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Verschneite Winterlandschaften wie hier im Harz sind in Sachsen-Anhalt ein zunehmend seltener Anblick. Bildrechte: IMAGO / Die Videomanufaktur

Experten warnenWo sich in Sachsen-Anhalt die Folgen des Klimawandels schon jetzt auswirken

von Lucas Riemer, MDR SACHSEN-ANHALT

Stand: 21. Februar 2022, 17:55 Uhr

Immer höhere Temperaturen und immer weniger Schnee: So entwickeln sich die Winter in Sachsen-Anhalt – mit Folgen für die Umwelt und unseren Alltag. MDR SACHSEN-ANHALT hat vier Experten gefragt, welche davon hierzulande bereits spürbar sind.

Die Winter in Sachsen-Anhalt werden milder und schneeärmer – das zeigt eine Datenanalyse von MDR Data. Vergleicht man die Zeiträume von 1961 bis 1990 und von 1991 bis 2020 miteinander, so nahm die Anzahl der Tage, an denen durchweg Frost herrschte, seit 1990 in mehr als Dreiviertel aller Orte des Landes um mindestens 30 Prozent ab. Gleichzeitig wird auch Schnee immer seltener. Gab es etwa in Klötze in der Altmark zwischen 1961 und 1990 noch durchschnittlich 32 Tage pro Jahr, an denen Schnee lag, waren es zwischen 1991 und 2020 im Schnitt nur noch 19 Tage. Doch wie machen sich die Folgen davon bereits heute in der Natur und im Alltag bemerkbar?

Vögel: Verändertes Zugverhalten, unklare Folgen

Welche Vögel wo in Sachsen-Anhalt brüten, welchen Arten es gerade gut oder weniger gut geht – das weiß niemand im Land so gut wie Diplombiologe Stefan Fischer und seine Kolleginnen und Kollegen in der Staatlichen Vogelschutzwarte Steckby, einem kleinen Ortsteil von Zerbst. Seit 18 Jahren beobachtet und analysiert Fischer unter anderem die Auswirkungen der milden Winter auf die einheimischen Vögel.

"Die Klimaerwärmung und die milden, schneearmen Winter bieten für einige Vogelarten Vorteile", sagt er. Vor allem Standvögel wie der Zaunkönig, die den Winter hierzulande verbringen, profitieren vom gestiegenen Futterangebot, wenn Böden seltener gefroren und schneebedeckt sind. "Je mehr milde Winter in Folge es gibt, desto höher sind die Bestände der Tiere", sagt Fischer. Auch bei Zugvögeln beobachten Fischer und seine Kollegen Veränderungen.

Einige Zugvögel kommen inzwischen eher aus ihren Winterquartieren zurück, Mönchsgrasmücken zum Beispiel bis zu zehn Tage früher.

Stefan Fischer, Biologe

Kraniche, die normalerweise im Warmen überwintern, verzichten bisweilen sogar komplett auf den kräftezehrenden Flug und bleiben selbst während der Wintermonate in hiesigen Gefilden, berichtet Fischer. Er hält es für vorstellbar, dass sich manch hiesige Arten, die derzeit noch als Zugvögel gelten, zu echten Standvögeln entwickeln, wenn der Trend zu den milderen Wintern anhält. Welche Auswirkungen das veränderte Zugverhalten der Vögel auf das Ökosystem hat, ist unklar.

Biologe Fischer fürchtet jedoch Konfliktpotenzial zwischen Mensch und Tier, wenn etwa Gänse, die in Sachsen-Anhalt bislang meist nur einen Zwischenstopp auf dem Weg gen Süden einlegen, möglicherweise künftig hier überwintern und sich dabei auf hiesigen Ackerflächen niederlassen. Und auch wenn milde Temperaturen im Winter für viele einheimische Vögel von Vorteil seien, gelte das nicht für den Klimawandel insgesamt, betont Stefan Fischer. Denn die zunehmende Trockenheit führe dazu, dass im Frühjahr Feuchtgebiete schneller austrocknen – und zahlreiche Vogelarten dadurch ihren Lebensraum verlieren.

Mücken: Neue Arten, steigende Risiken

Auf kalte Winter folgt ein mückenarmer Sommer – so lautet eine weitverbreitete Annahme. Doch ist sie auch wahr? "Nein", sagt Helge Kampen, "das ist tatsächlich ein Irrglaube." Kampen ist Biologe am Friedrich-Loeffler-Institut auf der Insel Riems bei Greifswald und einer der führenden Mückenforscher hierzulande. Er muss es also wissen. Tatsächlich seien die über 50 einheimischen Mückenarten sehr gut an kalte Winter angepasst, sagt Kampen. Es gebe sogar die – noch nicht durch Studien belegte – Vermutung, dass sie milde Temperaturen im Winter schlechter vertragen als eisige Kälte.

Wer nun schlussfolgert, dass wir bei milderen Wintern künftig mit weniger lästigen Mückenstichen im Sommer rechnen müssen, liegt jedoch ebenso falsch. Denn anders als bei den einheimischen Arten sieht die Lage bei invasiven, also "eingeschleppten" Mücken aus, berichtet Kampen.

Die Asiatische Tigermücke gilt als besonders aggressive Stechmücke. Bildrechte: imago images/Blickwinkel

Die Asiatische Tigermücke etwa mag es gerne warm. Diese "sehr aggressive Art, die auch tagsüber sticht", wie Kampen sagt, bevölkert bereits so manchen Landstrich in Süddeutschland. "Diese Art wird sich künftig besser entwickeln und die Winter besser überstehen, wenn es wärmer wird", sagt Kampen. Bis sie sich weiter gen Norden ausbreitet und auch Sachsen-Anhalt erreicht, sei es wohl nur eine Frage der Zeit. In Thüringen wurden die auffällig gestreiften Insekten bereits gesichtet. Das Problem dabei:

Asiatische Tigermücken sind hocheffiziente Überträger von vielen Viren.

Helge Kampen, Mückenforscher

So seien zum Beispiel in Südeuropa, wo die Mückenart schon weit verbreitet ist, Ausbrüche von Chikungunya- und Dengue-Fieber durch von den Insekten übertragene Viren beobachtet worden.

Für Deutschland gibt der Biologe zwar derzeit Entwarnung: "Bislang gab es in Deutschland keinen Fall von Krankheitsübertragungen durch die Asiatische Tigermücke. Das Risiko ist aktuell sehr gering." Zu befürchten sei allerdings, dass es künftig steige.

Pollenallergien: Längere Leidenszeit und aggressivere Pollen

Tränende Augen, triefende Nase, lästiges Niesen: Fast jeder und jede Fünfte hat eine oder mehrere Pollenallergien – und die Leidenszeit für Betroffene wird dank der milden Winter immer länger. "Wir haben inzwischen kaum noch pollenfreie Zeiten. Die Frühblüher-Saison begann zum Beispiel mal im März, jetzt ist das deutlich zeitiger der Fall", sagt Professor Jens Schreiber, Direktor der Universitätsklinik für Pneumologie in Magdeburg.

Mitunter gebe es bereits Jahre ohne pollenfreie Phase. Parallel zu den länger werdenden Pollenflugphasen wird auch die Pollenbelastung insgesamt immer intensiver, berichtet Jens Schreiber. Ein Grund: Pollen werden durch Umweltschadstoffe wie etwa Feinstaub und Stickoxide immer aggressiver, setzen also mehr von den Eiweißen frei, die bei manchen Menschen Allergien auslösen.

Aber auch frostarme Winter und steigende Temperaturen spielen eine Rolle: Sie begünstigen, dass sich in Deutschland Pflanzen ausbreiten, die hier bislang nicht heimisch waren und neue, teilweise besonders starke Allergien hervorrufen. Die ursprünglich aus Nordamerika stammende Ambrosia sei dafür ein gutes Beispiel, sagt Jens Schreiber.

Ich halte es für wahrscheinlich, dass sich bei uns künftig weitere, neue Allergien entwickeln, die durch eingeschleppte Pflanzen ausgelöst werden.

Jens Schreiber, Professor für Pneumologie

Zumindest einen kleinen Hoffnungsschimmer beobachtet der Pneumologe jedoch: Die Zahl der Menschen, die unter Heuschnupfen und anderen allergischen Erkrankungen leiden, stieg lange Zeit stetig an, sei nun aber auf hohem Niveau stabil.

Winterdienst: Viele Einsätze trotz geringer Schneemengen

Mehr als 2.000 Kilometer Bundesstraßen, rund 4.000 Kilometer Landesstraßen und etwa 4.300 Kilometer Kreisstraßen verlaufen kreuz und quer durch Sachsen-Anhalt, dazu kommen 507 Autobahnkilometer. Wenn nun die Winter milder und schneeärmer werden, müssten dann die Straßen nicht winters sicherer, weil weniger vereist oder verschneit sein? Und müssten demzufolge die Winterdienste im Land nicht immer weniger zu tun haben?

Trotz weniger Schnee sind die Winterdienste im Land oft im Einsatz. Bildrechte: MDR/Matthias Strauß

Pressesprecher Peter Mennicke vom für die Bundes- und Landesstraßen zuständigen Ministerium für Infrastruktur und Digitales (MID) beantwortet eine entsprechende Anfrage von MDR SACHSEN-ANHALT mit Zahlen: So wurden beispielsweise auf den Landesstraßen in Sachsen-Anhalt im Winter 2016/17 vier Tonnen Streusalz pro Kilometer ausgebracht, im – ungewöhnlich kalten und schneereichen – Winter 2020/21 waren es sogar mehr als neun Tonnen, im eher milden Winter 19/20 dagegen nur 2,4 Tonnen.

Ähnlich diffus ist das Bild bei der Zahl der Streutage: Während im Winter 16/17 an 79 Tagen auf Sachsen-Anhalts Straßen gestreut wurde, waren es im Winter 20/21 71 Streutage und ein Jahr zuvor 75. Eine Tendenz lässt sich aus den Daten des MID jedenfalls nicht ablesen, möglicherweise auch, weil die Zahlen nicht weit genug in die Vergangenheit reichen. MID-Sprecher Peter Mennicke hat eine weitere Erklärung parat: "Grund dafür, dass der Verbrauch an Streumitteln nicht so gering ist, wie man bei den sehr geringen Schneemengen in unserer Region erwarten könnte, ist, dass es in den Morgenstunden oft sehr feucht war, und das bei Temperaturen um den Gefrierpunkt."

Die Mitarbeitenden im Winterdienst müssten sich keine Sorgen um ihre Jobs machen, es sei keine Reduzierung von Personal und Technik geplant, richtet Mennicke noch aus. Und für die Autofahrerinnen und -fahrer auf Sachsen-Anhalts Straßen heißt es weiterhin: Während der Wintermonate ist trotz steigender Temperaturen besondere Vorsicht angesagt.

Bildrechte: Magnus Wiedenmann

Über den AutorLucas Riemer arbeitet seit Juni 2021 bei MDR SACHSEN-ANHALT. Der gebürtige Wittenberger hat Medien- und Kommunikationswissenschaft in Ilmenau sowie Journalismus in Mainz studiert und anschließend mehrere Jahre als Redakteur in Hamburg gearbeitet, unter anderem für das Magazin GEOlino.

Bei MDR SACHSEN-ANHALT berichtet er vor allem über kleine und große Geschichten aus den Regionen des Landes.

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MDR (Lucas Riemer)

Dieses Thema im Programm:MDR FERNSEHEN | Thüringen Journal | 21. Februar 2022 | 19:00 Uhr