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Die Idylle trügt: Windräder könnten viel mehr Energie beitragen, wenn auch alles ins Netz fließen würde, was sie erzeugen könnten. Bildrechte: MDR/Umschau

Schleifender NetzausbauStrompreise höher, weil Windräder sich nicht drehen dürfen

11. Juli 2024, 18:16 Uhr

Wenn kein Strom mehr ins Stromnetz eingespeist werden kann, werden auch Windräder abgeschaltet. Für den entgangenen Gewinn wird der Betreiber jedoch entschädigt. Das darf dann der Stromkunde zahlen.

von Thomas Falkner und Carmen Brehme, Redaktion Wirtschaft und Ratgeber

Bundesregierung: "2023 war ein Rekordjahr bei Erneuerbarem Strom"

Deutschland soll nach den Plänen der Bundesregierung bis 2045 klimaneutral werden. Ein Baustein: Erneuerbare Energien sollen sich – bezogen auf das Vergleichsjahr 2021 – bis 2030 verdoppeln. Und die Zeichen stehen eigentlich gut. "2023 war ein Rekordjahr bei Erneuerbarem Strom: Knapp 52 Prozent unseres Strombedarfs wurden durch Sonne, Wind oder Wasserkraft gedeckt – mehr als je zuvor", schreibt die Bundesregierung auf ihrer Homepage.

Nach Angaben des Bundesumweltamtes wurde der größte Teil davon von Windrädern beigesteuert. Erstmals hätten Windenergieanlangen "mehr Strom als alle Braun- und Steinkohlekraftwerke in Deutschland zusammen" erzeugt.

Zu viel Energie für zu wenig Netz: Windrad wird abgeregelt

Doch immer wieder stehen Windräder still, obwohl der Wind bläst. Der Stromnetzbetreiber hat dann mit hoher Wahrscheinlichkeit den Windrad-Betreiber angewiesen, die Produktion zu drosseln, weil das Netz gerade ausgelastet ist und nicht überlastet werden soll. Hier spricht man vom "Abregeln" des Windrades. Damit wird günstig verfügbarer Strom verschenkt, weil er schlicht nicht abtransportiert werden kann. Das betrifft dann grüne Energie von Windrädern, ebenso wie von Solaranlagen, Wasserkraftwerken und Biogasanlagen gleichermaßen.

Auf der Internetseite Netzampel beispielsweise kann man sehen, wo aktuell grüner Strom verschiedener Netzbetreiber nicht vollständig eingespeist werden kann und deswegen gedrosselt werden muss. Die Seite wird vom Bundeswirtschaftsministerium gefördert.

Netzausbau kommt nicht hinterher

Der Netzausbau hinkt hinterher, er kann mit dem Ausbau der Erneuerbaren Energien nicht Schritt halten. "Da dauerten die Genehmigungsverfahren zu lange, als dass das funktioniert hätte. Daher haben wir jetzt sehr viel Erneuerbare bereits am Netz, aber dafür zu wenig Netz", sagt Dirk Biermann, Geschäftsführer vom Stromnetzbetreiber 50Hertz dem MDR-Magazin Umschau. Das Unternehmen will in Wolmirstedt in Sachsen-Anhalt seine Anlagen ausbauen, auch um Windstrom von Norden nach Süden zu transportieren.

Dirk Sattur, der technische Geschäftsführer von Mitnetz, dem größten Verteilnetzbetreiber in Ostdeutschland, sieht das Energiesystem vor einem gewaltigen Umbruch: "Wir haben heute etwa elf Gigawatt installierte Leistung an erneuerbaren Energien. Wir denken, dass wir bis 2030 etwa weitere 20 bis 25 Gigawatt anschließen müssen. Das heißt also eine Verdreifachung", bilanziert er. Trotz bisheriger Ausbaumaßnahmen musste alleine Mitnetz die Stromerzeugung aus erneuerbaren Energien im vergangen Jahr rund 1.100 Mal drosseln.

Bitter ist die aktuelle Bilanz: Der Netzausbau liegt laut Jens Hamer vom Bundesrechnungshof Jahre hinter der Planung zurück: "Das sind aktuell sieben Jahre und 6.000 Kilometer. Vor drei Jahren waren es noch 4.000 Kilometer".

Energie wird verschenkt, Betreiber für Verlust entschädigt

Wird eine Anlage abgeregelt und kann so keine Energie erzeugen und ins Stromnetz einbringen, bekommt der Betreiber eine Entschädigung für die ausgefallenen Einnahmen aus der Einspeisevergütung, die ihm verloren gehen. Ein weiterer Aspekt, der den Strom für Verbraucher teurer macht, als er sein müsste: Fehlt an einer anderen Stelle dann im Netz Strom, muss teurer Ersatzstrom zugekauft werden.

"Die Kosten dafür betrugen im letzten Jahr 3,1 Milliarden Euro. Sie haben sich seit 2017 damit fast verzweieinhalbfacht, da waren es noch 1,4 Milliarden. Die Prognosen der Netzbetreiber gehen sogar davon aus, dass es in 2026 6,5 Milliarden Euro jährlich werden", erklärt Jens Hamer vom Bundesrechnungshof dem MDR-Magazin Umschau. "Das trägt nach unserer Einschätzung natürlich auch ganz klar zu weiter steigenden Kosten bei und zu einem insgesamt verteuerten Energiesystem."

Stromkunde muss immer mehr Netzentgelt zahlen

Kosten für die Nutzung des Netzes tragen die Stromkunden über das sogenannte Netzentgelt. Das ist im Strompreis enthalten. Jeder einzelne bezahlt es über seine Stromrechnung. Derzeit macht das Netzentgelt mit durchschnittlich 11,5 Cent pro Kilowattstunde rund 27 Prozent vom Strompreis aus. 2023 lag der Anteil noch bei rund 9,5 Cent pro Kilowattstunde. Wenn man sich die Werte in der Mc-Kinsey-Studie "Zukunftspfad Stomversorgung" anschaut, muss bis 2035 mit einer Verteuerung auf etwa 23 Cent pro Kilowattstunde gerechnet werden. Zum Vergleich: Jetzt beträgt der durchschnittliche Strompreis mit allen Posten nach Berechnungen von Verivox etwas über 26 Cent pro Kilowattstunde für Neukunden (Stand 22.04.2024).

Stichwort: Netzentgelt"Damit der Strom von dort, wo er produziert wird, zum Verbraucher kommt, muss er durch das Stromnetz fließen. Und für die Nutzung des Stromnetzes fällt eine Gebühr an: das Netznutzungsentgelt, kurz Netzentgelt", erklärt das Bundeswirtschaftsministerium.

In einem Sonderbericht zur Energiewende hat der Bundesrechnungshof Anfang März die Entwicklung der Netzentgelte kritisiert. Eine preisgünstige Versorgung mit Strom sei so nicht mehr gesichert. "Daraus ergeben sich dann in der Konsequenz Risiken, oder erhebliche Risiken, aus unserer Sicht für den Wirtschaftsstandort Deutschland und auch für die Akzeptanz der Energiewende in der Bevölkerung", betont Jens Hamer.

Daraus ergeben sich dann in der Konsequenz Risiken, oder erhebliche Risiken, aus unserer Sicht für den Wirtschaftsstandort Deutschland und auch für die Akzeptanz der Energiewende in der Bevölkerung.

Jens Hamer, Pressesprecher Bundesrechnungshof

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MDR (cbr)

Dieses Thema im Programm:MDR AKTUELL | 24. Juni 2024 | 06:00 Uhr