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Wirtschaftsminister Robert Habeck legt Eckpunkte für CO2-Speicherung vor. Bildrechte: picture alliance/dpa | Monika Skolimowska

KlimaschutzHabeck will Speicherung von CO2 vor Deutschlands Küsten ermöglichen

26. Februar 2024, 13:29 Uhr

Wirtschafts- und Klimaschutzminister Robert Habeck will die umstrittene CO2-Abscheidung und Speicherung vor Norddeutschlands Küsten ermöglichen. Er hat dafür Eckpunkte für eine "Carbon Management Strategie" und einen Entwurf für eine Änderung des Kohlendioxidspeicherungsgesetzes vorgelegt. Mehrere Umweltschutzorganisationen üben Kritik an den Plänen.

Die Bundesregierung will die unterirdische Speicherung von industriell verursachten Kohlendioxidemissionen erlauben. Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck stellte dafür eine sogenannte Carbon-Management-Strategie vor, die Abscheidung, Transport und Verpressung von CO2 unter der Erde ermöglichen soll. Es gebe industrielle Sektoren, für die durch andere Technologien Klimaneutralität schwer oder gar nicht zu erreichen sei, beispielsweise bei der Herstellung von Zement und Kalk sowie der Abfallverbrennung, sagte Habeck. Erlauben will er die unterirdische Speicherung auch in Deutschland, allerdings nur auf hoher See, nicht an Land.

Blick auf die Nordsee. Bildrechte: colourbox.com

Nordsee soll Speicherstätte werden

Zementwerk in Bernburg. Bildrechte: MDR/Tom Gräbe

Sein Entwurf zur Änderung des Kohlendioxid-Speichergesetzes sehe die Nutzung einer Speicherstätte auf hoher See in der Nordsee vor, sagte Habeck. Meeresschutzgebiete sollen dabei ausgenommen werden. An Land soll es weiter verboten sein, CO2 zu verpressen. Habeck verteidigte die Technologie, die unter Experten und Umweltschutzorganisationen umstritten ist. Die Technik sei an vielen Stellen weiterentwickelt worden und sei aus seiner Sicht reif und sicher, sagte er. Zudem sei "die Zeit abgelaufen". Man schreite auf die Überschreitung der Klimaziele zu, und es gebe keine andere technologische Lösung, um etwa die Zementproduktion CO2-neutral zu gestalten. Die Abscheidung und Speicherung von CO2 – CCS genannt – soll helfen, das Langfrist-Ziel zu erreichen, bis 2045 klimaneutral zu werden. Es sei "Zeit für Pragmatismus". Die Pläne seien auch wichtig für die Wettbewerbsfähigkeit des Industriestandorts Deutschland. Zugleich sagte Habeck, bis CCS konkret angewendet werde, würden noch einige Jahre vergehen.

Habeck verwies auf andere Länder wie Norwegen, die einen ähnlichen Weg gingen. Im Sleipner-Feld in der Nordsee werden pro Jahr mehr als eine Million Tonnen CO2 eingelagert. CCS sei zudem nur eine Ergänzung der Klimapolitik neben dem Ausbau der erneuerbaren Energien und der Wasserstoffstrategie, sagte Habeck. Auch in Dänemark, den Niederlanden und Großbritannien gebe es Projekte, die am besten miteinander abgestimmt werden sollten. In Deutschland ist CCS derzeit lediglich in begrenztem Ausmaß zu Forschungszwecken erlaubt.

Gesetzesänderung geplant

Konkret soll nun das Kohlendioxid-Speicherungsgesetz geändert werden. Damit soll ein Rechtsrahmen für den Aufbau einer CO2-Pipelineinfrastruktur geschaffen und die Speicherung auf hoher See ermöglicht werden. Habeck sagte, er rechne mit einer zügigen Verständigung innerhalb der Bundesregierung, sodass das Kabinett dann zustimme könne. Auch der Bundestag solle, obwohl es ein schwieriges Gesetz sei, rasch grünes Licht geben.

Derzeit ist dafür ein Pipeline-Transport noch verboten. Aktuell müssten Unternehmen, die CO2 abscheiden, das Gas "in Kesselwagen" transportieren, sagte Habeck. "Das wird geändert." Geplant sei, dass das Pipeline-Netz von privaten Firmen betrieben werde.

So funktioniert das CCS-Verfahren

Beim CCS-Verfahren wird CO2 am Ort der Freisetzung aufgefangen und anschließend unter hohem Druck im Land- oder Meeresuntergrund in einer Tiefe von etwa 800 bis 4.000 Metern verpresst. Besonders bieten sich dafür die porösen Sandsteinformationen im Boden der Nordsee an. Auch ehemalige Erdöllagerstätten könnten nach Meinung einiger Wissenschaftler ein geeigneter Lagerplatz für CO2 sein. CCU-Technologien (Carbon Capture and Utilization) wiederum machen abgeschiedenen Kohlenstoff nutzbar – etwa als Kohlensäure in der Getränkeindustrie oder für die Synthese von Grundchemikalien.

Theoretisch kann CCS in allen Wirtschaftsbereichen eingesetzt werden. Vor allem bei Prozessen wie der Herstellung von Zement, wo Emissionen nur schwer vermeidbar sind, gilt die Technologie als vielversprechend. Viele Fragen sind aber noch offen.

Zustimmung und Kritik an Plänen

Ottmar Edenhofer begrüßt Habecks Strategie. Bildrechte: imago images/Metodi Popow

Der Klimaforscher Ottmar Edenhofer begrüßte Habecks Strategie. Ohne CCS werde es schwierig oder gar unmöglich werden, die Klimaziele zu erreichen. Der Direktor des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung unterstrich den zweiten Teil von Habecks Strategie, die neben der Abscheidung von CO2 bei der Entstehung auf sogenannte Negativemissionen zielt. Gemeint ist damit, der Atmosphäre CO2 wieder zu entziehen. Neben natürlichen Senken wie Wäldern und Mooren will Habeck dafür auch "technische Senken" durch CO2-Speicherung schaffen.

Positiv zu den Eckpunkten Habecks äußerte sich der FDP-Klimapolitiker Olaf in der Beek. Er forderte in Berlin die rasche Umsetzung der Pläne. Es gehe jetzt darum, "die CCS-Technologie im industriellen Maßstab in die Anwendung zu bringen", erklärte auch Bundesforschungsministerin Bettina Stark-Watzinger. Von einem "wichtigen Element für den Klimaschutz" sprach der Branchenverband Zukunft Gas.

Die Deutsche Umwelthilfe kritisierte dagegen Habecks Pläne als "Roll-Back in die fossile Vergangenheit". Habeck erlaube damit "lebensverlängernde Maßnahmen für fossile Gaskraftwerke" und widme die Nordsee "zu einem fossilen Entsorgungspark" um, erklärte Bundesgeschäftsführer Sascha Müller-Kraenner.

Greenpeace-Energieexperte Karsten Smid sagte, Habecks Pläne seien teuer, nicht nachhaltig und bürdeten künftigen Generationen weitere Ewigkeitslasten auf. Befürchtet werde, dass das Treibhausgas aus den Lagerstätten entweichen und den Organismen im Meer schaden könnte. Die Folgen wären Todeszonen in den Meeren, in denen quasi kein Leben mehr möglich sei. Auch der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) kritisierte die Strategie. Damit könnten "CO2-Mülldeponien unter dem Meer" Realität werden, erklärte der Verband.

Unter Umweltverbänden geht die Meinung über CCS inzwischen auseinander. Nabu und WWF zeigten sich zuletzt grundsätzlich offen für die Nutzung unterirdischer CO2-Speicher. Problematisch ist laut Umweltbundesamt etwa der große zusätzliche Energieaufwand. Zudem könnten bei der Speicherung Risiken für das Grundwasser entstehen.

Auch der Weltklimarat betont, dass es technologische und wirtschaftliche Hürden sowie ökologische Bedenken beim Einsatz von CCS gebe. Zugleich nennt das weltweit führende wissenschaftliche Gremium zum Klimawandel die Abscheidung und Speicherung von CO2 als eine Option, um die Emissionen zu reduzieren.

dpa, AFP, epd (das)

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Dieses Thema im Programm:MDR AKTUELL RADIO | 26. Februar 2024 | 12:05 Uhr