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In Deutschland gibt es mehr als 7.500 Biermarken. "Wir machen uns in der Tat Sorgen um die Biervielfalt", erklärt Holger Eichele vom Deutschen Brauer-Bund. Bildrechte: IMAGO / Shotshop

Interview"Nahezu jede Woche muss eine Brauerei schließen"

16. März 2023, 11:54 Uhr

Energiepreise und Inflation setzen auch den Brauereien zu. "Die Situation ist sehr angespannt", sagt Holger Eichele vom Deutschen Brauer-Bund (DBB). "Immer mehr Betriebe stehen mit dem Rücken zur Wand", betont er und erklärt im Interview, warum.

von Matthias Weidner und Carmen Brehme, MDR Wirtschaftsredaktion

Wie ist die Lage bei den deutschen Brauereien?

Holger Eichele: Die Situation ist sehr angespannt. Wir kommen aus zwei Jahren Coronakrise, also aus zwei Jahren, in denen der Markt für Fassbier völlig zusammengebrochen ist. Bierfässer waren über Monate lang praktisch unverkäuflich in Deutschland. Die Brauereien sind erheblich finanziell belastet, die Corona-Krise ist über Nacht in eine Energiepreis-Krise übergegangen. Nun sind die Brauereien mit massiven Kostensteigerungen konfrontiert. Nicht nur bei Energie, sondern auch bei allen denkbaren Rohstoffen und Hilfsstoffen.

Wie belasten die Energiepreise die Bierproduktion?

Holger Eichele: Die Arbeit in den Brauereien ist sehr energieintensiv. Bei der Bierherstellung werden große Mengen Flüssigkeit erst erhitzt und dann heruntergekühlt, über Wochen in den Kühlhäusern, in Lagern und Tanks. Das kostet eine Menge Energie, Gas, Öl und auch Strom. Aber auch Kronkorken, Etiketten, Neuglas, Hopfen, Braumalz – all das ist zum Teil erheblich teurer geworden. Diese Kosten müssen die Brauereien irgendwie weitergeben.

Wir erleben seit Jahren ein Absinken des Bierkonsums. Gibt es einen Verdrängungswettbewerb?

Holger Eichele: Der Bierkonsum geht in ganz Europa zurück, nicht nur in Deutschland. Wir müssen damit rechnen, dass wir dadurch pro Jahr zwischen ein und drei Prozent Rückgang der Produktion haben. Das hat verschiedene Gründe: Wir leben in einer alternden Gesellschaft. Die Menschen werden älter, trinken dann auch weniger. Wir haben Wellness- und Gesundheitstrends, die da noch mit hineinspielen. Es gibt heute auch eine viel größere Vielfalt auf dem Getränkemarkt: Stichwort Aperol Spritz und Hugo. Auch das sind Gründe, die dazu führen, dass der Bierkonsum tendenziell eher zurückgeht.

Es heißt, vor allem die kleinen Brauereien haben Schwierigkeiten?

Holger Eichele: Von der Kostenlawine ist die gesamte Brauwirtschaft betroffen. Davon sind große Betriebe und Weltkonzerne genauso betroffen wie mittlere und kleine Betriebe. Kleine Brauereien finden oftmals leichter eine Nische, um dort erfolgreich zu wirtschaften. Große Konzerne haben dafür vielleicht die Möglichkeit, Kostensteigerungen besser aufzufangen oder auch finanzielle Einbußen auszugleichen. Was uns Sorge bereitet ist das mittlere Segment, mittelgroße Brauereien, die dann auch nicht die Macht haben, um gegenüber dem Lebensmittelhandel aufzutreten und Preiserhöhungen durchzusetzen. Das sind die Betriebe, die von dieser Konsolidierungswelle vermutlich in den nächsten Jahren am ehesten betroffen sein werden.

Gibt es eine Tendenz weg vom regionalen Bier, mehr zu den Konzern-Bieren?

Holger Eichele: Deutschland war immer das Land der Regional-Brauereien und wird es auch bleiben. Die regionale Vielfalt mit über 7.500 Biermarken, wie wir sie in Deutschland finden, ist weltweit einmalig und wird es auch bleiben. Klar ist aber auch, dass die Verbraucher in einer Zeit extrem steigender Kosten wesentlich sensibler einkaufen. Das zeigen auch erste Untersuchungen.

Label wie "bio" und "regional" verlieren ein bisschen an Bedeutung, weil zuallererst für immer mehr Verbraucherinnen und Verbraucher der Preis im Vordergrund steht und letztlich das wichtigste Entscheidungskriterium ist. Davon profitieren vor allem Handelsmarken, die über die Discounter vertrieben werden. Die hatten es in der Corona-Krise schwerer. Denn da hatten die Verbraucher mehr Geld zur Verfügung, haben es sich zu Hause schön gemacht und haben sich was gegönnt – und auch mal höherwertige und teurere Lebensmittel eingekauft. In der Energiepreis-Krise, in Zeiten der Inflation, profitieren eher Handelsmarken und die Billig-Marken, die über die Discounter verkauft werden.

Müssen wir uns von der regionalen Vielfalt verabschieden?

Holger Eichele: Wir machen uns in der Tat Sorgen um die Biervielfalt. Wir waren immer sehr stolz darauf in Deutschland, dass das Wort Brauereisterben ausgestorben war. Über Jahre und Jahrzehnte war die Zahl der Brauereien gestiegen und jetzt, seit der Corona-Krise, ist sie wieder rückläufig. Wir verlieren immer mehr Betriebe. Im Moment bekommen wir nahezu jede Woche eine neue Meldung von einer Brauerei, die schließen muss.

Wie werden sich die Bierpreise entwickeln?

Holger Eichele: Wir sind uns sehr sicher, dass die Kosten – etwa für Kronkorken, Glas, Dosen, Verschlüsse – nicht mehr deutlich sinken werden und ihr früheres Vorkrisenniveau erreichen. Auch die Bierpreise, die in diesem Jahr moderat steigen, werden ihr früheres Niveau nicht mehr erreichen.

Die Brauereien sind darauf angewiesen, die extrem gestiegenen Produktionskosten weiterzugeben. Immer mehr Betriebe stehen mit dem Rücken zur Wand. Sie müssen Preiserhöhungen durchsetzen gegenüber der Gastronomie und dem  Handel. Da rate ich allen Kritikern zur Besonnenheit, denn der Bierpreis in Deutschland ist im europäischen Vergleich immer noch niedrig. Auch die aktuellen Preissteigerungen sind fair und moderat.

Letztlich muss jede Brauerei für sich kalkulieren und für ihre Marken entscheiden: Setze ich eine Preiserhöhung durch oder verschiebe ich sie noch ein bisschen? Vielleicht gibt es einen finanziellen Puffer und man sagt: „Wir versuchen noch, uns über das Jahr 2023 zu retten, und setzen erst dann eine Preiserhöhung durch.“ Das ist allein die Entscheidung des Unternehmens, wie es sich hier im Wettbewerb positioniert. Das ist keine Aufgabe des Verbandes.

Welche Rolle spielt der Einzelhandel?

Holger Eichele: Gute Frage. Um es ganz offen und auch ganz deutlich zu sagen: Die Brauereien in Deutschland stehen einem vermachteten Einzelhandel gegenüber, der seine Position mit aller Härte ausspielt: Vier große Konzerne, die 80 Prozent des Marktes in Deutschland unter sich aufteilen und deshalb über eine ungeheure Marktmacht verfügen – nicht nur gegenüber den Brauereien, sondern gegenüber allen Lebensmittelherstellern und Lieferanten. Für die Brauereien ist es ungemein schwierig, in dieser Konstellation längst überfällige Preiserhöhungen durchzusetzen.

Gibt es eine Prognose, was die Zahl der Brauereien in den nächsten Jahren betrifft?

Holger Eichele: Wir waren stolz, die Marke von 1.500 Brauereien in Deutschland geknackt zu haben. Wir waren stolz darauf, dass das Wort Brauereisterben in Deutschland ausgestorben war. Und wir sehen jetzt mit großer Sorge, wie der Trend wieder nach unten geht, wie mehr und mehr Betriebe schließen müssen. Das ist bitter.

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MDR (cbr)

Dieses Thema im Programm:MDR FERNSEHEN | Umschau | 14. März 2023 | 20:15 Uhr

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