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Viele Beschäftigte wünschen sich flexible Arbeitszeitmodelle statt starrer Vorgaben. Bildrechte: IMAGO / Frank Sorge

ArbeitsmarktMüssen wir bald mehr Stunden arbeiten?

27. April 2023, 18:12 Uhr

Wenn die Babyboomer in Rente gehen, wird sich der Fachkräftemangel verschärfen. Um die Folgen dieses demografischen Wandels zu kompensieren, werden immer wieder Forderungen nach längeren Arbeitszeiten laut. Dabei wünschen sich zwei Drittel der Deutschen eine Vier-Tage-Woche. Wäre eine 42-Stunde-Woche laut Gesetz überhaupt möglich?

von MDR-Wirtschaftsredaktion

Diskussion: Pro Woche zwei Stunden mehr arbeiten?

In der Debatte um längere Arbeitszeiten wird kontrovers diskutiert. Aus Wirtschaft, Politik und Wissenschaft werden immer wieder Forderungen laut, die Wochenarbeitszeit zu erhöhen, um den wachsenden Fachkräftemangel zu kompensieren.

Für eine 42-Stunden-Woche warb vergangenes Jahr zum Beispiel Siegfried Russwurm, Präsident des Bundesverbands der Deutschen Industrie (BDI) – optional und bei vollem Lohnausgleich.

Auch Prof. Michael Hüther, Direktor des Instituts der Deutschen Wirtschaft (IW) hatte sich in der Debatte für eine längere Wochenarbeitszeit ausgesprochen. Der IW-Wirtschaftsforscher rechnete vor, dass bis 2030 drei Millionen Menschen weniger in Arbeit sein werden. Dadurch fehlten 4,2 Milliarden Arbeitsstunden. Eine Erhöhung der Wochenarbeitszeit um zwei Stunden könne das ausgleichen.

Gesetz: Längere Arbeitszeit rechtlich möglich

Das Arbeitszeitgesetz erlaubt bis zu 48 Arbeitsstunden im Durchschnitt in der Woche. Die 42-Stunden-Woche wäre demnach rechtlich möglich. Tarif- und Arbeitsverträge könnten angepasst werden.

Laut Gesetz darf pro Werktag acht Stunden gearbeitet werden. Diese Zeit kann auf maximal zehn Stunden ausgedehnt werden.

Zuletzt forderte Bayerns Sozialministerin Ulrike Scharf (CSU) jedoch, eine Arbeitszeit von bis zu zwölf Stunden zu diskutieren. Auch eine Wochenarbeitszeit von 48 Stunden sollte gemäß der CSU-Politikerin möglich sein – flexibel und freiwillig.

Kritik seitens der Gewerkschaften

Gewerkschaften sprechen sich gegen längere Arbeitszeiten aus. Eine Position mit langer Geschichte. Schon in den 1960er-Jahren wurde mit dem Motto "Samstags gehört der Vati mir!" um die Fünf-Tage-Woche gerungen.

Eine Verlängerung der Wochenarbeitszeit berge die große Gefahr, den flächendeckenden Mangel an Fachkräften zu schärfen, attestiert eine Studie des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Institut (WSI) der Hans-Böckler-Stiftung: "Lange Arbeitszeiten sind hoch belastend und führen langfristig zu einem Anstieg an krankheitsbedingten Ausfällen." Für das verbliebene Personal bedeute das Mehrarbeit und eine Arbeitsverdichtung.

Studienautor Eike Windscheid warnt im Interview mit dem MDR vor den negativen Folgen: "Wir müssen vorsichtig sein, dass wir belastende Arbeitsbedingungen nicht mit erhöhtem Gehalt erkaufen." Beschäftigte könnten durch das höhere Einkommen angereizt werden, belastende und ungünstige Arbeitszeitmodelle anzunehmen. "Das würde sich auf lange Sicht rächen", so Windscheid. "Es gibt Klügeres als Arbeitszeitverlängerung."

Steigt Unfallrisiko mit Arbeitszeit?

Schon jetzt leisten viele Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer in Deutschland Überstunden. Laut Statistischem Bundesamt gehören sie für 4,5 Millionen Menschen zum Arbeitsalltag – über zehn Prozent der Beschäftigten.

Studien belegen, dass das Risiko von Unfällen bei längeren Arbeitszeiten zunimmt, erklärt Prof. Dirk Windemuth vom Institut für Arbeit und Gesundheit der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung im MDR-Interview: "Die erste Studie dazu gab es bereits vor etwa 20 Jahren: Wer länger als acht Stunden arbeitet, wird mehr Unfälle verursachen und in Unfälle eher verstrickt. Nach zehn Stunden Arbeit steigt das Risiko noch einmal entscheidend."

Studie: Trend geht zur Reduzierung der Arbeitszeit

Drei Viertel aller Beschäftigten in Deutschland wünschen sich eine Vier-Tage-Woche. Das ist das deutliche Ergebnis einer repräsentativen Befragung für die "Berufe-Studie“ der Lebensversicherung HDI. Besonders bei Beschäftigten der Industrie steht dieses Arbeitszeitmodell hoch im Kurs. 86 Prozent zeigen daran Interesse. Jeder Vierte sei sogar bereit, dafür auf einen Teil des Lohns zu verzichten, heißt es in der Studie. Angesichts dieser deutlichen Tendenz stellt sich die Frage, ob längere Wochenarbeitszeiten umsetzbar wären.

Experte: Arbeitszeit dem Leben anpassen

Der Arbeitsmarktexperte Prof. Enzo Weber vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) plädiert im Interview mit der MDR-Wirtschaftsredaktion für eine differenzierte Analyse. Man könne in repräsentativen Erhebungen sehen, dass viele Vollzeit-Beschäftigte gern etwas weniger arbeiten möchten: "Für genau diese Menschen kann eine Vier-Tage-Woche eine attraktive Option sein." Andererseits gebe es auch viele Menschen, die mehr arbeiten möchten.

Der IAB-Arbeitsmarktforscher erteilt auch einem oft bemühten Klischee eine Absage: "Die Aussage, dass die junge Generation heute weniger arbeiten möchte als früher, ist falsch." Tatsächlich würden Menschen heute noch genauso lange arbeiten wollen wie früher. Die Arbeitszeitwünsche seien über Jahrzehnte konstant geblieben. Allerdings wünschten sich die Menschen heute, individueller, flexibler zu arbeiten und souveräner über ihre eigene Arbeitszeit zu verfügen.

Die Aussage, dass die junge Generation heute weniger arbeiten möchte als früher, ist falsch.

Enzo Weber, IAB-Arbeitsmarktexperte

Prof. Dr. Enzo Weber ist Forschungsbereichsleiter am Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB). Bildrechte: Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung der Bundesagentur für Arbeit (IAB)

"Heute gibt es eine Arbeitsmarktlage, wo man diese Wünsche eher artikulieren kann, weil die Arbeitnehmer wegen der Knappheit an Arbeitskräften an einem viel längeren Hebel sitzen", so Prof. Enzo Weber gegenüber der MDR-Wirtschaftsredaktion. "Man möchte nicht das eigene Leben an den Job anpassen müssen, sondern man möchte die Arbeitszeit an das eigene Leben anpassen können", sagt er. Es gehe um Flexibilität – je nachdem, was Beschäftigte in der jeweiligen Lebensphase brauchen.

Praxisbeispiel: Baumarktkette startet flexibles Arbeitszeitmodell

Ein Beispiel für ein Unternehmen, das seinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern ein flexibles Arbeitszeitmodell anbietet, ist die Baumarkt-Kette "Hornbach". Nach einer Pilotphase 2022 können seit Anfang Januar nun weit mehr als 10.000 "Hornbach"-Beschäftigte ihre Arbeitszeit individueller an ihre persönlichen Bedürfnisse anpassen.

"Derzeit nutzen rund 25 Prozent unsere flexible Vereinbarung 'Arbeitszeit nach Maß‘', erklärt Jochen Braun, Mitglied der Geschäftsleitung der "Hornbach Baumarkt AG" in Deutschland, gegenüber der MDR-Wirtschaftsredaktion. "Rund die Hälfte nutzt die Möglichkeit zur Verkürzung und die andere Hälfte nutzt die Möglichkeit zur Verlängerung der Arbeitszeit", erklärt er. Dabei gebe es weniger regionale Unterschiede, sondern man beobachte bei "Hornbach" eher Unterschiede bei den verschiedenen Altersgruppen.

Rund die Hälfte nutzt die Möglichkeit zur Verkürzung und die andere Hälfte nutzt die Möglichkeit zur Verlängerung der Arbeitszeit.

Jochen Braun, Geschäftsleitung Hornbach Baumarkt AG

Das Arbeitszeitmodell beinhaltet fünf Bausteine, aus denen Beschäftigte wählen können. Drei von ihnen reduzieren die Arbeitszeit, indem sie zum Beispiel Urlaubs- oder Weihnachtsgeld in bis zu 20 zusätzliche Tage Freizeit umwandeln. Zudem können Beschäftigte befristet oder unbefristet in Teilzeit arbeiten. "Auf Wunsch kann die jährliche Gehaltserhöhung eingesetzt werden, um schrittweise die Stundenzahl zu reduzieren", beschreibt "Hornbach"-Manager Braun.

Beim vierten Baustein kann die Arbeitszeit umverteilt werden, so dass zum Beispiel eine Vier-Tage-Woche möglich wird – auch bei 37,5 Stunden Vollzeit.

Der fünfte Baustein verlängert die Wochenarbeitszeit auf bis zu 42,5 Stunden. Dies ist aber begrenzt auf einen Zeitraum von drei, sechs oder maximal neun Monaten. Dabei erhöhe sich das Einkommen proportional, beschreibt Braun: "Ein wichtiger Faktor für die Möglichkeit zur Verlängerung der individuellen Arbeitszeit sind längere Anfahrtswege oder andere persönliche Rahmenbedingungen. Es wird auch von Teilzeitkräften in Anspruch genommen oder wenn besondere Anschaffungen geplant sind."

Noch ist die Einführung des Arbeitszeitmodells in einer frühen Phase. Die Ergebnisse der weiteren Entwicklung könnten auch für andere Unternehmen von Interesse sein.

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MDR (akj) | Erstmals erschienen am 25.01.203.

Dieses Thema im Programm:MDR FERNSEHEN | Umschau | 24. Januar 2023 | 20:15 Uhr