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Vor allem auch am Leipziger Hauptbahnhof hat die Polizei es oft mit Gewaltdelikten zu tun. Bildrechte: picture alliance/ZB/Hendrik Schmidt

KriminalitätGewalttaten an Bahnhöfen nehmen eklatant zu

30. Mai 2024, 05:00 Uhr

Große Bahnhöfe sind ein Spiegel der Gesellschaft: Orte, an denen Menschen unterschiedlicher Herkunft, Milieus und Überzeugungen aufeinandertreffen. In der Nacht suchen Menschen, die keine Wohnung haben, hier auch Schutz. Doch gerade Hauptbahnhöfe können zu gefährlichen Orten werden. Die Bundespolizei zählt immer mehr Gewalttaten an Bahnhöfen.

Versteckt hinter einer Baustelle im Westen des Leipziger Hauptbahnhofs hat die Bahnhofsmission ihr Domizil. Draußen stehen einige Männer und Frauen mit abgetragener Kleidung, am Rand steht ein Einkaufskorb randvoll mit Decken, Klamotten und Beuteln. Eine ältere Frau mit weißer Plastiktüte geht rein und bekommt eine Tasse mit Kaffee und eine Rosinenschnecke. Damit schlurft sie langsam in ein Zimmer mit Tischen und Stühlen, an denen schon mehrere Leute sitzen.

Am Hauptbahnhof verprügelt

Wie viele Wohnungs- und Obdachlose kommt auch die 40-jährige Nadine Lennert fast täglich hierher. Sie erzählt, wie sie und Freunde vor einigen Monaten am Bahnhof verprügelt wurden: "Meinen Kumpel mit einer Glasflasche ins Gesicht geschlagen, dann wollte ich ihm helfen und dann kamen die halt noch mal auf mich zu und haben auf mich eingetreten und eingeschlagen." Die 40-Jährige kann bis heute nicht verstehen, warum die Täter sie und ihre Freunde angegriffen haben. "Wir haben ihnen nichts getan. Wir wurden dann am Bahnhof verarztet, mir wurde aber geraten, nochmal zum Hausarzt zu gehen aufgrund der Verletzungen, den Gesichtsschwellungen und den ganzen blauen Flecken."

Der Freund, von dem sie spricht, lebt nicht mehr. Sein Leichnam wurde Ende April in einem Container nahe des Hauptbahnhofs gefunden, in dem auch Nadine Lennert öfter übernachtet hat. Polizei und Staatsanwaltschaft ermitteln wegen Totschlags, ein Verdächtiger wurde festgenommen.

Gewalt an Bahnhöfen nimmt zu

Die Bundespolizeidirektion Pirna hat im ersten Quartal 2024 mehr als 700 Gewaltdelikte auf dem Gebiet der Bahn in Mitteldeutschland gezählt. Im gleichen Zeitraum ein Jahr vorher waren es knapp 440. Laut Polizei liegt der Anstieg bei fast 60 Prozent. Etwa die Hälfte der Delikte in diesem Jahr seien Körperverletzungen gewesen, Schwerpunkte die Hauptbahnhöfe in Erfurt und Leipzig.

Dass die Gewalt am Bahnhof zunimmt, beobachtet auch Sophie Wischnewski, die Leiterin der Leipziger Bahnhofsmission. Über die Gründe kann sie nur mutmaßen. "Erstens gibt es generell mehr Menschen, die von Armut und psychischen Erkrankungen betroffen sind, die sich hier am Bahnhof aufhalten. Dazu kommt noch ein Abgehängt-Sein spätestens durch die Corona-Krise, wo obdachlose Menschen erst sehr spät mitgedacht wurden." Die Frustration darüber, immer nicht gesehen zu werden, das staue sich an und explodiere irgendwann.

Gewerkschaft der Polizei fordert mehr Personal

Bis vor kurzem sei fast täglich die Bundespolizei wegen Angriffen in der Bahnhofsmission gekommen. Besser sei es, seit es eine Einlasskontrolle gebe. Immer wieder tauchten aber auch Gäste mit Verletzungen auf, erzählt Wischnweski. Gleichzeitig hat sie mehr Sicherheitsmaßnahmen am Bahnhof wahrgenommen.

Das Personal reiche nicht, beklagen die Bundespolizei-Verantwortlichen der Gewerkschaft der Polizei. Auch Vorstandsmitglied Roland Voss kritisiert: "Seit Jahren steigt die Gewalt an Bahnhöfen – vor allem Gewalt-, Sexual-, Betäubungsmittel-, Eigentums-, Waffen- und Sachbeschädigungsdelikte." Besonders betroffen sei man auch wegen zunehmender Gewalt gegen Kräfte der Bundespolizei. "Wir haben seit vielen Jahren darauf hingewiesen, dass gerade an den Bahnhöfen mehr Personal eingesetzt werden muss." Es fehlten fast 4.000 zusätzliche Kolleginnen und Kollegen.

Nach dem Tod ihres Freundes, sagt Nadine Lennert, habe sie abends am Leipziger Hauptbahnhof Angst und meide diesen. Der Bahnhof ist für sie aber auch ein wichtiger Ort, um Freunde und Bekannte zu treffen oder um in der Bahnhofsmission Kaffee und ein Brötchen zu bekommen. Aktuell ist sie ist bei einer Freundin untergekommen und hofft, bald eine Wohnung zu finden.

Dieses Thema im Programm:MDR AKTUELL | Das Nachrichtenradio | 30. Mai 2024 | 06:09 Uhr