosterlausnitz in Thüringen ist seit 27 Jahren eine feste Adresse für die Szene der Region. Auch der erfolgreiche House-DJ Mathias Kaden legt hier auf.

mit Audio

Music Of ColorLeipziger Initiative will mehr Diversität in der Club-Szene

Trotz ihrer Ursprünge ist die Club-Szene vor allem weiß geprägt: Weiße Menschen legen auf und auch das Publikum ist weiß. Die Leipziger Initiative Music Of Color will darauf hinweisen und mehr Freiräume schaffen.

InterviewMusikerin Alin Coen sorgt sich um die Zukunft der Clubs

Clubs sind von der Krise stark getroffen, sie waren zuerst geschlossen. Gerade wurde in Leipzig getestet, unter welchen Bedingungen geöffnet werden könnte. Alin Coen erklärt, warum Clubs für Newcomer so wichtig sind.

KulturbahnhofKulturbahnhof Leisnig – Kreativmagnet statt Abstellgleis

Vier internationale Musiker haben einen Platz für Kultur, Begegnungen, Konzerte und als Lebensort gesucht – sie fanden ihn ausgerechnet in der sächsischen Provinz. Der Kulturbahnhof Leisnig wird nun zum Ziel ihrer Reise.

1,5 Jahre PandemieWie kommt der Erfurter Club "Kalif Storch" durch die Corona-Krise?

Wo früher viele Menschen dicht an dicht gefeiert haben, dürfen jetzt maximal 40 Menschen im Außenbereich tanzen. Wie sieht der Betreiber des "Kalif Storch" die Zukunft und wie ist der Club durch die Pandemie gekommen?

mit Audio

MDR-Doku "East Side Stories"Warum der Weimarer Pianist Martin Kohlstedt Bäume pflanzt

Aufgewachsen ist er im thüringischen Eichsfeld: konservativ, "noch mit ganz viel Restsozialismus in der Erziehung". Warum der erfolgreiche Pianist immer noch in Weimar lebt, kleine Konzerte spielt – und Bäume pflanzt.

ChemnitzBlond - Die Kraftklub-Schwestern im Interview

Blond, das sind zwei Blondinen und ein blinder Multiinstrumentalist aus Chemnitz. Und obendrein die Schwestern der Kummer-Brüder von Kraftklub. Wir haben mit den Newcomern u.a. über Frauen in der Musikbranche gesprochen.

mit Audio

"Bebop Mädchen"Feministischer Podcast aus Leipzig: Was Musikerinnen bewegt

Rassismus in der klassischen Musik und zu wenig Frauen im Jazz: Darüber spricht die Musikerin Mandy Neukirchner in ihrem feministischen Podcast "Bebop Mädchen". Noch dazu gibt's praktische Tipps, z.B. gegen Lampenfieber.

Wiedergeburt in der NischeDie Rückkehr der Kassette - Leipziger Label freut sich über Aufschwung

Verdrängt durch CDs und Streaming-Angebote, ist die Kassette fast in Vergessenheit geraten. Aber es gibt einen Nischenmarkt, in dem sich der Tonträger noch immer großer Beliebtheit erfreut – und dieser Markt wächst.

mit Audio

Soli-ListeCorona: Mit dieser Spotify-Liste helfen Sie regionalen Künstlern

Durch das Corona-Virus stehen viele Musiker vor finanziellen Schwierigkeiten – auch in Mitteldeutschland fallen Konzerte aus.  In einer Playlist haben wir regionale Songs zusammengestellt: Helfen Sie durch Hören!

mit Audio

Raveland ThüringenDeutschlandweit bekannt: Technoclub "Muna" in Bad Klosterlausnitz

Techno-Clubs gibt es nicht nur in Großstädten. Die "Muna" in Bad Klosterlausnitz in Thüringen ist seit 27 Jahren eine feste Adresse für die Szene der Region. Auch der erfolgreiche House-DJ Mathias Kaden legt hier auf.

Dieses Thema im Programm:MDR KULTUR - Das Radio | ARD Radiofestival | 15. Juli 2017 | 11:30 Uhr