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Computer statt AckerWie sich die EU auf die Landwirtschaft auswirkt

16. Mai 2024, 16:40 Uhr

In einer Serie vor der Europawahl am 9. Juni geht MDR SACHSEN-ANHALT der Frage nach, wie Menschen hierzulande von der Europäischen Union profitieren. Im dritten Teil geht es um die Landwirtschaft. Mit über 50 Milliarden Euro jährlich ist sie der zweitgrößte Posten im EU-Haushalt, fast jeder dritte Euro fließt in die Landwirtschaft. Viele der rund 4.000 landwirtschaftlichen Betriebe in Sachsen-Anhalt erhalten Gelder von der Europäischen Union – so auch die Landwirte Sven Borchert und Paul Ohst.

Im Bereich des Ackerbaus ist Sven Borchert als Betriebsleiter der Betriebsgemeinschaft GbR Groß Germersleben Experte. Auf seinen Feldern bei Oschersleben im Landkreis Börde gedeihen Dinkel, Gerste oder Weizen, aber auch Mais, Zuckerrüben und Kartoffeln werden konventionell angebaut. Etwa 1.600 Hektar Land bewirtschaftet der Betrieb und zählt damit zu den großen landwirtschaftlichen Betrieben in Sachsen-Anhalt. Von den pro Hektar ausgezahlten EU-Fördergeldern profitiert er daher natürlich.

Doch auch für den Bio-Landwirt Paul Ohst mit seinem kleinen Betrieb in Paplitz im Jerichower Land sind die EU-Gelder wichtig. Auf lange Sicht würde er sich aber wünschen, auf die Subventionen verzichten zu können – das hieße jedoch auch, die Lebensmittel müssten teurer werden.

Die EU hat mit ihren Gesetzesvorgaben sehr großen Einfluss auf unsere tägliche Arbeit.

Sven Borchert, Landwirt

EU-Förderung hat großen Einfluss auf die Arbeit  

Als Landwirt kommt Sven Borchert täglich mit Vorschriften der Europäischen Union in Kontakt. Zusätzlich zu den Einnahmen aus der Landwirtschaft erhält sein Betrieb Mittel aus der europäischen Agrarförderung. Pro Hektar werden etwa 150 Euro ausgezahlt, davon profitieren vor allem große Betriebe mit viel Fläche. Um Fördermittel von der EU zu erhalten, müssen Landwirte jedoch bestimmte Leistungen erbringen. Diese betreffen nicht nur den Ackerbau, sondern unter anderem den Pflanzenschutz, das Tierwohl oder die Düngung.

Europa ist weltweit größter Importeur und Exporteur von Agrarprodukten 

"Die EU hat mit ihren Gesetzesvorgaben sehr großen Einfluss auf unsere tägliche Arbeit", erzählt Borchert. Klima- und Umweltauflagen müssen beachtet werden, um einen guten landwirtschaftlichen und ökologischen Zustand der Flächen zu gewährleisten. Und das kostet Geld. "Pro Hektar kosten uns die Leistungen mindestens schon 100 Euro, vielleicht auch 110 Euro."

Sven Borchert prüft das heranwachsende Getreide auf seinen Feldern. Bildrechte: MDR/Engin Haupt

Trotzdem sind die Zuwendungen sind für viele Betriebe überlebenswichtig. Nicht nur finanziell hat die EU Vorteile für Sven Borchert. Auch beim Kauf von Produktionsmitteln und dem Verkauf seiner Produkte profitiert er, denn Europa ist weltweit der größte Importeur und Exporteur von Agrarprodukten und Lebensmitteln.

Vor dem Computer statt auf dem Acker  

Anstatt auf dem Traktor, verbringt Sven Borchert inzwischen viel Zeit am Schreibtisch, umgeben von Unterlagen und Aktenordnern statt von der Natur. Hier muss er sich mit komplizierten Antragsverfahren und Vorschriften auseinandersetzen, die ihm von der EU auferlegt werden. Und das kostet Zeit. Denn um an die Fördergelder zu kommen, müssen Auflagen erfüllt und aufwendig dokumentiert werden.

Wir sind schon sehr stark frustriert.

Sven Borchert | Landwirt

Mittlerweile benötigt er für den Bürokratieaufwand eine volle Arbeitskraft. Sein Feldbauleiter unterstützt ihn im Betrieb mit dieser Aufgabe. Trotzdem: "Wir sind schon sehr stark frustriert, dass wir diese Dinge über uns ergehen lassen und erledigen müssen." Noch nimmt er das in Kauf, weil die Zuwendungen nach wie vor wichtig für den Betrieb seien. "Wir sind nach wie vor bereit, dieses bürokratische Monster auf uns zu nehmen und den Antrag zu stellen."

Sollte die EU die Beihilfen aber weiter reduzieren, kann Borchert sich vorstellen, die Anträge nicht mehr zu stellen und auf das Geld zu verzichten. Dann müsste der Betrieb auch viele der Auflagen wie die Flächenstilllegung oder die Fruchtfolge nicht mehr einhalten. Sein Wunsch: "In eine vernünftige Landwirtschaftspolitik und in eine vernünftige Gesetzgebung gehört auch ein Stück Vertrauen und nicht nur Kontrolle."

Bio- statt Großbetrieb

Hinter elektrischen Weidezäunen sitzen die Pyrenäenberghunde Ida und Erna inmitten von unzähligen Rhönschafen. Sie leben bei der Herde und beschützen die Lämmer von Bio-Landwirt Paul Ohst, die erst vor einigen Wochen vom Stall auf die Weide gewechselt sind. Er ist Betriebsleiter des Biolandhofs Ohst in Paplitz an Sachsen-Anhalts Grenze zu Brandenburg.

Paul Ohst mit seinen beiden Herdenschutzhunden. Zusammen mit einem stabilen Elektrozaun sollen sie den Wolf fernhalten. Bildrechte: MDR/Engin Haupt

Neben seinem Landwirtschaftsstudium führt er den Hof im Nebenerwerb, zusammen mit seinem Vater und seinem Bruder. Hier werden etwa 75 Hektar Acker und Wiese bewirtschaftet. Mit der Größe zählt der Familienbetrieb zu den kleinen Höfen in Sachsen-Anhalt. Auch Paul Ohst wird als Bio-Landwirt durch die Fördermittel der Europäischen Union unterstützt.  

Ohst betreibt Ackerbau und Lammzucht. Seinen Hof bewirtschaftet er seit 2013 nach Biolandvorschriften. Die Kulturen, die er anbaut, sind vielfältig. Auf seinen Feldern gedeihen unter anderem Dinkel, Hafer oder Weizen. In diesem Jahr probiert er es auch das erste Mal mit weißen Lupinen. Außerdem produziert er Bio-Lammfleisch. Auf den grünen Weiden hält er 130 Mutterschafe. Die Lämmer verkauft Ohst an Schlachthäuser. Da sich Bio-Lämmer schlecht verkaufen, vermarktet er sie konventionell. Und das, obwohl er sich als Biobetrieb an strengere Auflagen der EU halten muss. Die Bio-Landwirtschaft betreibt er vor allem aus Überzeugung.  

Angewiesen auf die Förderung aus der EU 

Neben dem Verkauf der Lämmer und des Bio-Getreides profitiert Paul Ohst als Bio-Landwirt von der Europäischen Union. Der Großteil seines Einkommens geht auf Fördermittel der EU zurück. Da sein Betrieb auf schlechtem Boden wirtschaftet, gab es in der Vergangenheit bereits Totalausfälle bei der Ernte.

Die EU berücksichtigt seinen Mehraufwand als Bio-Landwirt. Deswegen bekommt er pro Hektar etwa 250 Euro, also rund 100 Euro mehr als die konventionellen Betriebe. Dafür sind die zu erfüllenden Auflagen strenger.

Um am Ende den Maximalbetrag herauszuholen, braucht man schon extrem viel Kenntnis und Zeit.

Paul Ohst, Bio-Landwirt

Bürokratie allein nicht mehr tragbar 

Obwohl die Antragstellung und Dokumentation elektronisch möglich ist, ist es ein großer zeitlicher Aufwand für Paul Ohst, der seinen Hof ohnehin nur im Nebenerwerb führt. Dabei kann jeder Fehler zu finanziellen Einbußen führen. Um auf Nummer sicher zu gehen, hat er sich Hilfe geholt. "Um am Ende den Maximalbetrag herauszuholen, braucht man schon extrem viel Kenntnis und Zeit. Wir arbeiten deshalb mit einem Berater zusammen, um auf Nummer sicher zu gehen und das beste Ergebnis zu erzielen", erklärt er.

Paul Ohst auf seiner Schafweide. Bildrechte: MDR/Engin Haupt

Auch wenn Paul Ohst und Sven Borchert unterschiedliche Ansätze in ihren landwirtschaftlichen Betrieben verfolgen, der Unmut über die Bürokratie verbindet sie. Ohst ist sich sicher: "Das ist am Ende das, was jeden Landwirt am meisten nervt, dass wir jeden Abend nachhause kommen und nochmal zwei Stunden an den Schreibtisch müssen."

Die Unterstützung durch die Europäische Union ist für viele Landwirte existenziell. Gleichzeitig stellt die damit verbundene Bürokratie und Regulierung sie vor Herausforderungen. Auf die Fördergelder aus der EU können und wollen sie bisher jedoch noch nicht verzichten. "Der Wunsch ist ganz klar, dass die Erzeugnisse, die wir herstellen, den Preis im Supermarkt haben, den sie wert sind, und dass wir nicht mehr auf Förderungen angewiesen sind", so Ohst.

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MDR (Jamie Ann Meier, Engin Haupt), zuerst veröffentlicht am 15.05.2024

Dieses Thema im Programm:MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 15. Mai 2024 | 19:00 Uhr

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