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HeimatgeschichteWarum eine "Laus" die Menschen in Bismark verbindet

27. Mai 2024, 14:03 Uhr

Der Heimatverein "Goldene Laus" Bismark hat am Sonntag sein 20-jähriges Bestehen gefeiert. Mit einem tiefen Seufzer der Erleichterung bei vielen: Eigentlich sollte der Verein 2006 aufgelöst werden. Eine gebürtige Sangerhäuserin hat ihn am Leben erhalten.

Ruth Rothe nennt zwei Orte in Sachsen-Anhalt ihre Heimat. Geboren wurde sie vor 74 Jahren in Sangerhausen; noch immer genießt sie Ausflüge dorthin: "Ich liebe mein Rosarium und die Stadt." Seit 1997 aber, seit sie in Bismark in der Altmark wohnt, schlägt ihr Herz mindestens genauso intensiv für die 3000-Einwohner-Stadt und für ihr Wahrzeichen, die "Goldene Laus".

Der Feldsteinturm einer ehemaligen Wallfahrtskirche ragt fast 28 Meter in die Höhe, ist schon von weitem genauso gut zu sehen wie der Turm der Stadtkirche. Die "Laus" hat eine lange Geschichte, um ihren Namen ranken sich Sagen und Legenden.

Der Turm "Laus wurde vor etwa 900 Jahren als Teil einer Kirche errichtet. Bildrechte: MDR/ Katharina Häckl

Wie aus einer Wallfahrtskirche die "Laus" wurde

Vor 900 Jahren bauten die Bismarker Bürger die Wallfahrtskirche "Zum heiligen Kreuz"; ihre Stadt war ein beliebter Pilgerort geworden. Dort, wo "die Laus" steht, soll damals ein brennendes Kreuz vom Himmel gefallen sein. Diese Sage machte den Ort zu einer heiligen Stätte für Pilger. Sie kamen zu tausenden in das Städtchen. Die Bismarker machten gute Geschäfte mit den Fremden und verzierten das eiserne Eingangstor des Turms der neuen Kirche mit der goldenen Schrift "Laus Deo", zu deutsch: Gott zur Ehre.

Nachdem Papst Clemens VI. das Pilgern nach Bismark verbot, verfiel die Kirche und mit ihr die goldene Inschrift. Übrig blieb "Laus"; daraus machten die Bismarker "Goldene Laus".

Ruth Rothe liebt die Geschichten rund um das Wahrzeichen der Stadt. Und die Tatsache, dass es zu beinah allen Zeiten Menschen gegeben hat, die ihren Abriss verhindert haben, obwohl der Turm zeitweise verfiel und ein Teil seiner Steine im Ort anderweitig verbaut wurde. "Immer wieder haben sich Leute gefunden, die gesagt haben, nein, die 'Laus' muss stehenbleiben", schwärmt Rothe. So lange sie lebt, will sie auch einer dieser Menschen sein.

Es sind etliche Stufen bis unters Dach der "Laus". Der Turm ist im Rahmen von Führungen begehbar. Für einen neuen goldenen Überzug für die Laus an der Wand sammelt Ruth Rothe jetzt Spenden. Bildrechte: MDR/ Katharina Häckl

Förderverein rettet maroden Turm

Nach der Wende hatte sich ein Förderverein gegründet, um den zu DDR-Zeiten verfallenen Turm wiederaufzubauen. Binnen weniger Jahre wurde das Realität. Besonders stolz ist Ruth Rothe darauf, dass die "Laus" im Rahmen von Führungen begehbar ist, dass man also die vielen Stufen bis nach oben steigen und den Blick über Bismark schweifen lassen kann.

Allerdings: Als die Sanierungsarbeiten 2006 beendet waren, sollte der Förderverein aufgelöst werden; nun war ja alles in Ordnung. Ruth Rothe hat mit vielen Menschen lange gesprochen über die Notwendigkeit, sich weiter für die "Laus" zu engagieren. So ein altes Gemäuer, sagt sie, braucht doch immer mal Hilfe. So wurde aus dem Förderverein der Heimatverein - auf Initiative der gebürtigen Sangerhäuserin.

Ruth Rothe hat das Arbeitsfeld des Heimatvereins mittlerweile erweitert. In Nachbarschaft zur "Goldenen Laus" entstand ein mittelalterlicher Kräutergarten, im Bürgerhaus, einem ansehnlichen Fachwerkhaus direkt am Markt in Bismark, richtete sie eine Heimatstube ein. Dort hat Wilhelm "Papa" Lüdecke ein extra Zimmer, ebenfalls auf Betreiben von Ruth Rothe. Lüdecke war Musikverleger und Komponist. Geboren 1868 in Bismark, gestorben 1938 ebendort.

Einige seiner Stücke gehören noch heute zum festen Repertoire von Blasorchestern. Lüdecke hat mit seiner Musik für gute Stimmung gesorgt, das gefällt Ruth Rothe. Ab und zu drückt sie die Play-Taste des alten DDR-Kassettenrekorders in "Papa" Lüdeckes Museums-Raum und schwooft ein bisschen mit.

Der mittelalterliche Kräutergarten entstand durch Ruth Rothes Initiative direkt neben der Goldenen Laus. Bildrechte: MDR/ Katharina Häckl

Kaum Nachwuchs für den Heimatverein

Nach dem Feiern des Vereinsjubiläums wird sich Ruth Rothe wieder den aktuellen Sorgen zuwenden. Ein Sturm hatte Ziegel vom Dach der "Goldenen Laus" gefegt. Der Auftrag an eine Fachfirma sei längst erteilt, bestätigte ihr Einheitsgemeindebürgermeisterin Annegret Schwarz zum Jubiläumstag noch einmal. Doch wann das Haupt der "Laus" repariert wird, steht in den Sternen.

Ruth Rothes zweite Hauptsorge ist, Nachwuchs für den Heimatverein zu finden. Die aktiven Mitglieder sind zum großen Teil längst Rentner, Rothe selbst ist im Februar 74 geworden. Nicht nur beim Treppensteigen hoch in die "Laus" geht ihr langsam die Puste aus.

Zumal sie noch andere Ämter und Verpflichtungen hat. So ist sie zum Beispiel seit Juni 2017 Ortsbürgermeisterin in Bismark, aktiv in ihrer Partei Die Linke, arbeitet im Stadtrat und seinen Ausschüssen, beackert den Kräutergarten und will nun noch – im Rahmen des Heimatvereins – die Geschichtsforschung über Bismark vorantreiben. Zum Beispiel, sagte sie MDR SACHSEN-ANHALT, sei noch immer nicht endgültig geklärt, ob die Familie von Bismarck nicht doch aus Bismark stamme.

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MDR (Katharina Häckl, Oliver Leiste)

Dieses Thema im Programm:MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 27. Mai 2024 | 07:30 Uhr

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