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So soll der Intel-Standort in Magdeburg aussehen. (Computergrafik) Bildrechte: picture alliance/dpa/Intel Corporation

Podcast "Digital leben"Was Intel in Magdeburg für die weltweite Chip-Produktion bedeutet

von Marcel Roth, MDR SACHSEN-ANHALT

Stand: 07. Mai 2022, 13:55 Uhr

Es wird die größte Neuansiedlung in der Geschichte Sachsen-Anhalts: US-Chip-Gigant Intel will ab 2027 in Magdeburg Computerchips produzieren. Was heißt das für die weltweite Chip-Produktion? Ein Experte hat Antworten.

  • Computerchip-Experte Christof Windeck hält die Hoffnung für berechtigt, dass die Intel-Ansiedlung in Magdeburg ein Mehrwert für die Region ist.
  • Eine Gefahr, die Windeck für Intel sieht: Die Halbleiterindustrie verhalte sich zyklisch. Wenn alle Chips produzierten, würden die Preise sinken. Die Fabriken wären dann nicht mehr lukrativ.
  • Der Blick in die Zukunft des Standorts Magdeburg ist schwierig: Die Chip-Herstellung ist von globalen Zulieferungen abhängig.

Er ist einer der bekanntesten Computerchip-Journalisten Deutschlands: Christof Windeck. Er berichtet seit mehr als 20 Jahren für die Fachzeitschrift "c’t" über Computerchips und leitet dort das Hardware-Ressort der Zeitschrift.

Im Podcast "Digital leben" von MDR SACHSEN-ANHALT ordnet Windeck die Intel-Ansiedlung in Magdeburg ein und beantwortet auch die Frage, was bei einer Chip-Fabrik alles schiefgehen kann.

Herr Windeck, was heißt es für die Chipindustrie weltweit, wenn in Magdeburg jetzt erst einmal zwei und am Ende vielleicht acht Chip-Fabriken stehen?

Das heißt vergleichsweise wenig. Geschätzt rund zehn Prozent der weltweiten Chip-Fertigung findet in der EU statt. Der mit Abstand größte Auftragsfertiger hat seinen Sitz in Taiwan. Ein Auftragsfertiger ist ein Hersteller, der Chips für andere Firmen anfertigt, die die Chips entwickelt haben. Und der mit riesigem Abstand größte ist Taiwan Semiconductor Manufacturing oder TSMC. Der nächstgrößere gehört zu Samsung. Mit diesen Firmen will Intel in Zukunft konkurrieren und baut weltweit Kapazitäten aus. Und die EU möchte bis 2030 die Chip-Fertigung vervierfachen.

Fachjournalist Christof Windeck Bildrechte: Heise-Verlag

Und was bedeutet die Ansiedlung für Intel selbst?

Intel ist immer dann, wenn die Speicherpreise nicht so hoch sind, der umsatzstärkste Halbleiterhersteller der Welt. Sind die Speicherpreise hoch, dann liegt immer Samsung vorn, weil Samsung der größte Speicherhersteller der Welt ist. Daran sieht man, dass es ganz unterschiedliche Chips gibt, die auch unterschiedliche Fabriken brauchen. Viele kennen auch AMD, die haben keine eigenen Fabriken, sondern lassen zum Beispiel bei TSMC herstellen.

Intel und Samsung tun aber eben beides: Chips entwickeln und fertigen. Und Intel produziert auch für andere schon seit vielen Jahren Chips. Aber das ist eher so ein Nebenerwerb gewesen. Und das soll jetzt ein ganz wichtiges, großes Standbein werden.

Wie finden Sie es, so eine Fabrik in Sachsen-Anhalt zu bauen?

Ich kann das nicht beurteilen. Es sind unheimlich komplexe Entscheidungen. Es gibt ja eine Parallele: Intel hat auch in Ohio ein ähnlich großes Werk angekündigt – auch in einer wirtschaftlich strukturschwachen Region, wo zum Beispiel große Gewerbeflächen verfügbar sind.

Persönlich finde ich es sehr gut, wenn Chips auch in entwickelten Nationen gefertigt werden. Denn ich finde es ungeschickt, Dinge an andere Leute auszulagern, die dann den Schmutz und den Energieverbrauch haben, während wir hier die sauberen Produkte genießen. Außerdem kann man hier um fair bezahlte Arbeitsplätze kämpfen.

Es ist gut, wenn jeder seinen Dreck selbst wegräumt.

Christof Windeck, "c't"

Aber die Vorprodukte für die Chipherstellung kommen nicht von hier.

Darüber könnten wir jetzt sehr lange sprechen. Vom amerikanischen Verband der Chiphersteller gibt es eine Zahl, dass manche Chipwerke bis zu 15.000 Zulieferer haben. Die verarbeiten Produkte quer durch das Periodensystem der Elemente, viele davon in hochreiner Qualität. Die Chipindustrie ist in sich total global.

Christof Windeck erklärt im Podcast "Digital leben" den Prozess der Chip-Herstellung

Chips sind ja letztlich Siliziumscheiben, auf denen später kleine Strukturen erzeugt werden, also Transistoren. Diese Scheiben werden Waver genannt und sind heutzutage so groß wie eine Schallplatte, 300 Millimeter. Auf einem Waver können bis zu 30.000 Chips sitzen. Die werden dann klein gesägt und in kleinen Gehäuse verpackt. Das sind dann diese kleinen dunklen "Käferchen", wie man sie auf den Platinen sieht. Die Bearbeitung eines Quadratmillimeters kostet immer ungefähr gleich viel. Und je mehr Transistoren sich auf derselben Fläche unterbringen lassen, umso leistungsfähiger wird ein Chip.

Je mehr Transistoren ich auf dieselbe Fläche bringen kann, umso mehr Rechenwerke kann ich da zum Beispiel draufmachen. Umso schneller rechnet der Chip. Da spielen natürlich noch andere Faktoren eine Rolle, aber das ist erst mal ein so die Grundidee. Und deswegen versucht die Industrie so schnell es geht, die Strukturen zu verkleinern.

Die Herstellung ist unfassbar kompliziert. Es gibt jetzt einen Belichter von der niederländischen Firma ASML für die feinsten Strukturen mit extrem ultraviolettem Licht. Das ist eine der kompliziertesten Maschinen, die die Menschheit entwickelt hat. Die Maschine kommt in sechs oder sieben Jumbo-Jets zu Intel. Dort stehen dann Dutzende davon. Deswegen sind die auch so wahnsinnig teuer und die macht nur einen einzigen Prozessschritt von hunderten. Die muss zum Beispiel einen Waver elektrostatisch ansaugen und im Vakuum so befestigen, dass man auf zwei Nanometer genau irgendetwas positionieren kann.

Subventionen sollen ja Forschung und Entwicklung fördern. Wie plausibel ist das?

Die Hoffnung ist wohl berechtigt, dass es einen Mehrwert für die Region gibt und auch Know-how entsteht. Die EU sagt, wir dürfen uns bei der Chipfertigung nicht komplett abhängen lassen. Wir lernen gerade, wie bitter Abhängigkeiten sein können. Insofern ist die Chip-Fertigung ein Wert an sich. Das zweite ist aber, dass wir in Mitteleuropa kaum Entwickler von derart komplexen Chips haben. Der wichtigste Chip-Konsument in Mitteleuropa ist die Automobilindustrie. Und die wollen eben lernen, wie man eigene Chips baut, um autonomer zu werden.

Warum geht es bei Chips eigentlich immer darum, sie möglichst kleiner zu machen?

Bei diesen feinsten Strukturen geht es fast immer um sogenannte Logik-Chips. Die braucht man zum Beispiel in Autos: für mehr Rechenleistung, KI-Funktionen und automatische Kameras. Außerdem können Chips oft sparsamer werden, wenn die Transistoren kleiner werden. Wir kennen das von unseren Smartphones, bei denen eine Aufladung immer länger hält. Deswegen möchte man immer kleiner werden. Und in der EU gibt es keine Firma, die solche allerfeinsten Strukturen fertigen kann. Und Intel hat einen Plan aufgestellt, wie sie das schaffen wollen. Und jetzt eben auch in Europa.

Mitunter wird ja auch von zwei Nanometern geredet. Ist das erfüllbar?

Ja. Wir sind schon längst an dem Punkt, dass atomare Strukturen in Sichtweite kommen. Kleiner geht es dann tatsächlich nicht mehr. Aber man entdeckt die dritte Dimension und setzt zum Beispiel mehrere Transistoren übereinander, so dass man auf derselben Fläche trotzdem mehr draufkriegt. TSMC plant ab 2026 auch Strukturen in dieser Größenordnung. Das ist schon glaubwürdig.

Informatiker der Uni Magdeburg haben mir neulich gesagt, dass sie für einen neuen Server auf Intel-Chips verzichtet haben, weil die zu viel Strom verbrauchen.

Ja, das ist im Moment so. Es gibt bestimmte Bereiche, wo AMD einen effizienteren Prozessor liefert. Und es gibt auch konkurrierende Prozessor-Konzepte, die in bestimmten Bereichen noch effizienter sein können. Das hängt immer von der Anwendung ab.

Deswegen gibt es ja viele verschiedene Prozessoren.

Christof Windeck, "c't"

Was kann bei Intel in Magdeburg eigentlich schiefgehen? Welche Gefahren sehen Sie?

Die Halbleiterindustrie hat sich in den vergangenen Jahrzehnten oft zyklisch verhalten. Das kann man auch Schweinezyklus nennen, nach dem Fleischmarkt in Chicago Anfang des 20. Jahrhunderts. Weil alle Bauern Schweine gezüchtet haben, gab es ganz viele Schweine auf dem Markt und die Preise krachten zusammen. Wenn jeder dasselbe anbietet, fallen die Preise. Das passiert auch in der Halbleiterindustrie immer wieder.

Die Chip-Fabriken funktionieren aber nur dann lukrativ, wenn sie nahezu voll ausgelastet sind. Also für 2027 ist vermutlich schon vieles klar. Aber so ein Werk soll 20 Jahre laufen. Und wir haben es in Dresden bei Globalfoundries gesehen, die die ehemaligen AMD-Fabriken übernommen haben und Auftragsfertiger sind: Dort gab es bis vor ein paar Jahren noch Kurzarbeit.

Eine Wette darüber, ob Magdeburg in 15 Jahren also eine Hochburg der Chip-Entwicklung und Fertigung ist, würden Sie also nicht abschließen?

Das finde ich tatsächlich schwierig. Zehn Jahre läuft das sicher, aber 15 Jahre ist ein schwer überschaubarer Zeitraum. Es ist eine sehr energieintensive Branche, sie braucht den Nachschub aus der ganzen Welt. Und wir sehen in der Ukraine, es gibt Risiken, die gar nicht technischer Natur sind.

Ich habe im Moment das Gefühl, wenn man in die Zukunft blickt, ist überhaupt nichts mehr sicher. Man kann nur hoffen und lernen, das Schicksal selbst in die Hand zu nehmen, anstatt irgendwo billig einzukaufen.

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MDR (Marcel Roth)

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