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Viele Tierärztinnen und Tierärzte leiden unter der großen Arbeitsbelastung. Bildrechte: MDR/Lucas Riemer

Depressionen und SuizidgedankenWarum Tierärzte häufig psychische Probleme haben

von Lucas Riemer, MDR SACHSEN-ANHALT

Stand: 14. August 2022, 20:20 Uhr

Wer Tierarzt ist, hat einen vermeintlichen Traumberuf. Doch tatsächlich leiden auch in Sachsen-Anhalt viele Veterinäre unter mentalen Problemen bis hin zu Suizidgedanken. Was sind die Gründe dafür – und wie könnte die psychische Gesundheit der Tiermediziner verbessert werden?

Katharina Gratzke steht in weißer Hose und blauem Shirt an ihrem Behandlungstisch. Vor ihr sitzt in einer weinroten Kiste Zwergkaninchen Muckel. Vor ein paar Tagen musste Katharina Gratzke ihm ein Hinterbein amputieren. "Das war kompliziert gebrochen, da kann man bei Zwergkaninchen kaum etwas anderes machen", sagt die Tierärztin. Inzwischen geht es Muckel schon etwas besser, die Wunde verheilt gut, Katharina Gratzke ist zufrieden. Noch eine Spritze, dann darf seine Besitzerin das Zwergkaninchen wieder mit nach Hause nehmen.

Es folgen im Behandlungszimmer: Kater Max, der Schmerzen an der Pfote hat und von Katharina Gratzke mit zwei Spritzen versorgt wird, und danach Tibet-Terrier-Mischling Leila, die von ihrer Besitzerin zur jährlichen Vorsorgeuntersuchung inklusive Ultraschall gebracht wird. Alltag an einem Donnerstagvormittag in der Praxis von Katharina Gratzke in Gommern. "Das macht den Beruf so reizvoll", sagt sie. "Jeder Tag ist anders, man trifft jeden Tag auf neue Tiere und Menschen und muss andere Probleme lösen."

Traumberuf mit Schattenseiten

Doch der vermeintliche Traumberuf hat Schattenseiten, von denen auch Katharina Gratzke zu berichten weiß. Die 44-Jährige ist eine von insgesamt rund 330 niedergelassenen Tierärztinnen und Tierärzten in Sachsen-Anhalt. Seit 20 Jahren arbeitet sie als Tierärztin, seit 2015 selbstständig und gemeinsam mit einer Kollegin als Inhaberin einer Tierarztpraxis in Gommern.

Katharina Gratzke betreibt seit 2015 mit einer Kollegin eine Tierarztpraxis in Gommern. Bildrechte: MDR/Lucas Riemer

"Es ist in der Zeit ein anderes Arbeiten geworden", sagt Gratzke. "Die Tendenz, die Tiere medizinisch behandeln zu lassen, ist in den letzten 20 Jahren deutlich gestiegen. Es werden sehr viele spezielle Operationen durchgeführt, Tiere werden zu anderen Ärzten überwiesen, das war früher überhaupt nicht der Fall. Menschen kommen heute viel öfter mit ihren Tieren zum Tierarzt und sind auch bereit, deutlich größere Summen für Behandlungen zu investieren."

Zahl der Haustiere steigt

Zudem kommen immer mehr Menschen auf den Hund, die Katze oder das Meerschweinchen. Während Statistiker deutschlandweit im Jahr 2007 rund 23,2 Millionen Haustiere zählten, waren es 2021 zirka 34,7 Millionen. Offizielle Zahlen zum gesamten Haustierbestand in Sachsen-Anhalt gibt es zwar nicht, doch ein Blick ins Hunderegister des Landesverwaltungsamtes verrät, dass auch hierzulande die Tendenz stark zunehmend sein dürfte. So waren 2013 etwa 55.000 Hunde in Sachsen-Anhalt registriert. Im Januar 2022 waren es rund 158.000 und damit fast dreimal so viele wie neun Jahre zuvor.

Für Tierärztinnen wie Katharina Gratzke aus Gommern bedeutet das: immer mehr Arbeit, bis an die Belastungsgrenze und teilweise darüber hinaus. Denn obwohl es immer mehr Haustiere und immer mehr Behandlungen gibt, sinkt nach Angaben der Landestierärztekammer die Zahl der niedergelassenen Tierärzte in Sachsen-Anhalt – von 388 im Jahr 2001 auf 334 im Jahr 2021.

Zeitweise ein Tierarzt für den kompletten Landkreis

Zwar stieg die Zahl der in Praxen angestellten Tierärzte im selben Zeitraum spürbar, von 55 auf 196. Doch Überstunden, Nacht- und Wochenenddienste bleiben meist an den niedergelassenen Tierärztinnen und Tierärzten hängen. "Für Angestellte gelten Arbeitszeitgesetze, für Selbstständige nicht", sagt Katharina Gratzke. "60-Stunden-Wochen sind für uns deshalb keine Seltenheit."

Weil sich immer mehr Menschen Haustiere anschaffen, sind die Wartezimmer in den Tierarztpraxen voll. Bildrechte: MDR/Lucas Riemer

Mit sieben Kolleginnen und Kollegen teilt sie sich die Wochenenddienste für den kompletten Landkreis Jerichower Land. Etwa alle acht Wochen ist sie neben dem normalen Praxisbetrieb von Freitagabend bis Montagmorgen alleine für alle Haustiere im Landkreis zuständig, dazu kommen regelmäßige Bereitschaftsdienste während der Nacht. Jederzeit kann dann das Handy neben dem Bett klingeln, weil irgendwo zwischen Gommern und Genthin ein Kaiserschnitt bei einer Hündin ansteht oder eine gebrochene Katzenpfote eingegipst werden muss.

Viele Veterinäre leiden unter psychischen Problemen

Wie sich die Arbeitsbelastung der Tiermediziner in Deutschland auf deren psychische Gesundheit auswirkt, hat ein Team von Forscherinnen der Universität Leipzig und der Freien Universität Berlin untersucht – und ist zu teils erschreckenden Ergebnissen gekommen. Die Wissenschaftlerinnen befragten mehr als 3.100 Tierärztinnen und Tierärzte aus ganz Deutschland, darunter 60 aus Sachsen-Anhalt.

Etwa 20 Prozent der Teilnehmenden berichteten von Suizidgedanken in der jüngsten Vergangenheit, mehr als jeder Vierte hatte klinisch auffällige Depressivitätswerte, ein Drittel ein erhöhtes Selbstmordrisiko. Werte, die vier- bis sechsmal höher liegen als in der Gesamtbevölkerung.

"Wir waren sehr überrascht über die Ergebnisse und haben mehrfach nachgerechnet, weil die Zahlen so hoch sind", sagt die Psychologin Lena Spangenberg von der Universität Leipzig, die an der Studie beteiligt war. Die Ergebnisse würden sich jedoch mit Studien aus anderen Ländern decken, in denen Tiermedizinern ebenfalls eine hohe Suizidgefahr attestiert wird, sagt sie.

Viele Ursachen, kaum Lösungen

Dass ausgerechnet Tierärzte so häufig unter psychischen Problemen leiden, sei auf eine ganze Reihe von Gründen zurückzuführen, sagt Lena Spangenberg. Da sei zum einen der Leistungsdruck, der schon an den Universitäten auf den Nachwuchsveterinären laste, und zum anderen der große Idealismus, mit dem viele Tiermediziner ins Berufsleben starteten.

"Auch die Arbeitsbedingungen, die große Zahl an Rufbereitschaften und Nachtdiensten, spielen natürlich eine Rolle", sagt Spangenberg. Sehr belastend seien für viele Tiermediziner aber auch Konflikte mit Tierbesitzern und Einschläferungen, die fast täglich zum Alltag gehören.

Wenn einen die treuen Tieraugen anschauen, bevor man die Spritze setzt, das wird nie normal, daran gewöhnt man sich nie.

Tierärztin Katharina Gratzke

Lena Spangenberg ist Psychologin an der Universität Leipzig. Bildrechte: MDR/Lucas Riemer

Tierärztin Katharina Gratzke bestätigt das. "Gerade an warmen Sommertagen leiden ältere Tiere besonders. Da kann es passieren, dass ich an einem Tag fünf Tiere einschläfern muss", sagt sie. Während die Euthanasie, wie das Einschläfern medizinisch korrekt heißt, für die Tiere eine Erlösung ist, ist es für Besitzerinnen und Besitzer bisweilen ein Drama, wenn sie sich von einem über meist viele Jahre liebgewonnenen Familienmitglied verabschieden müssen – und das für immer.

Auch Tierärztinnen wie Katharina Gratzke können ihre Emotionen dann nicht einfach ausschalten. "So etwas geht einem auch nach 20 Jahren noch nahe", sagt sie. "Wenn einen die treuen Tieraugen anschauen, bevor man die Spritze setzt, das wird nie normal, daran gewöhnt man sich nie."

Mehr Sensibilisierung für das Thema notwendig?

Von den Ergebnissen der Studie ist Katharina Gratzke nicht überrascht. "Ich kenne selbst Kollegen, die wegen ihres Jobs unter psychischen Problemen leiden", sagt sie. Es sei unter Tierärzten bekannt, dass viele in der Branche unter der Belastung psychisch leiden. Lange sei darüber kaum gesprochen worden, aber das ändere sich nun langsam, auch wenn es noch an zündenden Lösungsansätzen fehle.

"Eine Pflichtkrankenversicherung für Tiere könnte ein erster Schritt sein", sagt Gratzke. So ließen sich Debatten mit Tierbesitzern, die sich eine Behandlung ihres Vierbeiners nicht leisten können, verhindern. Gleichzeitig würden Tiermediziner nicht länger unter moralischen Konflikten leiden, weil sie ein Tier aus finanziellen Gründen nicht behandeln können.

Ich kenne selbst Kollegen, die wegen ihres Jobs unter psychischen Problemen leiden.

Tierärztin Katharina Gratzke

"Es wäre sicher nicht verkehrt, Stressmanagement und Konfliktkompetenz unter Tierärzten mehr zu etablieren und generell für das Thema zu sensibilisieren", sagt Psychologin Lena Spangenberg von der Uni Leipzig. Auch spezifische Hilfsangebote für Tiermediziner, wie es sie in anderen Ländern schon gebe, könnten eine Option sein.

Tierärzte fordern mehr Studienplätze

Katharina Gratzke ist skeptisch, ob solche Beratungsangebote von Tierärzten in Deutschland tatsächlich genutzt werden würden. "Wir sind eine eher konservative Berufsgruppe, die sich schwer damit tut, Hilfe anzunehmen", sagt sie. Die Tiermedizinerin aus Gommern plädiert dafür, dass die Universitäten die Kapazitäten bei der Ausbildung von Veterinären deutlich erhöhen, damit genügend Nachwuchskräfte auf den Markt kommen. "Derzeit gehen viele junge Menschen zum Studium ins Ausland, etwa nach Budapest, weil es hierzulande zu wenig Studienplätze gibt, obwohl überall Tierärzte fehlen", kritisiert sie.

Auch weil viele Tierbesitzer inzwischen bereit sind, komplizierte Behandlungen zu bezahlen, haben Tierärzte immer mehr zu tun. Bildrechte: MDR/Lucas Riemer

Darum, dass es zumindest bei tiermedizinischen Fachangestellten nicht zu ähnlichen Personalengpässen kommt, kümmert sich Katharina Gratzke höchstpersönlich. Wenn nicht gerade Schulferien sind, schlüpft sie neben Praxisalltag, Wochenenddiensten und Nachtschichten viermal in der Woche nach der Vormittagssprechstunde in ihre Zweitrolle als Berufsschullehrerin in Magdeburg.

Viel Zeit bleibt ihr nicht, um 20 Kilometer in die Landeshauptstadt und zurück zu fahren, zwei Stunden Azubis zu unterrichten und zwischendurch eine Kleinigkeit zu essen. Denn pünktlich um 15 Uhr muss sie zurück in Gommern sein. Dann beginnt die Nachmittagssprechstunde – und Katharina Gratzke steht wieder in weißer Hose und blauem Shirt an ihrem Behandlungstisch.

Sie haben suizidale Gedanken oder eine persönliche Krise?Die Telefonseelsorge hilft Ihnen! Sie können jederzeit kostenlos anrufen: 08001110111 ; 08001110222 oder 0800116123.

Auf der Website www.telefonseelsorge.de finden Sie weitere Hilfsangebote, etwa per E-Mail oder im Chat.

Bildrechte: Magnus Wiedenmann

Über den AutorLucas Riemer arbeitet seit Juni 2021 bei MDR SACHSEN-ANHALT. Der gebürtige Wittenberger hat Medien- und Kommunikationswissenschaft in Ilmenau sowie Journalismus in Mainz studiert und anschließend mehrere Jahre als Redakteur in Hamburg gearbeitet, unter anderem für das Magazin GEOlino.

Bei MDR SACHSEN-ANHALT berichtet er vor allem über gesellschaftliche und politische Themen aus den Regionen des Landes.

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MDR (Lucas Riemer)

Dieses Thema im Programm:MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 14. August 2022 | 19:00 Uhr

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