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MDR SACHSEN-Reporterin Anett Linke probiert für einen Nachmittag aus, wie es sich anfühlt alt zu sein. Bildrechte: MDR/Benjamin Jakob

AlterssimulationAlt sein ist uncool: Selbstversuch im Seniorenzentrum

16. Mai 2024, 15:46 Uhr

Im Rahmen der Woche der pflegenden Angehörigen gab es im Seniorenzentrum Zschopau ein besonderes Angebot: Durch eine Alterssimulation konnten Besucherinnen und Besucher selbst erleben, was es heißt, alt und auf Pflege angewiesen zu sein. MDR SACHSEN-Reporterin Anett Linke hat den Selbstversuch gewagt.

Alt sein stelle ich mir meistens ganz idyllisch vor. Endlich Zeit zum Lesen, für die Familie oder für Reisen. Doch was ist, wenn zum Alter einige Gebrechen hinzukommen? Wie sich das anfühlt, will das Seniorenzentrum Zschopau mit einer Alterssimulation an mehreren Stationen zeigen. Ich bin gespannt und stürze mich direkt mutig auf die erste aufgebaute Station.

Hier liegen auf einem Tisch Fotos von Gegenständen, die allerdings mit einem anderen Begriff beschrieben sind. "Hier geht es darum, sich die Begriffe passend zum Foto einzuprägen", erklärt mir Sandra Luge, Ergotherapeutin für die demenzerkrankten Bewohnerinnen und Bewohner der Einrichtung.

Demenzerkrankung für Einsteiger

"Das kann ja was werden", denke ich mir. Mir ist schon vorher klar, dass ich an dieser Aufgabe grandios scheitern werde. Visuelles Denken ist definitiv nicht meine Stärke. Aber ich probiere es natürlich aus. Konzentriert starre ich auf die Bilder und versuche mir innerhalb kürzester Zeit alles einzuprägen.

Dann schickt mich Luge an einen anderen Tisch und ruft mir zu, ich solle ihr den Bleistift bringen. Allerdings soll ich den Gegenstand auswählen, unter dem auf dem Foto das Wort "Bleistift" stand. Toll, was war denn das gleich noch? Die Zahnbürste? Der Schlüssel? Kurz entschlossen greife ich nach dem Flaschenöffner und liege natürlich prompt falsch.

Mit dieser Übung soll Verständnis für die Demenzerkrankung geweckt werden. Die Betroffenen könnten sich ähnlich wie ich gerade manchmal nicht mehr erinnern, wie die Gegenstände aussehen. "Geduld ist dabei das Wichtigste als Angehöriger", erklärt mir Luge.

"Man muss sich jeden Tag auf die Realität der Bewohner einstellen", sagt Sandra Luge, Ergotherapeutin für die demenzerkrankten Bewohnerinnen und Bewohner des Seniorenzentrums Zschopau. Bildrechte: MDR/Anett Linke

Das war nicht einfach und ich hoffe, dass ich an den anderen Stationen besser abschneide. Als nächstes soll ich bis 36 zählen und mir dabei Arbeitshandschuhe und dann eine Strickjacke anziehen. Zugeknöpft werden soll sie auch noch. Was so einfach klingt, stellt sich doch als relativ schwierig heraus.

Handschuhe und Jacke anziehen klappt noch in einer guten Geschwindigkeit, aber das Knöpfen? Ich werde beim Zählen immer langsamer und weiche am Schluss auf halbe Zahlen aus, um es zu schaffen. Ich könnte es jetzt natürlich darauf schieben, dass die Handschuhe einfach zu groß waren, aber an dieser Station soll das Gefühl vermittelt werden, dass Dinge nicht mehr so schnell gehen, wenn die Sensitivität in den Fingern nachlässt. Das kann ich jetzt definitiv nachfühlen.

Grauer Star und schmerzende Augen

Weiter geht es zu den Sehbeeinträchtigungen. Mit verschiedenen Brillen werden hier Augenerkrankungen simuliert. Zuerst bekomme ich eine Brille für "Grauen Star". Ich sehe eigentlich nur noch grau-gelblichen Nebel. Gerade so kann ich den Umriss eines Kopfes erahnen. Alles, was tiefer ist, liegt im Nebel versunken. Meine Augen versuchen die Brille auszutricksen und suchen die Stelle, durch die man noch etwas sehen kann. Da, ein ganz kleines Loch am rechten Auge.

Eine Mitarbeiterin des Seniorenzentrums hält mir einen Flyer hin und fragt mich, ob ich etwas lesen könne. Mit viel Konzentration und unter großer Anstrengung gelingt es mir, durch das kleine Loch in der Brille zumindest die Überschrift vorzulesen. Ich setze die Brille ab und muss mir erst einmal die Augen reiben.

Ich probiere noch andere Brillen auf, aber nach der vierten schmerzen meine Augen und fangen leicht an zu tränen. Schön ist definitiv anders. Mit Lesen würde es mit solchen Erkrankungen im Alter also nichts werden. Da müsste ich wohl auf Hörbücher ausweichen.

Mit Gehhilfe unterwegs als neuer Hochleistungssport

Bei der nächsten Station präparieren mich zwei Mitarbeiterinnen, bevor es losgeht. Als erstes bekomme ich eine Gewichtsweste, die eng an den Körper geschnürt wird. Atmen ist damit gar nicht mehr so einfach und das Gewicht, dass auf mir lastet, ist echt schwer. Auf Nachfrage erfahre ich, dass ich gerade rund 20 Kilogramm zusätzlich am Körper trage. Nun kommen Gewichtsmanschetten an den Handgelenken und Knöcheln dazu - plus Bandagen an den Knien, die eine Versteifung der Gelenke simulieren sollen.

Und wie soll ich mich jetzt noch bewegen können? Ich bekomme eine Gehhilfe und soll ein paar Schritte laufen. Dazu muss ich die Gehhilfe anheben, vor mir absetzen und mit den Beinen nachlaufen. Schon nach wenigen Schritten fühlt es sich an wie Hochleistungssport und meine Geschwindigkeit entspricht etwa der einer Schnecke.

Und wer trägt den Einkauf?

Nun soll ich auch noch ein Stück eine Treppe hochlaufen. Am beschwerlichsten ist tatsächlich, dass ich das rechte Knie gar nicht und das linke nur eingeschränkt beugen kann. Mit den Händen ziehe ich mich Stufe für Stufe am Treppengeländer nach oben. "Und wer trägt die Einkaufsbeutel?", rufen mir die Mitarbeiterinnen zu. "Hoffentlich ein fitter Enkel", rufe ich zurück.

Puh, ohne Hilfe möchte ich das nicht erleben. Nun die Treppe wieder runter und ab in einen Rollstuhl. Das bekomme ich tatsächlich ganz gut hin, da ich schon einmal Rollstuhlbasketball gespielt habe. Zumindest die Lenkung beherrsche ich also. Aber mit den ganzen Gewichten an mir dran ist es sehr anstrengend.

Mit dem Rollstuhl auf dem Weg zur Toilette gibt es für Anett Linke einige Hindernisse zu überwinden. Bildrechte: MDR/Benjamin Jakob

Mit dem Rollstuhl zur Toilette

"Stellen Sie sich vor, Sie müssen nötig auf die Toilette", sagt mir eine Mitarbeiterin. Auch das noch. Mit dem Rollstuhl umrunde ich den kleinen Platz und fahre auf eine kleine Rampe mit Tür zu. Das Problem: Es gibt eine Schwelle. Wie soll ich denn da allein mit dem Rollstuhl hochkommen? Ich versuche mein Gewicht zu verlagern und mit Gefühl das Hindernis zu meistern. Aber nein, ich stecke einfach vor der Schwelle fest.

Zum Glück haben die Mitarbeiterinnen Mitleid mit mir und helfen nach einigen Fehlversuchen. Doch was wäre, wenn ich wirklich allein in einer Wohnung mit diesem Hindernis gewesen wäre? Ich will lieber gar nicht so genau drüber nachdenken. Nun noch die Tür öffnen. Super, die geht nach außen auf. Also die Türklinke greifen, mit dem Rollstuhl vorsichtig zurückrollen, aber nicht zu weit, sonst lande ich wieder hinter der Schwelle.

Geschafft, endlich kann ich durchfahren. "Aber Tür noch schließen", wird mir zugerufen. Wieso das denn? Ach ja, ich soll ja eigentlich auf Toilette wollen und da lässt man die Tür nicht offen. Aber wie soll das gehen? Den Rollstuhl kann ich nicht drehen. Also versuche ich mit den verschiedensten Verrenkungen an die Türklinke zu kommen, um sie zuzumachen. Das wäre schon ohne die ganzen Gewichte kompliziert. Schließlich schaffe ich es und habe diese Übung beendet.

Bitte, bitte, lasst mich nie allein in einer Wohnung im Rollstuhl stranden, die nicht behindertengerecht ist.

Wie es sich anfühlt bettlägerig und auf Hilfe von Pflegekräften angewiesen zu sein, konnte ebenfalls ausprobiert werden. Bildrechte: MDR/Benjamin Jakob

Einmal bettlägerig und auf Hilfe angewiesen sein

Als letztes geht es zu einem Pflegebett. Hier erlebe ich, wie es sich anfühlt, bettlägerig zu sein. Die Pflegefachkräfte geben mir etwas zu trinken, füttern mich mit einer Quarkspeise und lagern mich zum Schlafen. Hilfloser habe ich mich wirklich noch nie gefühlt. Zum Glück haben wir gerade keinen Zeitdruck, aber ob das im realen Alltag auch so entspannt abläuft? Durch die ganzen Gewichte bin ich aber kaum in der Lage, im Liegen etwas allein zu erledigen. Selbst an einen Notfallknopf heranzukommen wäre Schwerstarbeit.

Nun ist es soweit, ich darf aufstehen (mit Hilfe natürlich) und werde von den ganzen Gewichten befreit. Es ist ein unglaublich leichtes Gefühl der Freiheit, sich wieder normal bewegen zu können. Was für ein Unterschied. Dieses Experiment hat mir spannende Einblicke eröffnet und ich werde definitiv geduldiger mit alten Menschen im Alltag sein. Wer sich so fühlt und sein Leben damit meistert, hat meinen Respekt verdient.

Wer kann die Alterssimulation ausprobieren?Das Seniorenzentrum Zschopau hat die Alterssimulation fest in der Ausbildung verankert. "Unsere Auszubildenden können durch diesen Perspektivwechsel viel mehr Verständnis für unsere Bewohnerinnen und Bewohner aufbringen", sagt Einrichtungsleiterin Kerstin Hasler.

Doch auch Schulklassen können in das Seniorenzentrum kommen und ausprobieren, wie es sich anfühlt alt zu sein. "Gerade das Rollstuhlfahren kommt bei den Jugendlichen immer sehr gut an", sagt Hasler.

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