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Fragen und Antworten zur Treuhand

Wann wurde die Treuhandanstalt gegründet?

Gegründet wurde die damalige "Treuhandgesellschaft" am 1. März 1990 auf Beschluss des Ministerrates der DDR als "Anstalt zur treuhänderischen Verwaltung des Volkseigentums". Sie sollte das Volkseigentum für die Bürger der DDR verwalten. Im Mittelpunkt stand die Sanierung der Betriebe. Es war vorher aber auch angedacht worden, Anteilsscheine an die DDR-Bürger auszugeben, die damit allesamt Aktionäre geworden wären. Nur wenige Monate später war davon freilich keine Rede mehr. Am 17. Juni 1990 beschloss die im März 1990 frei gewählte Volkskammer das "Gesetz zur Privatisierung und Reorganisation des volkseigenen Vermögens".

Welche Aufgaben hatte sie?

Die Aufgaben der Treuhandanstalt umriss deren Chefin Birgit Breuel 1991 folgendermaßen: "Schnell privatisieren, weil wir der Auffassung sind, dass privatisieren die beste Form der Sanierung ist. Das zweite Motto heißt: Entschlossen sanieren. Da, wo Zukunft möglich ist, soll Sanierung durchgeführt werden, um auch hier den Menschen mehr Mut und Hoffnung zu machen. Und das dritte Motto heißt: Behutsam stilllegen."

Wie viele Betriebe unterstanden der Treuhandanstalt?

Die Berliner Treuhandanstalt, die ab dem Vereinigungstag dem Bundesfinanzministerium unterstellt war, galt damals als die größte Holding der Welt. Zu ihrem Imperium gehörten weit mehr als 12.000 Betriebe und Kombinate, in denen insgesamt über vier Millionen Menschen beschäftigt waren. Sie verwaltete aber auch Wälder, Liegenschaften der NVA, Wohnungen, Ferienhäuser sowie das Vermögen von Parteien und Massenorganisationen der DDR.

Wie viele Mitarbeiter waren bei der Treuhandanstalt beschäftigt?

Bis zum Oktober 1990 waren bei der Treuhandanstalt nur etwa 150 Mitarbeiter beschäftigt. Sie stammten überwiegend aus diversen Ministerien der DDR. Nach der Vereinigung der beiden deutschen Staaten am 3. Oktober 1990 begann die Zahl der Mitarbeiter aber rasant anzuwachsen: 1991 zählte die Treuhandanstalt bereits knapp 3.000 Mitarbeiter, 1993 sogar 4.600. Die Mehrzahl der Führungskräfte stammte aus dem Westen Deutschlands.

Was war der spektakulärste Fall?

Obwohl die Kaligrube in Bischofferode durchaus die Chance auf einen Investor hatte, sollte sie stillgelegt werden. So jedenfalls hatte es die Treuhand verfügt und gab so dem Druck der westdeutschen Kali-Industrie nach, die sich die ostdeutsche Konkurrenz vom Hals schaffen wollte. Im Sommer 1993 traten die Kumpel von Bischofferode in einen Hungerstreik, um ihr Werk vor der angeordneten Liquidierung zu bewahren. Ihre weltweit beachtete Protestaktion hatten sie unter das Motto "Bischofferode ist überall" gestellt. Am Ende zogen sie den Kürzeren - im Dezember 1993 wurde die Kaligrube Bischofferode stillgelegt.

Wann endete die Arbeit der Treuhandanstalt?

Die Treuhandanstalt stellte am 31. Dezember 1994 ihre Arbeit ein und wurde aufgelöst. Ihre Nachfolge traten diverse Institutionen an, etwa die "Bundesanstalt für vereinigungsbedingte Sonderaufgaben". Einen Tag vorher hatte Treuhand-Chefin Birgit Breuel ihren Abschlussbericht präsentiert. Es war eine sehr nüchterne Veranstaltung: Es gab weder feierliche Reden noch ein Bankett oder gar einen Festakt.

Wie sieht ihre Bilanz aus?

Von den etwa 12.000 Betrieben, die der Treuhandanstalt 1990 unterstanden, konnten etwas mehr als 7.800 privatisiert werden. Etwa 3.700 Betriebe waren dagegen liquidiert worden. Von den einstmals vier Millionen Arbeitsplätzen in den von der Treuhandanstalt verwalteten Betrieben gingen weit mehr als 2,5 Millionen verloren. Die Schulden der Treuhandanstalt beliefen sich Ende 1994 auf ca. 270 Milliarden DM. (Quelle: Treuhandanstalt, bpb)

Wie wird die Arbeit der Treuhandanstalt heute bewertet?

Im Osten Deutschlands wird die Treuhandanstalt bis heute als eine Institution wahrgenommen, die der DDR-Wirtschaft mehr oder weniger den Garaus machte. Kritiker werfen der Anstalt vor, Betriebe oftmals weit unter Wert verschleudert oder gar liquidiert und damit Millionen Arbeitsplätze vernichtet zu haben. Von einem "Treuhand-Trauma" sprach der Fraktionschef der Linken, Dietmar Bartsch, im Frühjahr 2019. "Der Schaden, den die Treuhand angerichtet hat, ist eine wesentliche Ursache für den ökonomischen Rückstand des Ostens." Demgegenüber betonen Verteidiger der Treuhandanstalt, dass es zur zügigen Privatisierung keine Alternative gegeben habe und immerhin anderthalb Millionen Arbeitsplätze von der Treuhandanstalt gerettet werden konnten.

Abwicklung von Betrieben

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Die Chefs

Köpfe Treuhandmanager

Peter Moreth, Mitglied der Blockpartei LDPD und "Minister für örtliche Organe" in der Regierung Modrow, war der erste Treuhandchef. Am 1. März 1990 wurde er zum Vorsitzenden des Direktoriums der Treuhandanstalt der DDR berufen. Er sah seine Aufgabe vor allem darin, das Volkseigentum für die DDR-Bürger zu bewahren. Doch schon Mitte Juli wurde er wieder abberufen - die Aufgabe der Treuhand hatte sich verändert. Jetzt stand die Privatisierung der Betriebe und Kombinate im Vordergrund. Peter Moreth war bis zu seinem Tod 2014 als Unternehmensberater in Berlin tätig. Das einzige Bild, das es von ihm gibt, zeigt ihn gemeinsam mit Innenminister Lothar Ahrendt und Ministerpräsident Hans Modrow (v.l.n.r.). Bildrechte: imago/sepp spiegl
"Privatisierung ist die wirksamste Sanierung", war zunächst das Motto des einstigen Hoesch-Managers und Sozialdemokraten Detlev Karsten Rohwedder, der sein Amt als Treuhandchef im Juli 1990 antrat. Später sagte er, dass mehr Betriebe in Gemeinschaftseigentum überführt werden sollten, statt sie zu privatisieren. Die wütende Kritik vieler Ostdeutscher an der Arbeit der Treuhand nannte er "berechtigt". Am 1. April 1991 wurde Detlev Karsten Rohwedder in seinem Wohnhaus erschossen. Die Täter sind bis heute unbekannt. Bildrechte: imago/sepp spiegl
Nach der Ermordung Rohwedders übernahm die einstige niedersächsische Finanzministerin Birgit Breuel die Geschicke der Treuhand. Schnell privatisieren, entschlossen sanieren und behutsam stilllegen, lautete Breuels Devise. Am 30. Dezember 1994 schraubte Birgit Breuel eigenhändig das Treuhand-Schild ab - die Anstalt wurde aufgelöst. Breuel meinte später, die Treuhand sei - trotz einiger bedauerlicher Fehler - durchaus eine Erfolgsgeschichte gewesen. Bildrechte: dpa
Der FDP-Politiker Günter Rexrodt wurde im September 2001 in den Vorstand der Treuhand berufen. Er war unter anderem für die Privatisierung der DDR-Außenhandelsbetriebe zuständig. 1993 der Karrieresprung - Rexrodt wurde zum Bundeswirtschaftsminister berufen. Fünf Jahre bekleidete er das Amt. Günter Rexrodt starb 2004. Bildrechte: imago/sepp spiegl
Er war einer der mächtigsten und umstrittensten Manager der Treuhand - Klaus Schucht (SPD) (mitte). Von 1991 an saß er im Vorstand und war dort für die Bereiche Bergbau, Energie und Chemie zuständig. Große Empörung erntete Schucht für seine Aussage, die Buna-Werke in Schkopau seien "nur ein Furz in der Geschichte der Chemie" - man müsse sie also nicht um jeden Preis retten. Nach dem Ende der Treuhand wechselte Schucht in die Politik und wurde unter anderem Wirtschaftsminister in Sachsen-Anhalt. Klaus Schucht starb 2001. Bildrechte: dpa

Ostbetriebe in Westhänden Von der Treuhand verteilt

Petrolchemisches Kombinat Schwedt Das PCK Schwedt war eines der größten Kombinate der DDR. Es wurde im Juni 1990 aufgelöst und von der Treuhandanstalt an die deutschen Mineralölgesellschaften VEBA und DEA sowie einem italienisch-französischem Konsortium aus Agip, elf und Total verkauft. 2011 erwarb der staatliche russische Mineralölkonzern Rosneft die Mehrheit der Anteile. Bildrechte: IMAGO
Waggonbau Görlitz Das Unternehmen wurde 1990 aus dem VEB Kombinat Schienenfahrzeugbau herausgenommen und in den folgenden Jahren von diversen internationalen Firmen gekauft und weiterverkauft; 1998 erwarb dann der kanadische Konzern Bombardier den Görlitzer Waggonbau. Bildrechte: imago/Ulrich Hässler
VEB Schiffswerft Neptun Nach dem Ende der DDR übernahm der Bremer "Vulkan"-Verbund die traditionsreiche Werft in Rostock, die zu ihren Glanzzeiten 7.000 Menschen beschäftigte. 1991 musste die Neptun Werft auf Grund von EU-Beschränkungen den Schiffsneubau einstellen. 1997 wurde die Werft von der Meyer Werft aus Papenburg übernommen. Bildrechte: imago/BildFunkMV
VEB Kombinat Robotron "Hast du einen schlauen Sohn, so schicke ihn zu Robotron", dichtete einst der Volksmund über das Dresdner Elektronik-Kombinat. Robotron stellte EDV-Anlagen, Schreibmaschinen, Mikrorechnersysteme und in den 1980er-Jahren Computer und Drucker (auch für das westliche Ausland) her. Robotron (ein aus den Wörtern Elektronik und Roboter zusammengesetztes Kunstwort) bestand aus 21 Betrieben und hatte insgesamt 68.000 Mitarbeiter. 1990 wurde das Kombinat aufgelöst, die einstigen Kombinatsbetriebe unterstanden fortan der Treuhand, die viele von ihnen abwickelte. Neue Eigentümer waren unter anderem IBM, Siemens-Nixdorf und SAP. Bildrechte: IMAGO
VEB Mifa Fahrradwerke Sangerhausen 1990 wurden die traditionsreichen Fahrradwerke von der Treuhand privatisiert und 1996 von zwei Unternehmern aus Sangerhausen erworben und an die Börse gebracht. 2011 erwarb Carsten Maschmeyer 33 Prozent der Anteile an den Fahrradwerken, was ihm zum größten Einzelinvestor machte. 2014 kaufte der einstige Krupp-Manager und Unternehmer Heinrich von Nathusius die seit etlichen Jahren rote Zahlen schreibenden Fahrradwerke. Drei Jahre später folgte die Insolvenz. Seit Mitte 2017 führt der Coburger Manager Stefan Zubcic das Unternehmen als Sachsenring Bike Manufaktur weiter. Bildrechte: IMAGO
DEUTRANS Die internationale Spedition der DDR war mit ihren Lkw (vorwiegend Fahrzeuge von Volvo, Mercedes, MAN, Iveco und Ford) auf allen Straßen Europas und Asiens unterwegs. "Lackschuhkutscher" wurden die durchaus privilegierten Fahrer in ihren West-Lkw genannt. 1990 übernahm die bundesdeutsche Spedition Kühne und Nagel die durchaus profitabel arbeitende Spedition mit Sitz in Ostberlin. Bildrechte: IMAGO
VEB PIKO Sonneberg Der VEB Piko, Hersteller von Modelleisenbahnen und bis 1990 Teil des VEB Kombinat Spielwaren Sonneberg, wurde 1990 vom bayerischen Unternehmer Rene F. Wilfer gekauft; Wilfert sanierte das Werk und führte es erfolgreich in die Marktwirtschaft. Bildrechte: imago/Sabine Gudath